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Des könnt´ ja überall sein! – die Mannheimer Kriterien

Pompeo Batoni (1708-1787) ist der Erfinder des Touristenporträts.” – so ein schöner Satz! Da steckt so viel drin! Und ein Künstlername, der nichts zu wünschen übrig läßt! Und dazu auch noch echt! Weiter heißt es zu unsrer Erhellung: “Er entwickelte diesen Porträttyp für englische Touristen in Rom” und weiter “..Es verbindet gesellschaftliche Attribute und Souvenir-Darstellungen.”Diese Touristen kommen auch  irgendwann ins Spiel, wenn man wie ich “in Postkarten” macht. Nicht nur als Käufer- das natürlich hoffentlich auch-, sondern in der Argumentation hinsichtlich der Gestaltung dieser Karten. Ansichtskartenkäufer und das-Schielen-auf sie als Zielgruppe nehmen  bemerkenswerten Einfluß auf ihre Verbeitung (oder Nichtverbreitung) in den Läden der Stadt. Das ist keine leicht dahingegtippte Theorie, sondern meine Erfahrung im Selbstvertrieb nach fünf Jahren (!)

Wir sind hier für Touristen, und wenn wir denen immer erklären müßten, daß das der Wasserturm (das Wahrzeichen Mannheims) gespiegelt ist- also, nää!” (2007) oder, etwas konstruktiver, pädagogisch- und empathischer die Erklärung

Touristen wollen ein Dokument. Eine Karte, die das zeigt, was man sieht, wenn man direkt davorsteht. Um sagen/schreiben zu können: DA war ich.” (2012)

Das sind Sätze, die ich zum Thema Motivauswahl und -gestaltung schon in all ihrer Deutlichkeit vernehmen durfte. Eine nicht mal leise Forderung nach Souvenir-Qualitäten der Karten, die ich da durchhöre. Überraschenderweise ein Attribut, das ich – ich gebe es hiermit gerne zu- bislang noch gar nicht in Betracht zog, so sehr war ich mit rein Ästhetischem beschäftigt.. Als slogan-ähnliches Händler-Feedback Nummer Eins zur Kompatibilität mit dem global mitmächtigsten Wirtschaftszweig allerdings habe ich als Titelzeile gesetzt- “Des könnt´ ja überall sein!” Eine häufige Reaktion, wenn es um Bilder wie diese geht:  alt= Allen diesen Argumenten stehe ich verständnisvoll gegenüber, wittere jedoch eine nicht nur ästhetische Sackgasse in ihnen. In dieser angelangt, wären nämlich nur noch jedermann auffallende Bauten, professionell gestaltete Gartenanlagen, meinetwegen auch Plätze, Alleen und natürlich Blumen-vor-Wahrzeichen als Motive für Postkarten erlaubt. Mannheim und Ludwigshafen bieten aber unendlich mehr- zumal das Aufkommen von Architektur des Kalibers Bilbao-Effekt eher als in den Anfängen zu bezeichnen wäre. In der Ausstellung zum Neubau der Kunsthalle Mannheim las ich im Portfolio des spanischen Architekten Rafael Moneo den Satz: “Der Wiedererkennungswert eines Ortes ist fast so wichtig wie der Ort selber.” Könnte auch von einem Postkartenfotografen stammen, dachte ich mir beim Lesen.  alt= Kunstobjekte im öffentlichen Raum spielen für mich und meine Auffassung von der Unverwechselbarkeit eines Ortes eine ebenso große Rolle: alles, was einen Raum einzigartig werden läßt- und gerne dazu noch fotogen ist, kommt mir da sehr entgegen ;-) .

Als schlagendes Beispiel der Kategorie Bescheidenheit der Mittel PLUS Erfindungskraft sei hier Carhenge erwähnt: 38 grau lackierte Automobil-Oldtimer, die 1987 an entlegendster Stelle im US-amerikanischen Acker Nebraskas eingegraben wurden und nach knapp zwanzig Jahren Bestehen (!) im Jahre 2006 die Einrichtung eines Touristenzentrums.. erlaubten! Und im November 2015 (Nachtrag vom 27.9.2016) fand diese Idee/dieses Bild gar malerisch-dahingewelkt im Computerspiel Fallout seinen Niederschlag.

Nun läßt sich weiterhin natürlich vortrefflich darüber streiten, was Touristen wollen– ich sehe mich da nicht zu sehr in der Rolle des Erfüllers von vorgeahnten Wünschen eines Stereotypen- ein Minenfeld an irrigen Annahmen, wie ich finde- ich sehe die Postkartenmacherei eher als Beitrag zur Dehnung der Begriffe. Der Begriffe “Ansichtskarte”, der Vorstellung, was denn nun an der Gegend, Stadt, an genau diesem Bauwerk etc. reizvoll ist und: für wen. Und arbeite dadurch gewissermaßen an der Loslösung von einem platten Touristenbegriff.

Daß ich in einer Gegend großgeworden bin, in der Tourismus eine entscheidende Rolle im Wirtschaftsleben spielt, läßt mich hier doch recht milde-nachsichtiger mit dem Begriff -und dem Anschmiegen der Motive an so etwas doch Ehrgeiziges wie- Stadt-Tourismus umgehen.. Und: letzten Endes sind es doch immer wieder Bilder, die mir -auch in der Eigenschaft als Einwohner- gefallen müssen, da beißt die Maus Null Faden ab. Daß parallel auch die Mannheimer/Ludwigshafener ungewohnte=neue Blicke auf ihre Stadt zu schätzen wissen, ist ein sehr erfreuliche Art von Applaus, den ich bislang kennenlernen durfte & der mich in der Gewissheit bestärkt, genau da weiterzumachen ;-) Deshalb würde ich das allgemeine Motto und den munter fortbestehenden Willen zu immer neuen Ansichten in DIN A6 eher so zusammenfassen:

Das alles kann Mannheim (oder Ludwigshafen) sein!

mannheim-auf-postkarten.deludwigshafen-auf-postkarten.de ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute: Cheb Mami: “Dellali”, Virgin France, 2001

Man liest vom Ende der Fotografie

“Man kann einer Fotografie nie mehr trauen. Sie gibt vor, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit entstanden zu sein – doch das kann auch eine reine Erfindung sein.” Ein Zitat David Hockneys aus einem Interview mit dem Spiegel. Das liegt 7 Jahre zurück und ich beginne, mich näher heranzugooglen an dieses Thema. Unlängst nämlich lag das bereits 1979 erschienene, fotografie-kritische Buch Über Fotografie von Susan Sontag auf dem Tisch des Buchhändler meines Vertrauens. Bald darauf gehörte es zu meiner Bettlektüre. Die darin diskutierte Vorstellung vom Ende der Fotografie hat mich etwas befremdet: Bei diesen ganzen im Netz herumschwirrenden unvorstellbaren Mengen an Aufnahmen etwas komisch, dachte ich mir zuerst. Aber die Sichtweise zielt auf etwas, das mit dem ursprünglichen Funktionswert der Fotografie zu tun hat: mit der einst allein der Malerei eigenen -und jetzt diese ablösenden- Autorität, die Wirklichkeit darzustellen. Diese schwindet tatsächlich in ein bodenloses Nichts, bedenkt man es etwas näher: die Möglichkeiten, per Rechner und Bildbearbeitungs-Software in fast jedem erdenklichen Maße ins Bild selber einzugreifen ist schon in die Wohnungen der Normalos eingezogen. Und die dargestellte “Wirklichkeit” kann von jedem im eigenen Sinne beeinflusst werden. Und das gar, ohne bei der Herstellung des Bildes per Kamera dabei gewesen sein zu müssen. Postproduktion sag ich da bloß- von der serienreifenden Lichfeldfotografie erstmal gaaanz zu schweigen. Man liest ja auch von Werbekampagnen multinationaler Konzerne, die für neue Kampagnen aus den Portfolios von Postproduktions-studios auswählen, während die Sichtweise des eventuell in Frage kommenden Fotografen zur Herstellung des “Ausgangsmaterials” als sekundär gesehen würde… Das Wort Hochglanz und Branchenlevel als Geisel der bildbearbeitenden Menschheit.. Welch überraschend deutlichen Satz von Daniel Boschung zum Beispiel las ich neulich, sehr selbstkritisch -und ausgerechnet als Inhalt der (mittlerweile verschwundenen) Laudatio zum Jahrbuch-Award des bff.de: “..man sehe sich nur den Triumph der Künstlichkeit an, der in der Rubrik „Transportation“ herrscht“. Die fotografisch Kreativen sind sich offensichtlich in aller Deutlichkeit bewußt, wo sie sich gerade mit ihrer Tätigkeit bewegen.. Dazu noch einmal David Hockney: “Jetzt ist diese Kontrolle der Welt durch die Sehweise der Linsen und der Kameras ihrerseits ans Ende gekommen – weil sie von der digitalen Bildbearbeitung ad absurdum geführt wurde und die Sehnsucht aufkommt nach einer neuen Wahrhaftigkeit in den Bildern.” Es wird klar: die Fotografen sind sich dieses “irrealen” Aspekts ihrer Arbeit nicht nur wohl bewußt, ja, ich fand durch bloßes Herumsurfen andere Künstler, wie Keith Cottingham, der genau dieses Thema von der quasi gegenüberliegenden Seite angeht und so tut, als wäre die Fotografie reines Mittel zur totalen Erfindung: These are documents of no place, of no time, and of no body” heißt es sehr eindrücklich im Einführungstext zu seinem Werk “1999 history re-purposed” unter dem Tenor Can we ever know the truth of the past? Is there such a thing as scientific objectivity? Die Fotografen Peter Funch, Nicolas Dhervillers, Robert Overweg kümmern sich ebenfalls darum, jeder auf seine spezielle Weise- sie sind die ersten paar, die ich schon entdeckt habe. Und: es werden sicherlich nicht die letzten sein. Wann aber wird diese Einstellung zu fotografischen Bildern im allgemeinen Bewußtsein angekommen sein, frage ich mich angesichts dieser unaufhaltsamen Entwicklung, die Wahrnehmung, Kunst und technische Entwicklung da produzieren: daß man Bilder nicht mehr als Abbilder der Realität sieht, sondern als.. mh- keine Ahnung als was. Als bunte Variationen der Fantasie, als raffiniertes-Konstrukt-der-abbildbaren-Wirklichkeit-im-Baukastenprinzip, wie zum Beispiel die leuchtenden Bilder von Ruud Van Empel ?? Und wie wird sich dann der Blick auf die Welt per se ändern?? Die aktuelle Bilderschwemme ist noch zu nah dran an den Sehgewohnheiten- diese wiederum erzeugen weitere Ströme an Bildern, als daß man jedes Foto gleich als reine Ausgeburt der Künstlichkeit identifizöre..     Zur selben Zeit entdecke ich auch die verwirrenden Bilder der Pictorialisten– Fotografen, die Fotografie als Kunst anerkannt sehen wollten und um die Wende zum 19. Jahrhundert hin Fotos zu Bildwerken stilisierten. Diese geschah mithilfe des Labors, in dem der der Fotografie als abhold gesehene “künstlerische Touch”, die Aura des Unikats/Originals mithilfe von Entwicklungs- und Dunkelkammertechniken erreicht werden sollte. Zitat: «Für manche war das Negativ nur die Skizze, die erst im Ablauf von Entwicklung und Abzug zur Kunst wurde. » Das kam man hervorragend an den Bildern von Hugo Henneberg, Léonard Misonne oder Constant Puyo nachvollziehen, bei deren ersten Anblick es rätseln macht, was genau man denn da vor sich hat: die Werke wirken durchweg wie Gemälde auf mich- völlig durchkomponiert, wie man das auf Fotos heutzutage nur bei den Großen sieht. “Lustig,” dachte ich dabei: “da verschwindet jemand wieder durch die Tür, durch die er gekommen ist.” So schließt sich ein Kreis, in dem sich beim Ringen um Anerkennung Authentizität und Künstlichkeit in den Schwanz beißen.

Am Schluß bleiben hie wie da die Bilder, die ansprechen im Gedächtnis. Nur mit Wirklichkeit müssen sie nichts mehr zu tun haben, das ist das Neue in der Geschichte der Wahrnehmung.

PS.: zwei Bilder hier auf dieser Seite sind nicht durch den Photoshop gedreht. ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Beady Belle: “Closer”, Jazzland, 2005

David Byrne: “Music For The Knee Plays” ECM, 1985

Donald Fagen: “Morph The Cat”, Reprise 2006

Groove Armada: “Late Night Tales”, Late Night Tales, 2008

various artists: “The White Room”, Sony Music 2004

Auf unentwickelte Halde fotografieren und die Folgen

Ich kann mich sehr gut an die Antwort erinnern, die mir mein Freund Markus einst lächelnd gab, als ich, bei ihm zu seltenen Besuch in Amsterdam irgendwann mal zähneknirschend meinte, mein Filmmaterial ginge aus (die Läden hatten zu bzw. waren zu weit entfernt, um schnell Nachschub zu kaufen):

“Na, DANN mußt Du halt die Bilder im Kopf behalten!”

Fotografieren nimmt einem diese “Erinnerungsarbeit” komplett ab- das wurde mir durch dieses kleine Zwischenwort sehr klar. Sie kann zwar die anderen sinnlichen Eindrücke nicht speichern oder gar ersetzen, doch ein stimmiges Foto kann das Gehirn sehr gut anschieben, sich auch die Stimmung, gar die Konsistenz der Luft, die lokalen Gerüche, Gespräche oder anderes, weitaus Ätherischeres wieder zu vergegenwärtigen.

Mir geht es nach all den Jahren so, daß ich nur zu Gelegenheiten, bei denen keine Kamera vorhanden ist/zum Einsatz kommt, auf dieses wie ich finde sehr wichtige Potential geistiger menschlicher Leistung zurückkomme, ansonsten aber “gelernt” habe, all die “Erinnerungsspeicherung” diesem chemisch-mechanischen Vorgang zu überlassen. Ja, es ist noch krasser: wenn ich mich an ein fotografiertes Erlebnis zurückerinnere, fallen mir nur diese fotografierten Bilder ein -ich muß dazu KEINEN Blick darauf werfen, um mich auch en detail an die Bilder = das Geknipste zu erinnern. Ansonsten ist da nichts Visuelles, an das ich mich erinnere. Manchmal darüberhinaus gar gar nichts mehr an sonstigen “Vorkommnissen dieses Tages” in meinem Kopf.

Diese äh, Kulturtechnik ist zwar modern- wer überantwortet zum Beispiel heute die Memorierung von Telefonnummern auch nur der engsten Freunde noch seinem Hirn- hinterläßt bei mir aber ein komisches Gefühl von Rückbau der eigenen Fähigkeiten. Man konnte das Leben auch schon anders.

Nun bin ich- mehr durch Zufall aufs Prinzip “Auf unentwickelte Halde fotografieren” gekommen: der Fotografierlust zwar keinen unsinnigen Riegel vorschieben, die belichteten Bilder aber erstmal dem Blick vorzuenthalten, indem ich sie -erstmal- nicht zum Entwickeln gebe. Sprich: lagern statt wiedersehen.

Mich an diese Dinge erinnern statt sie, wie bislang üblich, zeitnah begutachten, durchsehen, bewerten, bearbeiten, veröffentlichen, ablegen, archivieren, sortieren. All diese verarbeitenden Tätigkeiten, die sich im Laufe der Jahre eingefleischt haben. Das geht natürlich nur ohne Schmerzen, wenn man nicht digital fotografiert und nach jedem Schuß gleich das Ergebniss kontrollieren kann, sondern wie ich krampfhaft am Überkommenen festhält ;-) Und plötzlich geschieht es- wie heute eben wieder, daß ich mich irgendwo in der Gegend an einer Stelle wiederfinde, wo ich vor Monaten Bilder gemacht habe und mich an den Tag, das Licht, Wetterlage und die Motive erinnere.

Ein Plus an Wiederkehrendem also!

Dabei ist noch weiteres Erstaunliches festzustellen: nicht nur die Tatsache hier gemachte Aufnahmen kommen ins Gedächtnis, auch die Auswahl der Blickrichtungen (ich fotografiere fast immer Serien) und Motivansichten und, am Frappierendsten: ich fange an, mir zu überlegen, ob ich nichts vergessen habe, und: ob noch andere Ansichten möglich wären. Also eine Revision rein mental. Dazu gehört auch die Erkenntnis, daß dieses Motiv ja schon abgehakt ist und ich nicht wiederkommen muß. So was wie ein fotografischer Einkaufszettel etabliert sich also mit dieser “Latenztechnik” im Hirn.

Ob das nun gut ist oder nicht, muß sich noch herausstellen. Ich für meinen Teil finde diese Art, mit der persönlichen mentalen Fotografiertechnik zu experimentieren, sehr anregend, weil sie auf den Prozeß im Ganzen Hinweise gibt. Man lernt über sich dazu: vordergründig und am faszinierndsten, wie man die persönliche Haltung zum Fotografieren erlebt, wie man dazu emotional steht: will man Ergebnisse, die “gestalterische Leistung” sehen, persönliche Sichtweisen weitergeben oder auch/”nur” zeigen können. Das alles gesehen im sozial-psychologischen Licht: wie gelingt mir mithilfe meiner Fotos die Verbindung zu anderen Menschen? Brauche ich Fotos eigentlich für diesen Zweck, weil ich anderweitig Schwierigkeiten habe und sie durch die Macht des Visuellen, Realen hilft, easy eine kommunikativ-emotionaleVerbindung zu schaffen? (..) Oder geht es mehr um intrinsische Phänomene: um Wachsein in der Welt, In-der-Gegenwart-leben-mithilfe-des-mitgebrachten-Fotoauges, vitalisierende Gestaltungsübungen mit dem fotografischen Rahmen (Sucher), die Übung, (zum Beispiel Schönheit) zu sehen und -das Entdeckte erkennend- fotografisch festzuhalten.

Für sich selbst oder für die Außenwelt oder beides gleichzeitig in einer individuellen Gewichtung- all das kann man mit dieser etwas merkwürdig klingenden Methode mal ausprobieren. Und sich wieder ein Stück erkennen. ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Mattafix: “Signs Of A Struggle”, BeeGood Records (Virgin), 2005

Bitty McLean: “Natural High”, The Brilliant Recording Company, 1995

Zeit sparen durch VieleBilder gucken

Hört sich widersinnig an, dieser Gedanke. Fährt mir aber just in denjenigen Momenten durch den Kopf, wenn ich auf Bilder, Fotografenportfolios oder sonstige “Nester” durchschnittlicher Fotografie stoße und mich schnell beginne, ob dieser Unauffälligkeit zu langweilen, wenn nicht gar zu ärgern. Wenn ich am betreffenden Tag guten Willens bin, nicht weiterzappe, um vielleicht doch noch etwas Interessantes zu entdecken, gerate ich oft in Überlegungen, ob und wenn ja, welche dieser Bilder da, genau vor meinen Augen, ich selbst veröffentlichen, ja: überhaupt fotografieren würde.Und da kommt oft ein spontantes “Niemals Nie und Nimmer Nicht!” in mir auf. Meine geäußerte ernsthafte, explizite Wortwahl wären Kommentare wie – sowas Langweiliges, Klischeehaftes, Branchenleveliges.

Die im Titel erwähnte “gesparte” Zeit wäre dann die im Anschluß, wenn zu entscheiden ist, was man selber anstellt mit und beim Fotografieren.

Und da hilft das Durchschnittliche, Gewöhnliche, überall Präsente sehr gut, es im persönlichen kreativen Leben zu vermeiden. Lieber fahre ich fort, mich von fremden Bildern begeistern zu lassen, als wild um mich Fotos zu schießen ohne Sinn und Lustigkeit.

Jedes Bild muß etwas Neues, Unbekanntes bringen. Muß mich beim Auslösen faszinieren. Und wenn es nur ein winziger Aspekt ist, der mich dazu bringt. Ist das nicht der Fall, sollte man sich den manigfaltigen anderen Lebensbereichen widmen.
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Musik beim Schreiben heute:
Thomas Fehlmann: “Gute Luft”, flow publishing/BMG, 2010

Im Sonntag zuhaus

Herrlichstes Frühlingswetter heute- für mich das Inspirierendste an solchen Tagen, wenn alle Welt unterwegs ist, um die freien Tage zu feiern: zuhause sein, das sich durch die Wohnung drehende Sonnenlicht zu genießen. Die Stille im und ums Haus aufnehmen, das Fehlen einer zu erledigenden Werktäglichkeit als befreiend empfinden, innen und außen ordnen. Langsam sein. Entdecken. Entdecken, was sich als mitunter schon vor längerer Zeit als Fragment einer Inspiration in die vier Wände eingeschlichen hat. Wenn also solches Wetter ist wie hier links, wirkt das auf mich, wenn ich zuhause bleibe als lichte Inspiration, die meinen Tatendrang, die Vision von Frühling, das Gefühl von Neustart und Belebung nach innen umleitet. Im wahrsten Sinne: komme ich an solchen Tagen doch wieder auf Ideen zu Angefangenem oder gar in irgendeiner Schublade zwischengelagerten Projekten zurück, entdecke nebenbei neue Fotografen – durch mußevolles Blättern in meinem Fotobuchstapel, zum Beispiel die mysteriösen Bilder von Graciela Iturbide, über Begleittexte im vorderen Buchteil deren Lehrer, den Mexikaner Manuel Alvarez Bravo, ich bewundere die appetitanregenden Fotos von Deirdre Rooney in einem meiner wenigen Kochbücher, das ich bemerkenswerterweise einzig aus fotografischer Faszination angeschafft habe, im Internet durch gleichzeitiges beiläufiges Surfen gibts heute neu für mich den dazu recht konträr tätigen Gregory Crewdson. Ganz zum Schluß, bevor ich mich dem Schreiben dieses Beitrages widme, entdecke ich noch den Meisterplünderer, Angeber und Urheberrecht-Ignorant Anthony L., dessen blog dummerweise auch noch bildend wirkt, allein schon die Neugier, die beim Brausen seiner geklauten Bildervorräte entsteht! Na, mal sehen, wie lange es dauert, bis da jemand den Hahn zudreht ob so dreister Verklappung fremden geistigen Eigentums… Dann gibt es eine langsame Annäherung an ein erstes kleines –ta-dah!– Filmprojekt, wo ich letzten September mit einer kleinen geliehenen digitalen Kamera eine viertelstündige Sequenz ohne Schnitt aufgenommen habe und diese gerne mit klassisch anmutender Musik vertont sähe. Um da Inspiration zu bekommen, hilft es sicher, so stelle ich mir vor, den Film mehrmals ablaufen zu lassen- sich damit in Stimmung zu versetzen, Möglichkeiten zu erahnen oder durch schnelleren oder verzögerten Ablauf das Wesentliche herauszukitzeln zu versuchen. Dabei lasse ich diverse CDs laufen, um die Wirkung der jeweiligen Kombination Bild-Musik zu testen. Nachdem das alles ohne Instant-Ergebnis verlaufen ist- entspannt zurück in die Schublade damit. So was mache ich gerne und öfters: einen inspirativen Grundgedanken sacht aus der Versenkung zu nehmen, langsam zwischen den Fingern zu drehen und wirken lassen. Ich habe es mit Genuß und vollster Vorsätzlichkeit nicht eilig dabei- kleine gute Ideen werden ja nicht schlecht, und angefangene unvollständige immer besser bei jedem neuen Mal der Betrachtung. Wie man hier sehen kann, hab ich hier ein Bild meiner neues Postkarten-Kartographie-Seite nominiert, zwei Mal historisch, denn weder Motiv (im Vergriffen-Sein begriffen) noch Lokation (geschlossen) gibt es noch. Aber das Motto der neuen Seite lautet ja: the best of Bild-im-Bild gewinnt.. Immer erstaunlicher, das heißt: genauer werden auch meine Vorahnungen eines neuen großen Fotoprojektes, dessen konzeptionelle Möglichkeiten bei jeder fortlaufenden Betrachtung immer größere künstlerische Reichweiten, Interpretationsmöglichkeiten und Gestaltungsformen annehmen. Ohne -mir selber noch nicht klare- Details verraten zu wollen/können, fand dieses Projekt seinen initialen Zündfunken im Verschicken meiner letzten -und dabei ersten Schwarzwald-Postkarte. Die sandte ich einem ehemaligen Schulkameraden, der neben seinem forstwirtschaftlichen Beruf auch noch der Belletristik nahesteht. Das prompte, hocherfreute Feedback legte den Grundstein für eine neue Sicht meiner ganzen bisherigen fotografischen Arbeit. Mehr dazu demnächst an dieser Stelle, wenn das Kind einen Namen und einen Anflug von ersten Ergebnissen hat. Danach surfe ich auf der per Stadtrundfahrt (!) frisch entdeckten Rüdiger Krenkel Webseite und bekomme nach langer Pause Lust auf eine neue Making-Of Serie- mit Eisen, Kränen gar, rostbraungrauer Werkstatt-Atmosphäre, Schweißerfunken und organisch-mathematisch anmutenden Eisenobjekten.. Frühling 2011 Erwachende, kreative Frühlingsgefühle eben. Für diese Stille, in der diese neuen Starts wachsen, liebe ich solche Sonn(en)tage wie heute. Und ich fasse ob des schwindenden Licht des Tages den Plan, gleich morgen früh, wenn wieder allerorten Berufsverkehr stiebt, den Frühling mal anders aufzunehmen als wie immer bisher: am Nachmittag, so wie hier rechts. Sondern: Blüten im ersten Licht des Tages, mitten in der Stadt. __________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

John Williams: “Minority Report” Original Score, Dreamworks (Universal), 2002

Paul Kalkbrenner: “Berlin Calling” Original Soundtrack, Bpitch Control (rough trade), 2008

Original Soundtrack: “Juno”, Rhino Entertainment 2007

Ron Goodwin and The Odense Symphony Orchestra: “The Miss Marple Films”, Label X Europe, 2000

der Schwarzwald bekommt eine Postkarte

Nicht, daß ich das Leben mit frischer Luft je irgendwie unpassend gefunden hätte; es zog mich Landei aber mit zunehmendem Alter immer mehr in die Stadt. Trotzdem schätze ich ab und zu eine Fahrt mit der Eisenbahn durch Tunnels, über Viadukte inmitten einer wettergebeutelten, zum Teil schroff-felsigen Natur sehr. Und habe schon immer meine Kamera auf die vielfältigen Phänomene dieser Gegend zu richten geliebt. Aus dieser Zeit weiß ich auch, und das schon viel früher als ich es mit Stadtmotiven entdeckte, um das auch hier lauernde Klischeefallentier.

Nichtsdestotrotz kann man seinem -im Gegensatz zu Klischees- lebendigen Gefühl folgen und entdecken, welche Motive einen ansprechen, welche Anblicke Faszination auszulösen vermögen. Und irgendwann mußte es ja auch so kommen: nach einem Vierteljahrhundert Leben in der Stadt gelingt bei einem Trip in die “erste” Heimat, dem Nördlichen Schwarzwald, (nicht nur) diese Aufnahme: Zarte Farben und sanfte Übergänge, das Fehlen eines Hauptgegenstandes. Stattdessen: musterhafte Schichtungen, ein Gefühl der Weite, Entrücktheit, gar: Himmelsnähe. Das Wetter spielt(e) hier noch mehr die Hauptrolle als bei den Stadtmotiven. Und, sehr befreiend nach all der ununterbrochenen Stadtleberei: ein fast völliges Fehlenlassenkönnen zivilisatorischer Spuren, eine wahre Wohltat für mein fotografisch manchmal auf Urbanes allzu festgefressenes Auge.

An diesem Bild schätze ich, daß nach all den Bildern von Mannheim und Ludwigshafen, auf denen ich immer bemüht war, Stadt-typisches unterzubringen, es jetzt beim neuen Thema Schwarzwald um reine Naturerscheinungen gehen darf, deren Lokalisierbarkeit, dessen Zuordnungspotenzial weiter gefaßt sein darf. Es zählt weniger das einzelne, klar erkennbare Landmark, eher liegt die Betonung auf dem Wesen der Gegend als solche, das ins Bild gesetzte Gefühl, das diese auslösen kann. Nach dem kleinen Ausflug in die Landschaftsfotografie, der letzten Sommer mit dem ersten Motiv der achten Mannheim Serie seinen Niederschlag als Postkarte fand, geriet diese Art der der Malerei des 18. Jahrhunderts verwandten Darstellung von Natur in das Gesichtsfeld meines fotografischen Interesses. Und ich fragte mich, ob ein Ähnliches wieder gelingen könnte.

Es gelang. Rund tausend Meter über Normalnull an einem galaktisch zu nennenden Novembernachmittag noch über der Schwarzwaldhochstrasse. Jetzt bleibt abzuwarten, entsprechende Promo-Bewegungen zur Bekanntheitsgewinnung vorausgesetzt, ob sich vorort jemand finden läßt, dem diese Aufnahme(n) ein willkommenes Neues sein können. Das Internet und der klassische Postweg könnten es möglich machen- ich bin schon sehr gespannt. Ein neues Kapitel ist somit aufgeschlagen- tja: so weit wirkt das Zustandekommen eines einzelnen Bildes.

Und ich finde mich damit wieder in einer neuen, emotional durchwachsenen Situation zwischen fotografisch-kreativen Ansporn, dem Ruf der Herausforderung der anschließenden Distribution, so etwas wie Prüfungsangst und, oh Wunder- der Findung zweier neuer völlig anders gelagerter, befreiender Themen: Dreht es sich nämlich um a) die Entdeckung des Spiegelbildes des gegenüberliegenden Ausblickes in der S Bahn, ein fotografisches Action Painting Abenteuer der eben nur schier unvorhersagbaren Art und b) um ein schon sich langsam abzeichnendes neues faszinierendes Fotothema: Makroaufzeichnungen innerstädtischer Architektur und Städtebaus.

Details des zeitgenössischen Gestaltens der unmittelbaren Lebensumgebung, direkt vor und mit der eigenen Haustür. Gefühlt eine Mission zwischen den Bilderserien der Bechers und dem Bildband von Jan Weiler und Rainer Sülflow. Bei dieser Kombination aus Pflicht und Kür fällt mir das Zustandekommen eines meiner Lieblingsfilme ein, des wunderbaren “Chungking Express´” von Wong Kar-Wai, der ursprünglich als befreiende “Pausengestaltung” inmitten des wahrhaft martialischen Monumentalwerkes Ashes Of Time mehr oder weniger improvisiert wurde. Und wahrscheinlich genau durch diese komplementäre Art der Kreation seine unvergleichliche Leichtigkeit gewann.

Wie indes diese frisch begonnene Wiederaufnahme der Naturfotografiererei weitergeht- ich weiß es nicht. Und bin selbst gespannt. Vergangenes Wochenende bei Tiefsttemperaturen auf Glitzerschnee gelangen vor Ort weitere, schon beim Aufnehmen faszinierende Bilder, die noch zu entwickeln und postkardial zu gewichten sind. Ob da die Farbübergänge im Bokeh von Makroaufnahmen der Flora als Entscheidungskriterium überwiegen oder ob es eine Rückkehr zu den Wahrzeichen-im-umgenähten-Gewand geben wird- wir werden es sehen. So bleibt mir vorerst keine schnelle Antwort auf die jüngst an mich gerichtete Frage, die ich eher als Ermutigung sehe denn als Anforderung einer Selbstverortung: “Bist Du jetzt Landschaftsmaler?”

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Daniel Stelter: “Homebrew Songs” 2009, Herzog Records

Daniel Stelter: “Krikel Krakel” 2012, Herzog Records

various artists: “Pulp Fusion- Return To The Tough Side” 1998 Harmless Recordings

Alles ist real. Nothing is real..

Ich kauf mir, erst vorgestern, ein Buch über Museumsarchitektur. Eins mit vielen Fotos. Ich freu mich: dieser ganze großartige Bilderschatz – ab sofort und daheim jederzeit zu meiner Verfügung! Aber auch: eine neue Portion State-of-the-Art in meine Hütte. Und ein dicker Nachschlager, um eine von Menschen gestaltete Plätze und Innenräume enzyklopädisch wirkende Gedächtnisstütze im Regal zu haben. Das Verschwindenlassenkönnen der baulichen Stadtlangeweile an bestimmten Tagen, die sich quälend meiner Aufmerksamkeit bemächtigt, on demand gewissermassen.

Wow, denke ich die ersten 150 Seiten lang- was kann man alles machen, wenn der “Repräsentationsgedanke” den ökonomischen mal überholen darf. Dann fische ich mit den Augen nach Angaben des Architekten,  dann nach Baudatum. Noch mehr wow: da stehen Baudaten, drin, die in der Zukunft liegen (!) Ich blättere also in einem Buch, das ich (auch) als potentiellen Reiseführer zu “interessanten” Plätzen der Welt erstanden habe und muß lernen, daß es diese Plätze de facto noch gar nicht gibt.

Und tatsächlich erhasche ich, munter geworden, ab und an einen fotografischen Blick auf Baustellenzustände als winzige Randbilder, während das Große, Prächtige die eigentlichen Seiten füllt. Bei genauerem Hinsehen und jahrelanger Erfahrung als Photoshop-Betreiber fällt mir das Collagenhafte dieser Bilder erst irritierend, dann immer stärker ins Auge. Die Frage taucht auf, ob ich mir mit so einem Buch nicht genarrt vorkommen mag. Aber: Museumsarchitektur als Buch muß ja keineswegs Beispiele in der offline-welt aufweisen können. Es geht hier, das ist eindeutig, um Ideen. Die Darreichungsform Print  und die gerenderten Ergebnisse darin passen für mich nur konzeptionell nicht so recht zusammen. Unwillkürlich muß ich an komplett virtuelle Welten denken, an die Games World, an Achitektur Simulations Software, aber auch an solch faszinierende künstlerische (Gedanken)Weiterentwicklungen wie die des Fotografen Robert Overweg. Der klickt oder scrollt oder hackt sich in seinen Spielewelten bis zum “Rand” und macht dann ein Erinnerungsfoto..

Von noch mehr Bildern dieser realen Welt, die diese langsam zu überwuchern drohen, so erfahre ich von einem (leider vom Netz genommenen) Artikel bei frieze d/e, werden per Rechnerleistung, Mustererkennungsalgorithmen und Geodaten, die mittlerweile automatisch per Kamera zum Bild dazugespeichert werden, zusammengefügt. Das Resultat ist eine (noch) einzigartige neue Virtualisierung der Welt, die von miteinander Unbekannten Fotografen, Amateuren und Handyknipsern durch Freigabe als etwas neues Ganzes kreiert werden.

Bei dieser vormittäglichen Lektüre erwacht meine Faszination mit der Vorstellung, wie diese Welt wohl in der Zukunft erfahren werden wird. Und ich kann als Anregung mal wieder aus meinem Charakterschutz zitieren, da, wo er sich mit Kindern, ihrer Assimilation der virtuellen Welt (der GAMES) und ihrer (möglichen künftigen) Erfahrung der Welt beschäftigt:

“Auch hier spielt sich das wahre Leben ab, es sieht nur künstlich aus. Dabei ist es nur ein Schritt näher an der Verwirklichung uralter Menschheitsträume, und die sind rather konstant, würde ich mal so behaupten. Beispiel: Rapper virtualisieren sich. Werden den Kindern zu fernsteuerbaren Gutewichten. Und somit unsterblich, leben ihre digitalen Abdrücke doch das Leben der Kinder mit, werden zu Spielkumpanen. Zwar in ihrem Leben jetzt virtuell, dafür in deren zukünftigen Memoiren real.”

200 Jahre zu spät!

1. Reisen bildet, sagt man. Ich habe herausgefunden, daß schon Fotografieren bildet. Mich in meinem Falle einfach dadurch, daß ich etwas als fotogen identifiziere, selbstredend flugs die Kamera draufhalte so anbei, und sich später oft Fragen einstellen, die weiterführen. Und zwar ganz woanders hin, weg vom nerdigen Fotografen-TechTalk zu so was Willkommeneren wie Geschichte, Biografien berühmter Zeitgenossen, künstlerische Techniken, Fragen der Geografie. Sprich: hin zu the funky Allgemeinbildung.

Im neuesten Postkartenfalle hab ich en route erfahren, daß zum Beispiel Napoleon Bonaparte die besten Maler beauftragte, seine größten Triumphe größtmöglich in Öl zu verwirklichen à la Tue Gutes und rahme es in den großen Salons zuhause in Paris schön ein. Mehr zu diesem speziellen Triumph auf Wikipedia. Trivia: Im Roman Krieg und Frieden liefert Lew Tolstoi eine ausführliche Schilderung eben dieser Schlacht. Wow- was da wieder mal zusammenhängt.. Oder, daß “In der früheren DDR Caspar David Friedrich nicht in vollem Umfang gewürdigt wurde, weil er sich “lediglich der Landschaftsmalerei verschrieben hatte” und sich seine Gemälde nicht für die sozialistische Ideologie mißbrauchen ließen”.

Oder ich ertappe mich dabei, Begriffe wie die Sepiamalerei nachzuschlagen, nachdem ich diesen verdunkelnden Effekt mal mit der Digitalen Hand nachvollziehe und dann per Wikipedia über diverse Künstlerbiografien darauf stoße. Auch eine Erwähnung wert, finde ich die “Meldung”, daß das Spätwerk William Turners einem Augenarzt nur mit einer Sehschwäche erklärbar schien- “Bemerkenswert an Liebreichs (besagter Arzt) Überlegungen ist der Umstand, dass Turners Malweise ihm so beispiellos erschien, dass eine Deutung nach rein künstlerischen Maßstäben hier offenbar nicht mehr in Frage kam.“- Da kann ich nur erstaunt anmerken: Holla, Ihr Maler- aufgepaßt! Das ist alles wunderbar anregend, um nicht den Begriff fruchtbar zu verwenden, finde ich. Oder, anders gesagt: So macht die führerlose Erwachsenenbildung richtig Spaß.. Dann gibts noch bestimmte Vorlieben in meinem Leben, die zwar sehr marginal sind, denen aber dann eine Bedeutung zukommt, wenn es um die Motiverkennung in freier fotografischer Wildbahn geht.

2. Ich zum Beispiel finde an Malerei per se nur einzelne Aspekte gut, die weder bestimmte Techniken noch Genres umfassen. Die Vorlieben gelten stets kleineren Themen, Mikroaspekten gewissermassen. So fand ich auf Gemälden schon immer Schlachtenhimmel sehenswert. Also die Art der dramatischen Himmelsgestaltung, die in historischen Bildern oft als Dramatisierungsbooster oder Versinnbildlichung des Grades der emotionalen Aufwühlung Verwendung findet. Immer, wenn ich eine solche grandiose Wolkenbildung am realen Himmel sehe, geht mein Herz auf und ich versuche, diesen Anblick völlig aufzusaugen. Das liegt auch zu einem großen Teil daran, daß diese Naturerscheinungen fantastische abstrakte Gemälde sind, die sich durch Wind, Inversion und Konvektion stetig verändern. Es kann aber auch sein, daß sich bestimmte “Vorarbeiten”, die sich in den Wochen und Monaten vor dem Betätigen des Auslösers abgespielt haben, unabweisbare Voraussetzungen für Fotos werden, zum Beispiel in diesem heutigen Falle:

3. Zuviele Beethoven-Sinfonien oder Bagatellen gehört, zu viele Gemälde des Orients angeguckt, und dann das: Das Wetter macht mit und performt aus Regen und Sonnenschein, Wind und Farben eine Lichtsensation nach der anderen. Und das unfern der Stadt- scheinbar mitten in der Natur, deren Abbildung ja immer zeitlos, symbolbehangen, unpolitisch und unter starkem Romantik- und Kitschverdacht steht. Und ich (nicht ganz) zufällig am Platz. Da kann es gut sein, daß all diese Beschäftigungen & Konstellationen die Intuition zum Anhalten (des Fahrrades) bringt, etwas durch unterbewußte Mustererkennungsprogramme einrastet und der Auslöser betätigt wird.

So kommts, daß ich nun eine achte Postkarten-Serie starte, die Naturaufnahmen im Stadtgebiet thematisiert. Ihr könnt Euch also nun, solange das vollständige Abbild noch nicht auf meinem Showroom zu sehen ist, anhand dieses Bruchstücks mal vorstellen, ob Ihr das neue Bild zuende denken und – TURNERn könnt. Hilfestellung an diesem Barren geben Eugene Fromentin (1820-1876), Charles de Tournemine (1812-1872), Adrien Dauzats (1804-1868) und Claude Lorrain (1600-1684). Allen voran allerdings John Constable (1776- 1837), dessen “Malvern Hall” dem Eindruck am Nächsten kommt..preview Zweigleisigster Doppelkommentar bislang von zweien, die ich, beisammensitzend im Café angetroffen habe: ER: “Wolken, Regenbogen, Fluß, Himmel… naja: Kitsch halt!” – SIE (sich ereifernd): “Das ist doch kein Kitsch, das ist DÜSTER!!”   __________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

Academy Of St Martin In The Fields / Marriner “Sinfonie NR. 40 g-moll KV 550”, Philips, 1970

beim Nachschneiden:

“Pulp Fusion- Original 1970´s Ghetto Funk & Jazz Classics” 1998, Harmless Recordings

Daniel Stelter: “Homebrew Songs” 2009, Herzog Records

The Wrong Time Gallery – Postkartenmotive zum falschen Zeitpunkt aufnehmen

“Richtige Nummer- falscher Zeitpunkt!” so lautet die Ansage auf dem AB eines Freundes und trifft das Phänomen exakt, wenn man, unterwegs, an den Örtlichkeiten vorbeikommt, die schon Modell für Postkarten “gestanden” haben, nun aber komplett verändert aussehen.

Einfach dadurch, daß die Lichtverhältnisse, Farben oder Jahreszeiten gewechselt haben. Auf diese Weise entstellt, fallen diese Motive als solche überhaupt nicht mehr ins fotografische Auge, ja, sind fast immer durch eben das “falsche” Licht ihrer fotogenen Qualität schlicht beraubt. Interessanterweise aber nicht vollständig. Nachdem mir das an diversen Plätzen und zu Tageszeiten mit komplett anderer Beleuchtungsrichtung aufgefallen ist, habe ich irgendwann angefangen, ein paar Motive unter Vorlage des “Originals” nachzuschießen, um den exakt gleichen Blickwinkel und Bildausschnitt zu reproduzieren.

Dabei kamen interessante Dinge zum Vorschein: -Die Proportionen der einzelnen Elemente im Bild bleiben ja gleich, allerdings tun Flora, Personal im Bild und Licht das ihrige, um ein völlig neues Bild entstehen zu lassen. Die ursprüngliche Wirkung verschwindet, aber eben nicht ganz. Ein neues Betätigungsfeld tut sich auf, wenn man diese Erkenntnis seriell fortsetzt und mehrere Bilder in zeitlichen Abstand folgen läßt. -Man sieht diese Variablen plötzlich wirklich als solche und kann sich an anderen Stellen der Stadt, wo man auf “interessant riechende” Motive gestoßen ist, plötzlich vorstellen, unter welchen Lichtbedingungen diese das Optimum erreichen würden.

Somit hilft die wrong time gallery der Imaginationskraft kräftig auf die Sprünge. Und das von einer Seite, die man nicht mal für existent gehalten hätte. -die Revision schon postalisch abgehakter Örtlichkeiten gewinnt dadurch an Faszination und erscheint plötzlich einer erneuten Betrachtung wert.

Spannend finde ich die Vorstellung, zu einem anderen Zeitpunkt von gleichen Motiv eine ebenso ästhetisch wertige Aufnahme zu erzielen wie die der “Vorlage”. Was bislang noch nicht der Fall ist und ich mich mit der ebenbürtigen Herausforderung für die geplante Serie 07, der klassisch “verflixten” mit der Aufgabe anfreunde, die Motive der ersten Serie erneut aufs Korn zu nehmen. Immerhin sind zwei Treffer schon im Kasten..

Fazit: die Erde mit diesem Fleckchen Stadt dreht sich immer neu und eben nicht ewig gleich weiter und gebiert an den unwahrscheinlichsten Orten, die man zigmal achtlos durchstreift hat neue Sensationen, die es wert sind, festgehalten zu werden. Sollte man da gerade mit Kamera vorbeigekommen sein. Mal von der Tatsache ganz abgesehen, daß sich Fotografenblicke über die Zeit ebenso verändern und dadurch eine dritte Dimension der fotografischen Möglichkeiten hinzukommt.

__________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

Madrid de los Austrias “Mas Amor!”, Sunshine Enterprises, 2009

Tamba 4 “We And The Sea”, Verve, 1967

The Postkarten Casting Show

Die Zielsetzung, eine Stadt zu fotografieren, gebiert erwartungsgemäß eine Agenda: Kenntnis ihrer gewinnen, Kenntnis der schon vorhandenen, veröffentlichten Bilder, und, davon ausgehend: Entwicklung einer persönlichen Motivgewinnung, der fotografischen Annäherung und anschließende erfolgreiche Entscheidungsfindung. Mit dem Plan, Postkarten der Stadt, in der man lebt, zu machen, hat man oh Schreck das selbstgewählte Los an der Backe, daß jedes Bild für sich Einzelkämpfer sein muß.

Ganz im Gegensatz zu Serien in Galerien oder gar Fotos in gleichnamigen Büchern. Denn: verkaufen sollen sie sich, und niemand gibt auch nur 10 Cent für ein Bild aus, das nicht anspricht, also: nix taugt. Beide, Motivgewinnung und Entscheidungsfindung haben einen

gemeinsamen Berührungspunkt: den Übergang zwischen Tat und Idee.

Damit die fotografische Tat Sinn macht für mich, muß, als Vorbereitung gewissermaßen, Geschmack und Erfahrung vorhanden sein- das ist die meiste und unterschätzteste “Arbeit”, bevor man zur Kamera greifen und die Wohnung verlassen sollte. Also gilt: viele, viele, viele Bilder anschauen. Die müssen auch nicht mal direkt mit dem gewählten Thema zu tun haben.Es geht darum, Gutes selbst erkennen zu lernen.

Das Internet ist hierfür ideal geeignet. Jedweder Idee, Künstlernamen oder Stilrichtung kann augenblicklich nachgegangen und Anschauung hergestellt werden. Ich zum Beispiel bin momentan fasziniert von den Bildern in einem kürzlich erworbenen Buch namens “Orientalismus”. Da gibts Gemälde von Ingres, Prosper Marilhat oder Alberto Pasini drin, die mich ob ihrer Qualität, was Lichtführung, Realitätstreue oder Bildaufbau angeht – alles natürlich auch fotografisch anzustreben- völlig begeistern. Doch zurück zur Motivgewinnung/Entscheidungsfindung. Nachdem man lange genug um zum Beispiel das Wahrzeichen der Stadt (als Einsteiger zum Warmwerden) herumgesnoopt hat, mag man die zwei unten abgebildeten geometrischen Antipoden gefunden haben und nun, da die Motivgewinnung im ersten Schritt erledigt ist, sich nun mit Probeaufnahmen um die Verwirklichung des angestrebten Kartenmotivs kümmern. Wir hätten da heute drei exemplarische Kandidaten und versetzen uns zum Zwecke der Entscheidungsfindung an die Jury-Position Abteilung gnadenlos, aber gerecht. Nummer eins auf der C-Couch:

Ein dreifarbiger Abendhimmel, Gegenlicht, griffige Silhouetten- wunderbare Bauteile! Nur ist das Bildgleichgewicht leider nicht vorhanden- zugunsten der winzigen Figur, die nur Einheimische einordnen können unten links, wird auf die essentielle Balance im Gesamten- ob ausgewogen oder unter Spannung- komplett verzichtet.

Solch eine Himmelsfärbung ist, obwohl fotogen, leider schon zu sehr in die Klischeefalle eingebettet, so daß sie nur in extrem gut (wolken-)gestylten Fällen Verwendung finden sollte. Zudem ist der Helligkeitsübergang von links- hell nach rechts-dämmerig ebenso wie die Lage der Protagonisten geeignet, das grafische Ungleichgewicht zu verstärken:

der Kreis, eigentlich ein Rad von Künstlerhand, und das Stadtwahrzeichen Mannheims, der Turm, stehen im Bildrahmen unglücklich/unentschieden weit auseinander und zu weit rechts, wirken dadurch beziehungslos und etwas verloren, obwohl sich ihre Umrisse eigentlich sehr gut ergänzen. Aber: unregelmäßiger=störender Rad”stand”, überflüssige, das heißt, die Silhouetten störende Bäume und ein im Dunklen versinkender, halber Turm-

ein völliges No-Go. Also: out! Nächster Kandidat:

Andere Größenverhältnisse: das “kleinere” Rad wird nun durch perspektivische Verzerrung “aufgeblasen”- ein guter, da verwirrender Effekt- die realen Dimensionen beginnen, sich aufzulösen, dem Betrachter nicht mehr fassbar zu sein. Pluspunkt weiterhin:

beide Umrisse ergänzen sich nun mehr, erzeugen die angestrebte Balance, da sie auch vom optischen Gewicht und ihrer Lage zueinander in einer fotogeneren Beziehung stehen: der in der Luft schweben zu scheinende Turm in seiner Lage zum Rad auf seinem Sockel: ok. Auch sehr gut, da dramatisierend:

die Lichtüberstrahlungen im Innenkreis, ebenso das leuchtende Wasser der Fontäne. Das Pärchen addiert eine romantische Note, setzt (allerdings) auch den menschlichen Größenmaßstab ins Bild. Nun sind aber leider zu viele Elemente auf dem Rechteck des Bildes versammelt. Zudem gibt es einige störende Details, die auch dieses Bild wieder ausscheiden lassen:

Die Fontäne müßte vollständig lichtdurchflutet sein, die Wolkenzeichung könnte das Motiv besser unterstützen umrahmen, betonen. Was sie leider nicht macht. Schade, schade, aber: weg damit. Immerhin kann man, wenn man sich der “Lösung” schon recht nahe fühlt, diese Konstellation im Hinterkopf behalten. Vielleicht ergibt sich eines Tages die optimale Zusammenstellung:

der Himmel spielt mit, das Gegenlicht vergoldet zum Beispiel auch noch das Pärchen, oder gar unerwartete Blendenflecke eliminieren alles bislang Störende. Ja, ich weiß: Zeit für Regisseure, Beleuchter und die computergestütze Bilderzeugung. Und ade Postkartenfotografie, die ja per se realitätsnah sein muß.. Also wieder nix. Schlußendlich öffnete sich dank Klischeeüberdruß und daraus sich ergebender Experimentierfreude noch unverhofft die Tür mit der Aufschrift “out of focus”- eine also schon im Augenblick der fotografischen Aufzeichnung absichtlich unscharf gestellte Optik und brachte das Gewünschte: Zufriedenheit UND Rätselhaftigkeit auf einem Bild:

Turm und Rad sind wieder auseinandergerückt, beherrschen mit Himmelhell oben und ErdDunkel unten aber komplett das Bild in ausgewogener Beziehung. Details sind größenordnungs- oder helligkeitsmäßig zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft oder fügen sich unmerklich suggerierend in den Untergrund. Ein paar dunkle Wolkenschleier dazu- unsere Protagonisten wirken nun plötzlich, als seien sie in freier Natur, nur umgeben von Wald, Wetter und Feld, vielleicht in einem abgelegenen Skulpturengarten aufgestellt. Und nicht an einem der zentralen Plätze mitten in dieser 300.000 Einwohner Stadt, der für seine Jugendstilausführung bekannt ist.

Postskriptum: wie man an der Wetterlage erkennen kann, sind zur Motivgewinnung fast immer mehrere, zeitlich oft weit auseinanderliegende Aufnahmen vonnöten. Dieser Aufgabe sieht man sich IMMER gegenüber, wenn man ein bestimmtes Motiv in der Sammlung haben will. Aber es gibt natürlich auch Zufallsfunde. Darauf komme ich später zurück.

__________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

Savvas Ysatis “select”, Tresor (EFA), 2001

Yukio Yokoyama: “Beethoven Bagatellen” Sony/BMG 2007