Fragen: el Berndo, Antworten: Soodlepoodle read the English version here

Was ist das Reingretchen?
"Krimi Cover"- ok, hört sich nach spezialisierter Fotografie an, aber das schwer knetbare "Projekt?" - ein unscharf gehaltener Versuch, den übermächtigen Online-Bildagenturen so etwas Fossiles wie einen Katalog für ein Nischenthema entgegenzusetzen?

Soodlepoodle: Sieht von außen betrachtet so aus, stimmt! Der Eindruck ist aber etwas... zu klein, will ich mal sagen, denn das reingretchen ist viel größer, man sieht es nur noch nicht: es spielt stark in die Literatur und durch das Thema Krimi in Zeit- und Kulturkritik. Reingretchen ist zuerst, für mich als Kreativer gesehen, ein außergewöhnlicher Glücksfall: ein lang vermißter Grund, für ein neues Unbekanntes zu brennen, dessen Dimensionen sich jetzt erst, nach einem fast dreiviertel Jahr in voller Tragweite abzuzeichenen beginnen. Das Ganze geschieht mit Schüben von Schaffensdrang, der mich voranpropellert, mir als Vehikel dient, als Persönlichkeit zu wachsen, und bislang brach liegende Felder meines Potentials nutz- und sichtbar zu machen.

Das hört sich großartig an. Kannst Du da in Details gehen?

Gerne (lacht): der größte Glücksfall ist doch, wenn man sich durch eine neue Idee, die aus obskuren Jagdgründen ins Leben trat, plötzlich befähigt sieht, das gesamte bisherige Schaffen- damit meine ich die in über dreissig Jahren aufgenommenen Tausende von Fotos- in einem neuen Licht zu sehen, ein Licht, ein Blickwinkel, der alles "Zum-Foto-Geronnene" neu verwertbar macht.

Ein staubiges Archiv in eine frische Quelle verwandelt?

Tatsächlich. Es ist fantastisch!

Und wie kams dazu, bereits existierende Bilder plötzlich als Kriminalbuchcoverfutter zu sehen?

Ein im Rückblick wunderbarer Zufall. Gepaart mit meinen immer nach außen drängenden Ideen, wenn ich von etwas begeistert bin. Da laß ich meiner Schaffenswut freien Lauf- eine Funke, eine Idee, und sie muß umgesetzt werden. Zufall insofern, daß ausgerechnet Krimicovers als Thema angeschwemmt wurde. Daß ich nichtsahnend zufällig ein Bild vom übernächsten Tatort als Postkarte genau an denjenigen verschickt hab, der diesen übernächsten Krimi gerade schrieb (lacht), brachte den Stein ins Rollen.

Aha, Du stelltest Dir Dich plötzlich als Krimicoverlieferant vor. Das kann ja schon begeistern. Wie gings dann weiter?

Als direkte Folge der einsetzenden Recherche entstand ein gewisses Unbehagen mit der real existierenden Buchumschlagsgestaltungskultur und meine synchrone Erkenntnis, daß ich, vor allem bei Krimis, nicht mit der allgemein branchenüblichen Vorgehensweise zufrieden bin.

Das hat stark mit meiner Vergangenheit als langjährig tätiger Tonträgerhändler zu tun. Damals gelangte ich zur immer wieder bestätigten Auffassung, daß Umschlag und Inhalt ein künstlerisches Ganzes ergeben sollen, Außen und Innen den gleichen Geist atmen. Die im neu betrachteten Falle Krimicover fast durchweg vermißte Kongruenz zwischen den Bildern und dem Inhalt schmerzte mich daher - ihre jeweilige Gestaltung und die Auswahl der Bilder scheint im überwiegenden modernen Falle ausschließlich Aufmerksamkeitskriterien zu unterliegen. Diese Beobachtung haben mir auch Insider bestätigt. Ein Zeichen, daß Krimis als Massenprodukt gehandhabt werden, während sie eigentlich viel mehr sein könnten, ich denke da an eine Äußerung Paul Austers:"Im Idealfall ist der Kriminalroman eine der reinsten und faszinierendsten Formen des Geschichtenerzählens schlechthin. Die Vorstellung, dass jeder Satz wichtig ist, dass jedes Wort von Bedeutung sein kann, treibt den Autor zu Höchstleistungen."

Die schmerzhafte Diskrepanz zwischen Außen und Innen?

Genau. Nicht nur, daß sich damit das Prinzip Mogelpackung ausgerechnet in die Kultur einschleicht, geführt durch finanzielle/technische Gründe- alles muß schnell gehen, wer hat noch Zeit, sich ein wirklich passendes Cover zu überlegen und es zu verwirklichen, das nächste Cover in diesen Zeiten der Veröffentlichungsschwemme steht ja schon an...

Achtzigtausend neue Bücher jedes Jahr allein in Deutschland. Allerdings gilt Kriminalliteratur vielen als nicht ernstzunehmend.

Kann sein. Die Tatsache aber, daß ein Gros der Leute wenn überhaupt Gedrucktes dann nen Krimi zur Hand nehmen, sollte genau da ansetzen lassen.

Das leicht herablassende "Jemand da abholen, wo er steht?"

Kannst Du gerne leicht zynisch sagen. Die Realität sollte bei dieser Beschäftigung Beachtung finden, kann ich dagegensetzen.

Weiterhin steht zu sagen, daß das menschliche Gehirn das alte ist, die allmähliche persönliche Entwicklung, die Aufnahme von Lektüre, allgemein die Aneignung von Kultur, Wissen und Bildung deshalb kaum an "erforderlicher" Geschwindigkeit zugenommen hat, weil durch die Angebotsvergrößerung ein derart gesteigerter Konsum angemahnt ist. Das erzeugt kein Ergebnis außer dem, alles Überflogene in eine hirnverschmierte Wolke der Bewegungsunschärfe zu bugsieren. Eine Wolke, die keine Details sehen läßt, nur noch eine blutige Farbe und den Nachhall/Ruch hat, daß die Welt ins massenwirksam verbreitete Chaos stürzt. Und das meine ich nicht von Anbieterseite, sondern vom Rezipienten her gesehen.
Ein mich sehr erhellendes Beispiel dafür ist die Reaktion auf meine fürs Reingretchen erstellte Visitenkarte.

Also nicht nur die berühmte Frage: "Wer soll denn das alles angucken, lesen, kaufen?", sondern auch ein von der Krimischwemme flächendeckend eingearbeitetes Schwarzsehertum, was die Zukunft des Planeten und das eigene Leben angeht?

So ist es. Mir schwant da eine -ironischerweise stark krimitaugliche- Vision einer Loslösung der Begriffe Form vom Inhalt, die allgemeine, nur sprachlich zu vermittelnde Sinnzusammenhänge auf eine emotional-psychologische Weise aufzulösen imstande ist. Eine Plausibilität damit unsichtbar macht. Natürlich sollen Kriminalgeschichten unterhalten, fesseln und gerne zu lesen sein. Aber irgendwie hat bei ihrer Erfindung niemand ahnen können, wie sintflutartig sich Wissen über diesen Globus ausbreiten könnte, das alles Mißgünstige, Kriminelle und schlichtweg Asoziale derart einfach zugänglich macht, daß sich jeder zu jeder beliebigen Zeit Anleitungen zum Bombenbasteln aus dem Netz ziehen kann..

„Schaden ist leicht, nützen schwierig.“ Das schrieb ein gewisser Quintilian, es muß im ersten christlichen Jahrhundert gewesen sein. Solltest Du da von Krimis nicht lieber die Finger lassen und Ethiklehrer werden?

Ich versuche, beides so zu verbinden, daß es sexy bleibt.(lacht)

Ok- schließlich bist Du ja auch als Fotograf da reingeraten. Da darf man ja ruhig beim Thema bleiben. Und das sieht ja auch verändert aus seit Internet 2.0..

Allerdings: ich war entsetzt über den Preis- und Wertverfall von Fotografien, insbesondere dem von so wichtigen Bildern, die das Titelblatt der Druckerzeugnisse zieren. Dazu kam eine Desillusionierung über die Art der modernen "Bildbeschaffung", die folgt, hat ein Verlag einmal ein für seine Zwecke geeignetes Manuskript in Händen. Sie bewirkt nun, durch die Internettechnologie und die Masse an miteinander konkurrierenden Angeboten für Fotografen, oder sollte ich lieber modern sagen, Bildlieferanten, daß sie als Tätigkeitsfeld für lebensunterhaltende Maßnahmen ins nahezu Nichts geschrumpft ist.

Daran wirst Du wenig ändern können..

Das ist mir völlig klar. Deshalb verfolge ich mit diesem Projekt ja auch keinen Businessplan (lacht). Es geht um etwas, daß im allgegenwärtigen Preis-Leistungs-Universum Deutschland nicht vorkommt: die flüchtige Schönheit des Unfertigen, das Belassen eines Zustands der Unperfektion als Urgrund der Inspiration, ja: zur Ansicht als solche belassene Fehler. Als Quellen zu etwas Neuem. Der Faktor Zeit als wichtigste Ingredienz für Kreation, das tatenlose Sich-Inspirierenlassenkönnen.

So ne Art selbstgemachter Humus für Neues?

Erstaunlicherweise: genauso ist es. Nicht nur ein Werk, das sich selbst genügt als braves Fotobuch mit betulichen Bildbeschreibungen wie in einem Reiseführer und zur Egosteigerung, sondern eines, das in der Lage ist, eine inspirative Strahlung für Dritte zu entwickeln. Und dadurch Anregungen zu ganz neuen Geschichten oder gar ganzen Romanen & Filmen liefern kann. Das soll Ende des laufenden Jahres in Buchform geschehen. Da sind auch die unchiffrierten Cover drin zu sehen, also der vollständige Impakt wird erst in diesem Buch verwirklicht.

Aha- ein Buch. Dafür brauchts aber Wissen um die Produktion als solches. Und als Krimianreger sollte man sich auch mit diesem Genre beschäftigt haben, damit man da nicht ins Blaue schießt. Bist Du da dran oder sind Krimis sowieso Teil Deines Lebens und schlägt mit dem KrimiCoverProjekt diesem Know-How nun die Stunde? (lacht)

Ich lese sehr gern, Krimis kommen aber bislang nur sporadisch vor. Online-Artikel, Blogs, kulturkritischer Journalismus, Romane, Sachbücher und fotografische Lektüre, früher auch Science Fiction - ja. Eine Einarbeitung ins Krimigenre passiert gerade in Kapitelform. Hier auf reingretchen.de sammle ich Gedanken zu den damit zusammenhängenden Themen. Da bin echt so reingeraten (lacht).

Gibts schon Feedback? Im Regelfall reicht man seine laufenden größeren Dinger ja im Freundeskreis herum, holt vielleicht unter Kollegen gar Meinungen ein. Und die bessere Hälfte hat ja oft auch was dazu zu sagen..

Das wichtigste Feedback war das des ungenannt bleibenden Verlags ganz vor dem Anfang, der meine Entwürfe für nicht brauchbar befand. Das hat mich ja erst auf die Idee gebracht, mal mit eigenen Ideen anzufangen. Eine zweite, ebenso wichtige Rückmeldung war die eines befreundeten Kollen, der die Fotos und LayOut als Krimideckblätter für zu aussageschwach hält. "Mach doch richtige Covers draus!" hat er gemeint.

Ich bin daraufhin ohne weitere detaillierte Fragen zu stellen in mich gegangen und hab überlegt, was er wohl meinen könnte. Wahrscheinlich einen Angleich an die bestehenden Buchdeckel und an das Standard-Design, das sich bei fast allen bislang online recherchierten Verlagen doch recht ähnelt, solange der Verlag Fotomaterial und keine Illustrationen benutzt, um die Aufmerksamkeit der Krimigemeinde auf den einzelnen Titel zu ziehen. Da mein Interesse sich aber vielmehr auf die Zwischentöne, die psychologische Konstellationen der Protagonisten und den Willen zu Suggestion bündelt, daß sich diese Verbrechen und alles im weiteren Bereich der zwischenmenschlichen Einflußnahme eher in den realen banalen Alltäglichkeiten liegt, die man ebenso einfach mit einem realen Foto ohne großartig-klischierte Plakativitätsanheischung halten kann, versuche ich mit dem Reingretchen, da einen eigenen Weg einzuschlagen, der näher an der erlebten Realität des Normalos liegt. Viel weniger Action, mehr Merkwürdiges im Alltäglichen. Bei dieser Herangehensweise ans Buchcovermachen, das muß man fairerweise immer betonen, hab ich es ja auch um einiges einfacher, als ich ja kein bestehendes Manuskript bebildern muß wie es zu den Verlagsaufgaben gehört, sondern meine Bilder selbst die Ausgangspunkte für die Geschichten dahinter sind, die ersten inspirativen Funken zu einer weiteren kriminalliterarischen Betrachtung der Welt.

Vierzehn Kapitel sind schon veröffentlicht, schön nach Themen getrennt. Ein Masterplan?

Überhaupt nicht! Nachdem sich die erste Begeisterungswelle in das Erstellen von zirka dreissig Cover niedergeschlagen hatte, fielen mir die verschiedenen Aspekte auf, die man auf dem Weg zu einem Cover berücksichtigen muß. Und das Auffallen reist nicht mehr ab seither:

Jeden Monatsanfang kommen immer weitere sechzehn Covers dazu. Mittlerweile sind es einhundertsechsundsiebzig. Bist Du da jeden zweiten Tag am Machen?

Es geht eher schubweise mit den neuen Covers. Zur Zeit stürze ich mich mit Vergnügen auf das Gewinnspiel, bei dem man meine Gedanken wie ein Detektiv und Ermittler rückwärts verfolgen soll, um zum Ausgangspunkt meiner "Taten" zu kommen. Da schwelge ich in der Rolle des Rätselarchitekten (lacht). Das nächste Gewinnspiel mit "Autoren out of Space" ist schon fertig in der Schublade!

Dieses erst angefangene Interview führt(e) el Berndo