Category Archives: Postkarten

Als ich das fotografiert hab, wars noch evangelisch..

Am 21. Februar vor fünf Jahren (!)  – ich schreib das immer exaktestens mit – kam das Paket aus der Druckerei. Und hat seitdem ein sehr ruhiges, schachteliges Leben in meinem Postkartenarchiv geführt. Kirchen, das hab ich mittlerweile gelernt, sind auf Postkarten nicht so der Renner hier in der Stadt.Zumindest solange da nix anderes drumrum – oder halt deren Interieur – zu sehen ist, wie beim Motiv Mannheim Serie 05 «le ciel beige», Nummer 3/10 hier links unten.

Oder rechts Kirchturm Martin-Luther-LU-plus-ParkDeckDach (der Rhein-Galerie, rechts).. Vielleicht sollte ich mal die noch fehlenden* fotografisch ausprobieren?

Aber: mach ich ja! Bei der Christuskirche ebenso wie bei der Konkordienkirche schrillt mir immer soo laut die Klischeeklingel – bei jedem neuen dann immer abgeblasenen Versuch! …und die St. Konrad ist nie so passend NASA-mäßig beleuchtet, daß mich das richtig kickt. seufz..

Dabei ist die Trinitatiskirche, fertiggestellt 1959 im Mannheimer Quadrat G4 etwas Besonderes in der Zeit. Sichtbeton und handgefertigte Glasbausteine, gar aus Chartres angekarrt, ergeben mit den sonst recht schmucklosen Außenflächen einen besonderen Reiz, der damals wohl den Beginn einer neuen Zeit präsentierte. Und einige Preise einheimste.

Nach dem stetigen “Verblassen” der dazugehörigen Gemeinde, Leerstand, Personalgemeinde-Status, dem Ringen um Erhalt, Denkmalschutz seit 1994 Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung, diversen nicht weiter verfolgten Neuanfängen in anderer Funktion wird die Kirche 2017 nun endlich&definitv zum Tanzhaus konvertieren. Gerüst steht schon seit gefühlt drei Wochen hab ich gesehen, die Arbeiten laufen. Also kann ich doch parallel auch mal über ne Postkartenmotiv-”Umnutzung” nachdenken (Ähem):

57210029trinitatis-collage   57210029trinitatis-collage-   57210029trinitatis-collage2

Offizielle Entwürfe/Infos zur neusten Geschichte(n) gibts auf dem baunetz.de, und nen neuen Namen zur hauseigenen Webseite auch: das eintanzhaus.de

Also wechseln meine Covers hier auf der Postkartenseite die Plätze. Lustigerweise, weil das letzte start-67960012mvvxxmit dem Stadtwerke-Hochhaus nun durch Abschraubung/Logowechsel historisch geworden ist. Und: unscharf und noch nicht richtig historisch.. also nee.. ab ins Archiv, da wird grad ein Platz frei ;-)

Die “alte” Karte könnte nun durch die aktuell vollzogene Umnutzung vielleicht neue Fans finden. Jetzt muß ich nur noch die Ladenbesitzer der Stadt überzeugen, sie bis zur offiziellen Eröffnung in fünf Wochen ins Programm zu nehmen. Endlich.

Hier mein propelleriges Ergebnis: ich hab ziemlich rumgeschnippelt, gedreht, gespiegelt und die Spalten zugekittet, das “Tri” aber behalten ;-)
PS.: Wer sich für den architektonischen Neuanfang Mannheims nach Ende des Zweiten Weltkriegs interessiert, der kann ja mal antiquarisch fahnden (und die Kirche frisch abgeputzt mit damals ebenso brandneuem VW-Kombi vorne dran auf Seite 100 finden) nach “Eine neue Stadt muß her! – Architektur und Städtebau der 50er Jahre in Mannheim”, LUKAS Verlag, ISBN: 3-931836-28-2 ,eine “Sonderveröffentlichung des Stadtarchivs Nr. 25″

– “..ist allerdings sehr rar!” meint Herr Krause  von der Quadratebuchhandlung.

*da sind auch noch weitere 50er-Jahre Gebäude aufgeführt.

_____________________________________________________

Musik beim Umwidmen heute:

Dzihan & Kamien: “Gran Riserva”, 2002, Couch Records

die Welt im Spiegel

Nicht die ganze, sondern grad mal knappe 10 %. Hab ich grad nachgemessen. Die “restliche” Welt liegt außerhalb, neben und hinter dem Spiegel. Und ergänzt und ergibt das neue Mannheim-auf-Postkarten-Motiv mit v.r.n.l.: NeckarNorduferBebauung, Collinicenter und Fernmeldeturm. Kennt jeder in Mannheim, nur nicht so direkt nebeneinander “aufgestellt”.Mannheim-Serie-04-2-10Aber jetzt: wo gibts diese alles erklärende Balustrade ? Mmh..  die vom Schloß (erste Rückmeldungen zur Karte) kanns nicht sein, denn von dort gesehen läge das Collinicenter knapp rechts von den anderen dreien – womit wir bei der Gewinnspielfrage plus heute wären – siehe unten.

Und somit ist sie vorgestellt: die erste Postkarte, – es ist mein einundfünfzigstes Motiv – bei der ich vom selbstgewählten Dogma der ersten neun Jahre  gleich zwiefach abweiche: zum ersten Mal nicht von öffentlichen Plätzen aufgenommen und dann  nicht nur Vorgefundenes fotografiert,  sondern auch noch nicht nur Mitgebrachtes, sondern gar geplant Aufgestelltes: meinen humble Garderobenspiegel nämlich (hier meine Skizze nach Erstbegehung zur Situationserfassung,  Visualisierung & Ideengewinnung ).

Dieser Spiegel mußte aufs Dach, damit ich mit seiner Hilfe endlich mal die Stadtaufstellung  “korrigieren” konnte.

Eine alte Idee, nicht nur von mir, entsprungen dem Unmut über die unfotogene “Aufstellung” der Stadt. Generell, himmelsrichtungstechnisch und gebäudemäßig untereinander. Das fällt jedem auf, der sich fotografisch längere Zeit mit Mannheim beschäftigt. Irgendwann wünscht man sich die Sonne von der anderen (unmöglichen) Seite, mal die Verrückung eines störenden Elements – meistens Architektur, oft aber auch Bäume und Sträucher, von Kabeln, Masten und “Werbebannern” mal ganz zu schweigen.

Ich hege gar den Verdacht, das ist in fast jeder Stadt so: die Stadtplanung vernachlässigt die Fotogenität – Skandal! ;-)   Zur Bestärkung dieses auf Anhieb merkwürdig anmutenden Unmutes fand ich dann ausgerechnet in der Wettbewerbs-Ausstellung zum Neubau der Kunsthalle Mannheim  im Portfolio des teilnehmenden spanischen Architekten Rafael Moneo den Satz: “Der Wiedererkennungswert eines Ortes ist fast so wichtig wie der Ort selber.” Könnte auch von einem Postkartenfotografen stammen, dachte ich mir beim Lesen (mehr dazu in einem entsprechenden Artikel  vom Mai 2013).

Kurz: das alles hier könnte viel fotogener platziert sein!

  • Prominenteste “Falschaufstellung”: das Schloß: geht strikt nach Norden raus, dieser Ehrenhof und damit hat man immer: Schatten. Auf jedem Schloßfoto also: ungleichmäßige Beleuchtung, die immer und immer das Bild der abzubildenden Symmetrie, der Standardvorgabe als “Kartograf” unterläuft und ein Gefühl des Nichterreichens erzeugt. Es sei denn, man erwischt in der blauen Stunde eine solch genial ebenmäßige “Un”beleuchtung wie Annette Schrimpf.
  • Prominenteste “Fantasieaufstellung”: das MVV-Plakat von Ralf Hackeland c/o pozzi.de – MANNHEIM ALS SPIELZEUGSTADT – das hat mir sehr gefallen und meinem Unterbewußten anscheinend ;-) ebenfalls.
  • mein derzeitiger Lieblingszukunftsstadtblick – nämlich der von oben, per Drohne aufgenommen: Philip Hoheisel steuert seine frühe-Vogel-Kamera knapp überm Lindenhof. Ob das allerdings ein Markt für klassische Postkarten werden kann, wird man  abwarten müssen. “Ansicht” gewiß, aber nachvollziehbar für die Lieben daheim? “Da unten stand ich frühmorgens an Gleis 1″? Oder als DigitalSouvenir tauglich, so mit “den besten Stellen angekreuzt“?

Und das mit dem Spiegel fand ich ausprobierenswert. Keine Fotomontage, sondern eine fotografierte “Montage”, die auf der immer unsichtbarer werdenden Grenze von “gemacht” und “das gibts so” versucht, ihren Platz zu finden. Denn klar weiß auch ich, daß fast “alles geht”, trotzdem bin ich noch gefühlt ewig davon weg, Euch in meiner Abteilung Postkarte, deren Authentizitätsdogma ich fast so ernst nehme wie die Jury des World Press Photo Awards ihre Arbeit hier irgendeine zusammengepusselte Stadtfantasie druckfertig zu präsentieren. Eher versuche ich, so modern wie (mir!) möglich zu sein-  will heißen: so gedankenlos und nur auf den SchauWert/Effekt bedacht wie mein .. bilderhungrigster anzunehmender User.. auf neue Ideen zu kommen.

Daß dabei die Gefahr besteht, daß ich irgendwann an das Klischee vom Ideal der allen gefallenden Karte herantreibe, kommt mir ob meiner eingefleischten, durchtrainierten und sehr gut funktionierenden Klischeeklingel – ich guck einfach zuviele Bilder – sehr unwahrscheinlich vor. Und außerdem habe ich ja Euch als Regulanz (Beispiel Axel S.:”Bääh – diese Karte sieht ja aus wie “offiziell”)!

Alla hopp: Monnemkenner vor! Gewinnt zehn mal ein 10er Set Mannheim-auf-Postkarten nach Wahl!

Wer bis zum 31. Oktober des Jahres an gewinnspiel[ät]mannheim-auf-postkarten.de den korrekten Namen des Mannheimer Gebäudes mailt, nimmt an der Verlosung unter Ausschluß des Rechtsweges dieser zehn Sets im praktischen, signierten Geschenkschuber teil. Kreuzworträtseltipp: dieses historische Gebäude hat einen aus 9 Buchstaben bestehenden Eigennamen.

Viel Glück!

Postskri. P. Tum: Und ob es nun die Frage ist, ob das denn nun Mannheim ist (pur, echt, typisch etc.), ob man das arrangieren darf, wem das denn gefallen mag..

Austesten! Ich bin damit glücklich!

Denn NATÜRLICH ist das Mannheim – a) wo sollen diese Silhouetten denn sonst sein – und b) das Arrangieren mit Spiegel find ich, öffnet Türen, macht wach für die unentdeckten Möglichkeiten der Stadt, könnte eine neue Sportart auf instagram werden, so wie zum Beispiel #asenseofperspective, #faces_in_things, #wersolchehaushaltshilfenhatetc oder das noch, äh, kleine #mirrorcity..

Weitere großartige, den Tellerand aufbohrende Spiegelei fand ich im Werk von Barbara Kasten *1936 und in der grandiose motion picture timelapse Version von Michael Shainblum (den schätze ich so *1986 ca.).

Mir auf jeden Fall bleibt außer den Karten ein unretuschierbares Souvenir der undigitalen Art en plus:

16630023

Das hat nun nen doppelten Ehrenplatz: eine Windböe nämlich brachte den nur provisorisch mit Mineralwassersixpacks “senkrechtierten” Spiegel irgendwann zu einem langsamen, aber unerreichbaren Kippen. Da half: flugs ein Foto des Wurfs machen, die beiden großen Reststücke einpacken.. und glücklich sein, daß das Foto im Kasten war.

_________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Dinah Washington: “Destination Moon” (Soundtrack zu obigem #wersolchehaushaltshilfenhatetc-Link)

Stereolab: “Dots And Loops”, 1997, Duophonic

various artists: “Artificial Intelligence II”, WARP 1994

Just Jack: “Overtones” , Mercury, 2007

Donald Fagen: “Sunken Condos”, Reprise, 2012

Des könnt´ ja überall sein! – die Mannheimer Kriterien

Pompeo Batoni (1708-1787) ist der Erfinder des Touristenporträts.” – so ein schöner Satz! Da steckt so viel drin! Und ein Künstlername, der nichts zu wünschen übrig läßt! Und dazu auch noch echt! Weiter heißt es zu unsrer Erhellung: “Er entwickelte diesen Porträttyp für englische Touristen in Rom” und weiter “..Es verbindet gesellschaftliche Attribute und Souvenir-Darstellungen.”Diese Touristen kommen auch  irgendwann ins Spiel, wenn man wie ich “in Postkarten” macht. Nicht nur als Käufer- das natürlich hoffentlich auch-, sondern in der Argumentation hinsichtlich der Gestaltung dieser Karten. Ansichtskartenkäufer und das-Schielen-auf sie als Zielgruppe nehmen  bemerkenswerten Einfluß auf ihre Verbeitung (oder Nichtverbreitung) in den Läden der Stadt. Das ist keine leicht dahingegtippte Theorie, sondern meine Erfahrung im Selbstvertrieb nach fünf Jahren (!)

Wir sind hier für Touristen, und wenn wir denen immer erklären müßten, daß das der Wasserturm (das Wahrzeichen Mannheims) gespiegelt ist- also, nää!” (2007) oder, etwas konstruktiver, pädagogisch- und empathischer die Erklärung

Touristen wollen ein Dokument. Eine Karte, die das zeigt, was man sieht, wenn man direkt davorsteht. Um sagen/schreiben zu können: DA war ich.” (2012)

Das sind Sätze, die ich zum Thema Motivauswahl und -gestaltung schon in all ihrer Deutlichkeit vernehmen durfte. Eine nicht mal leise Forderung nach Souvenir-Qualitäten der Karten, die ich da durchhöre. Überraschenderweise ein Attribut, das ich – ich gebe es hiermit gerne zu- bislang noch gar nicht in Betracht zog, so sehr war ich mit rein Ästhetischem beschäftigt.. Als slogan-ähnliches Händler-Feedback Nummer Eins zur Kompatibilität mit dem global mitmächtigsten Wirtschaftszweig allerdings habe ich als Titelzeile gesetzt- “Des könnt´ ja überall sein!” Eine häufige Reaktion, wenn es um Bilder wie diese geht:  alt= Allen diesen Argumenten stehe ich verständnisvoll gegenüber, wittere jedoch eine nicht nur ästhetische Sackgasse in ihnen. In dieser angelangt, wären nämlich nur noch jedermann auffallende Bauten, professionell gestaltete Gartenanlagen, meinetwegen auch Plätze, Alleen und natürlich Blumen-vor-Wahrzeichen als Motive für Postkarten erlaubt. Mannheim und Ludwigshafen bieten aber unendlich mehr- zumal das Aufkommen von Architektur des Kalibers Bilbao-Effekt eher als in den Anfängen zu bezeichnen wäre. In der Ausstellung zum Neubau der Kunsthalle Mannheim las ich im Portfolio des spanischen Architekten Rafael Moneo den Satz: “Der Wiedererkennungswert eines Ortes ist fast so wichtig wie der Ort selber.” Könnte auch von einem Postkartenfotografen stammen, dachte ich mir beim Lesen.  alt= Kunstobjekte im öffentlichen Raum spielen für mich und meine Auffassung von der Unverwechselbarkeit eines Ortes eine ebenso große Rolle: alles, was einen Raum einzigartig werden läßt- und gerne dazu noch fotogen ist, kommt mir da sehr entgegen ;-) .

Als schlagendes Beispiel der Kategorie Bescheidenheit der Mittel PLUS Erfindungskraft sei hier Carhenge erwähnt: 38 grau lackierte Automobil-Oldtimer, die 1987 an entlegendster Stelle im US-amerikanischen Acker Nebraskas eingegraben wurden und nach knapp zwanzig Jahren Bestehen (!) im Jahre 2006 die Einrichtung eines Touristenzentrums.. erlaubten! Und im November 2015 (Nachtrag vom 27.9.2016) fand diese Idee/dieses Bild gar malerisch-dahingewelkt im Computerspiel Fallout seinen Niederschlag.

Nun läßt sich weiterhin natürlich vortrefflich darüber streiten, was Touristen wollen– ich sehe mich da nicht zu sehr in der Rolle des Erfüllers von vorgeahnten Wünschen eines Stereotypen- ein Minenfeld an irrigen Annahmen, wie ich finde- ich sehe die Postkartenmacherei eher als Beitrag zur Dehnung der Begriffe. Der Begriffe “Ansichtskarte”, der Vorstellung, was denn nun an der Gegend, Stadt, an genau diesem Bauwerk etc. reizvoll ist und: für wen. Und arbeite dadurch gewissermaßen an der Loslösung von einem platten Touristenbegriff.

Daß ich in einer Gegend großgeworden bin, in der Tourismus eine entscheidende Rolle im Wirtschaftsleben spielt, läßt mich hier doch recht milde-nachsichtiger mit dem Begriff -und dem Anschmiegen der Motive an so etwas doch Ehrgeiziges wie- Stadt-Tourismus umgehen.. Und: letzten Endes sind es doch immer wieder Bilder, die mir -auch in der Eigenschaft als Einwohner- gefallen müssen, da beißt die Maus Null Faden ab. Daß parallel auch die Mannheimer/Ludwigshafener ungewohnte=neue Blicke auf ihre Stadt zu schätzen wissen, ist ein sehr erfreuliche Art von Applaus, den ich bislang kennenlernen durfte & der mich in der Gewissheit bestärkt, genau da weiterzumachen ;-) Deshalb würde ich das allgemeine Motto und den munter fortbestehenden Willen zu immer neuen Ansichten in DIN A6 eher so zusammenfassen:

Das alles kann Mannheim (oder Ludwigshafen) sein!

mannheim-auf-postkarten.deludwigshafen-auf-postkarten.de ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute: Cheb Mami: “Dellali”, Virgin France, 2001

The Postkarten Casting Show

Die Zielsetzung, eine Stadt zu fotografieren, gebiert erwartungsgemäß eine Agenda: Kenntnis ihrer gewinnen, Kenntnis der schon vorhandenen, veröffentlichten Bilder, und, davon ausgehend: Entwicklung einer persönlichen Motivgewinnung, der fotografischen Annäherung und anschließende erfolgreiche Entscheidungsfindung. Mit dem Plan, Postkarten der Stadt, in der man lebt, zu machen, hat man oh Schreck das selbstgewählte Los an der Backe, daß jedes Bild für sich Einzelkämpfer sein muß.

Ganz im Gegensatz zu Serien in Galerien oder gar Fotos in gleichnamigen Büchern. Denn: verkaufen sollen sie sich, und niemand gibt auch nur 10 Cent für ein Bild aus, das nicht anspricht, also: nix taugt. Beide, Motivgewinnung und Entscheidungsfindung haben einen

gemeinsamen Berührungspunkt: den Übergang zwischen Tat und Idee.

Damit die fotografische Tat Sinn macht für mich, muß, als Vorbereitung gewissermaßen, Geschmack und Erfahrung vorhanden sein- das ist die meiste und unterschätzteste “Arbeit”, bevor man zur Kamera greifen und die Wohnung verlassen sollte. Also gilt: viele, viele, viele Bilder anschauen. Die müssen auch nicht mal direkt mit dem gewählten Thema zu tun haben.Es geht darum, Gutes selbst erkennen zu lernen.

Das Internet ist hierfür ideal geeignet. Jedweder Idee, Künstlernamen oder Stilrichtung kann augenblicklich nachgegangen und Anschauung hergestellt werden. Ich zum Beispiel bin momentan fasziniert von den Bildern in einem kürzlich erworbenen Buch namens “Orientalismus”. Da gibts Gemälde von Ingres, Prosper Marilhat oder Alberto Pasini drin, die mich ob ihrer Qualität, was Lichtführung, Realitätstreue oder Bildaufbau angeht – alles natürlich auch fotografisch anzustreben- völlig begeistern. Doch zurück zur Motivgewinnung/Entscheidungsfindung. Nachdem man lange genug um zum Beispiel das Wahrzeichen der Stadt (als Einsteiger zum Warmwerden) herumgesnoopt hat, mag man die zwei unten abgebildeten geometrischen Antipoden gefunden haben und nun, da die Motivgewinnung im ersten Schritt erledigt ist, sich nun mit Probeaufnahmen um die Verwirklichung des angestrebten Kartenmotivs kümmern. Wir hätten da heute drei exemplarische Kandidaten und versetzen uns zum Zwecke der Entscheidungsfindung an die Jury-Position Abteilung gnadenlos, aber gerecht. Nummer eins auf der C-Couch:

Ein dreifarbiger Abendhimmel, Gegenlicht, griffige Silhouetten- wunderbare Bauteile! Nur ist das Bildgleichgewicht leider nicht vorhanden- zugunsten der winzigen Figur, die nur Einheimische einordnen können unten links, wird auf die essentielle Balance im Gesamten- ob ausgewogen oder unter Spannung- komplett verzichtet.

Solch eine Himmelsfärbung ist, obwohl fotogen, leider schon zu sehr in die Klischeefalle eingebettet, so daß sie nur in extrem gut (wolken-)gestylten Fällen Verwendung finden sollte. Zudem ist der Helligkeitsübergang von links- hell nach rechts-dämmerig ebenso wie die Lage der Protagonisten geeignet, das grafische Ungleichgewicht zu verstärken:

der Kreis, eigentlich ein Rad von Künstlerhand, und das Stadtwahrzeichen Mannheims, der Turm, stehen im Bildrahmen unglücklich/unentschieden weit auseinander und zu weit rechts, wirken dadurch beziehungslos und etwas verloren, obwohl sich ihre Umrisse eigentlich sehr gut ergänzen. Aber: unregelmäßiger=störender Rad”stand”, überflüssige, das heißt, die Silhouetten störende Bäume und ein im Dunklen versinkender, halber Turm-

ein völliges No-Go. Also: out! Nächster Kandidat:

Andere Größenverhältnisse: das “kleinere” Rad wird nun durch perspektivische Verzerrung “aufgeblasen”- ein guter, da verwirrender Effekt- die realen Dimensionen beginnen, sich aufzulösen, dem Betrachter nicht mehr fassbar zu sein. Pluspunkt weiterhin:

beide Umrisse ergänzen sich nun mehr, erzeugen die angestrebte Balance, da sie auch vom optischen Gewicht und ihrer Lage zueinander in einer fotogeneren Beziehung stehen: der in der Luft schweben zu scheinende Turm in seiner Lage zum Rad auf seinem Sockel: ok. Auch sehr gut, da dramatisierend:

die Lichtüberstrahlungen im Innenkreis, ebenso das leuchtende Wasser der Fontäne. Das Pärchen addiert eine romantische Note, setzt (allerdings) auch den menschlichen Größenmaßstab ins Bild. Nun sind aber leider zu viele Elemente auf dem Rechteck des Bildes versammelt. Zudem gibt es einige störende Details, die auch dieses Bild wieder ausscheiden lassen:

Die Fontäne müßte vollständig lichtdurchflutet sein, die Wolkenzeichung könnte das Motiv besser unterstützen umrahmen, betonen. Was sie leider nicht macht. Schade, schade, aber: weg damit. Immerhin kann man, wenn man sich der “Lösung” schon recht nahe fühlt, diese Konstellation im Hinterkopf behalten. Vielleicht ergibt sich eines Tages die optimale Zusammenstellung:

der Himmel spielt mit, das Gegenlicht vergoldet zum Beispiel auch noch das Pärchen, oder gar unerwartete Blendenflecke eliminieren alles bislang Störende. Ja, ich weiß: Zeit für Regisseure, Beleuchter und die computergestütze Bilderzeugung. Und ade Postkartenfotografie, die ja per se realitätsnah sein muß.. Also wieder nix. Schlußendlich öffnete sich dank Klischeeüberdruß und daraus sich ergebender Experimentierfreude noch unverhofft die Tür mit der Aufschrift “out of focus”- eine also schon im Augenblick der fotografischen Aufzeichnung absichtlich unscharf gestellte Optik und brachte das Gewünschte: Zufriedenheit UND Rätselhaftigkeit auf einem Bild:

Turm und Rad sind wieder auseinandergerückt, beherrschen mit Himmelhell oben und ErdDunkel unten aber komplett das Bild in ausgewogener Beziehung. Details sind größenordnungs- oder helligkeitsmäßig zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft oder fügen sich unmerklich suggerierend in den Untergrund. Ein paar dunkle Wolkenschleier dazu- unsere Protagonisten wirken nun plötzlich, als seien sie in freier Natur, nur umgeben von Wald, Wetter und Feld, vielleicht in einem abgelegenen Skulpturengarten aufgestellt. Und nicht an einem der zentralen Plätze mitten in dieser 300.000 Einwohner Stadt, der für seine Jugendstilausführung bekannt ist.

Postskriptum: wie man an der Wetterlage erkennen kann, sind zur Motivgewinnung fast immer mehrere, zeitlich oft weit auseinanderliegende Aufnahmen vonnöten. Dieser Aufgabe sieht man sich IMMER gegenüber, wenn man ein bestimmtes Motiv in der Sammlung haben will. Aber es gibt natürlich auch Zufallsfunde. Darauf komme ich später zurück.

__________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

Savvas Ysatis “select”, Tresor (EFA), 2001

Yukio Yokoyama: “Beethoven Bagatellen” Sony/BMG 2007