Category Archives: Stellt Euch mal vor..

Man liest vom Ende der Fotografie

“Man kann einer Fotografie nie mehr trauen. Sie gibt vor, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit entstanden zu sein – doch das kann auch eine reine Erfindung sein.” Ein Zitat David Hockneys aus einem Interview mit dem Spiegel. Das liegt 7 Jahre zurück und ich beginne, mich näher heranzugooglen an dieses Thema. Unlängst nämlich lag das bereits 1979 erschienene, fotografie-kritische Buch Über Fotografie von Susan Sontag auf dem Tisch des Buchhändler meines Vertrauens. Bald darauf gehörte es zu meiner Bettlektüre. Die darin diskutierte Vorstellung vom Ende der Fotografie hat mich etwas befremdet: Bei diesen ganzen im Netz herumschwirrenden unvorstellbaren Mengen an Aufnahmen etwas komisch, dachte ich mir zuerst. Aber die Sichtweise zielt auf etwas, das mit dem ursprünglichen Funktionswert der Fotografie zu tun hat: mit der einst allein der Malerei eigenen -und jetzt diese ablösenden- Autorität, die Wirklichkeit darzustellen. Diese schwindet tatsächlich in ein bodenloses Nichts, bedenkt man es etwas näher: die Möglichkeiten, per Rechner und Bildbearbeitungs-Software in fast jedem erdenklichen Maße ins Bild selber einzugreifen ist schon in die Wohnungen der Normalos eingezogen. Und die dargestellte “Wirklichkeit” kann von jedem im eigenen Sinne beeinflusst werden. Und das gar, ohne bei der Herstellung des Bildes per Kamera dabei gewesen sein zu müssen. Postproduktion sag ich da bloß- von der serienreifenden Lichfeldfotografie erstmal gaaanz zu schweigen. Man liest ja auch von Werbekampagnen multinationaler Konzerne, die für neue Kampagnen aus den Portfolios von Postproduktions-studios auswählen, während die Sichtweise des eventuell in Frage kommenden Fotografen zur Herstellung des “Ausgangsmaterials” als sekundär gesehen würde… Das Wort Hochglanz und Branchenlevel als Geisel der bildbearbeitenden Menschheit.. Welch überraschend deutlichen Satz von Daniel Boschung zum Beispiel las ich neulich, sehr selbstkritisch -und ausgerechnet als Inhalt der (mittlerweile verschwundenen) Laudatio zum Jahrbuch-Award des bff.de: “..man sehe sich nur den Triumph der Künstlichkeit an, der in der Rubrik „Transportation“ herrscht“. Die fotografisch Kreativen sind sich offensichtlich in aller Deutlichkeit bewußt, wo sie sich gerade mit ihrer Tätigkeit bewegen.. Dazu noch einmal David Hockney: “Jetzt ist diese Kontrolle der Welt durch die Sehweise der Linsen und der Kameras ihrerseits ans Ende gekommen – weil sie von der digitalen Bildbearbeitung ad absurdum geführt wurde und die Sehnsucht aufkommt nach einer neuen Wahrhaftigkeit in den Bildern.” Es wird klar: die Fotografen sind sich dieses “irrealen” Aspekts ihrer Arbeit nicht nur wohl bewußt, ja, ich fand durch bloßes Herumsurfen andere Künstler, wie Keith Cottingham, der genau dieses Thema von der quasi gegenüberliegenden Seite angeht und so tut, als wäre die Fotografie reines Mittel zur totalen Erfindung: “These are documents of no place, of no time, and of no body” heißt es sehr eindrücklich im Einführungstext zu seinem Werk “1999 history re-purposed” unter dem Tenor Can we ever know the truth of the past? Is there such a thing as scientific objectivity? Die Fotografen Peter Funch, Nicolas Dhervillers, Robert Overweg kümmern sich ebenfalls darum, jeder auf seine spezielle Weise- sie sind die ersten paar, die ich schon entdeckt habe. Und: es werden sicherlich nicht die letzten sein. Wann aber wird diese Einstellung zu fotografischen Bildern im allgemeinen Bewußtsein angekommen sein, frage ich mich angesichts dieser unaufhaltsamen Entwicklung, die Wahrnehmung, Kunst und technische Entwicklung da produzieren: daß man Bilder nicht mehr als Abbilder der Realität sieht, sondern als.. mh- keine Ahnung als was. Als bunte Variationen der Fantasie, als raffiniertes-Konstrukt-der-abbildbaren-Wirklichkeit-im-Baukastenprinzip, wie zum Beispiel die leuchtenden Bilder von Ruud Van Empel ?? Und wie wird sich dann der Blick auf die Welt per se ändern?? Die aktuelle Bilderschwemme ist noch zu nah dran an den Sehgewohnheiten- diese wiederum erzeugen weitere Ströme an Bildern, als daß man jedes Foto gleich als reine Ausgeburt der Künstlichkeit identifizöre..     Zur selben Zeit entdecke ich auch die verwirrenden Bilder der Pictorialisten– Fotografen, die Fotografie als Kunst anerkannt sehen wollten und um die Wende zum 19. Jahrhundert hin Fotos zu Bildwerken stilisierten. Diese geschah mithilfe des Labors, in dem der der Fotografie als abhold gesehene “künstlerische Touch”, die Aura des Unikats/Originals mithilfe von Entwicklungs- und Dunkelkammertechniken erreicht werden sollte. Zitat: «Für manche war das Negativ nur die Skizze, die erst im Ablauf von Entwicklung und Abzug zur Kunst wurde. » Das kam man hervorragend an den Bildern von Hugo Henneberg, Léonard Misonne oder Constant Puyo nachvollziehen, bei deren ersten Anblick es rätseln macht, was genau man denn da vor sich hat: die Werke wirken durchweg wie Gemälde auf mich- völlig durchkomponiert, wie man das auf Fotos heutzutage nur bei den Großen sieht. “Lustig,” dachte ich dabei: “da verschwindet jemand wieder durch die Tür, durch die er gekommen ist.” So schließt sich ein Kreis, in dem sich beim Ringen um Anerkennung Authentizität und Künstlichkeit in den Schwanz beißen.

Am Schluß bleiben hie wie da die Bilder, die ansprechen im Gedächtnis. Nur mit Wirklichkeit müssen sie nichts mehr zu tun haben, das ist das Neue in der Geschichte der Wahrnehmung.

PS.: zwei Bilder hier auf dieser Seite sind nicht durch den Photoshop gedreht. ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Beady Belle: “Closer”, Jazzland, 2005

David Byrne: “Music For The Knee Plays” ECM, 1985

Donald Fagen: “Morph The Cat”, Reprise 2006

Groove Armada: “Late Night Tales”, Late Night Tales, 2008

various artists: “The White Room”, Sony Music 2004

Alles ist real. Nothing is real..

Ich kauf mir, erst vorgestern, ein Buch über Museumsarchitektur. Eins mit vielen Fotos. Ich freu mich: dieser ganze großartige Bilderschatz – ab sofort und daheim jederzeit zu meiner Verfügung! Aber auch: eine neue Portion State-of-the-Art in meine Hütte. Und ein dicker Nachschlager, um eine von Menschen gestaltete Plätze und Innenräume enzyklopädisch wirkende Gedächtnisstütze im Regal zu haben. Das Verschwindenlassenkönnen der baulichen Stadtlangeweile an bestimmten Tagen, die sich quälend meiner Aufmerksamkeit bemächtigt, on demand gewissermassen.

Wow, denke ich die ersten 150 Seiten lang- was kann man alles machen, wenn der “Repräsentationsgedanke” den ökonomischen mal überholen darf. Dann fische ich mit den Augen nach Angaben des Architekten,  dann nach Baudatum. Noch mehr wow: da stehen Baudaten, drin, die in der Zukunft liegen (!) Ich blättere also in einem Buch, das ich (auch) als potentiellen Reiseführer zu “interessanten” Plätzen der Welt erstanden habe und muß lernen, daß es diese Plätze de facto noch gar nicht gibt.

Und tatsächlich erhasche ich, munter geworden, ab und an einen fotografischen Blick auf Baustellenzustände als winzige Randbilder, während das Große, Prächtige die eigentlichen Seiten füllt. Bei genauerem Hinsehen und jahrelanger Erfahrung als Photoshop-Betreiber fällt mir das Collagenhafte dieser Bilder erst irritierend, dann immer stärker ins Auge. Die Frage taucht auf, ob ich mir mit so einem Buch nicht genarrt vorkommen mag. Aber: Museumsarchitektur als Buch muß ja keineswegs Beispiele in der offline-welt aufweisen können. Es geht hier, das ist eindeutig, um Ideen. Die Darreichungsform Print  und die gerenderten Ergebnisse darin passen für mich nur konzeptionell nicht so recht zusammen. Unwillkürlich muß ich an komplett virtuelle Welten denken, an die Games World, an Achitektur Simulations Software, aber auch an solch faszinierende künstlerische (Gedanken)Weiterentwicklungen wie die des Fotografen Robert Overweg. Der klickt oder scrollt oder hackt sich in seinen Spielewelten bis zum “Rand” und macht dann ein Erinnerungsfoto..

Von noch mehr Bildern dieser realen Welt, die diese langsam zu überwuchern drohen, so erfahre ich von einem (leider vom Netz genommenen) Artikel bei frieze d/e, werden per Rechnerleistung, Mustererkennungsalgorithmen und Geodaten, die mittlerweile automatisch per Kamera zum Bild dazugespeichert werden, zusammengefügt. Das Resultat ist eine (noch) einzigartige neue Virtualisierung der Welt, die von miteinander Unbekannten Fotografen, Amateuren und Handyknipsern durch Freigabe als etwas neues Ganzes kreiert werden.

Bei dieser vormittäglichen Lektüre erwacht meine Faszination mit der Vorstellung, wie diese Welt wohl in der Zukunft erfahren werden wird. Und ich kann als Anregung mal wieder aus meinem Charakterschutz zitieren, da, wo er sich mit Kindern, ihrer Assimilation der virtuellen Welt (der GAMES) und ihrer (möglichen künftigen) Erfahrung der Welt beschäftigt:

“Auch hier spielt sich das wahre Leben ab, es sieht nur künstlich aus. Dabei ist es nur ein Schritt näher an der Verwirklichung uralter Menschheitsträume, und die sind rather konstant, würde ich mal so behaupten. Beispiel: Rapper virtualisieren sich. Werden den Kindern zu fernsteuerbaren Gutewichten. Und somit unsterblich, leben ihre digitalen Abdrücke doch das Leben der Kinder mit, werden zu Spielkumpanen. Zwar in ihrem Leben jetzt virtuell, dafür in deren zukünftigen Memoiren real.”