So sieht es aus, wenn man als Fotografierender das Thema Buchcovergestaltung in neue Bereiche ausdehnen mag: man erfindet Titel, die aus Bildern Vorahnungen für ganze Geschichten machen. Und, damits spannend = anregend 0 inspirierend bleibt, verschleiert man die gefundenen Ergebnisse.

Diese überraschende Darstellung der neusten FebruarCover erhielt ich, indem ich die Fotos, statt scharf zu stellen aus gedankenferner Unkonzentriertheit und jäh aufflammender Experimentierlust "ins Unscharfe" rüberrechnen ließ. Dazu wurde ich vom morgendlichen Radiohören eines Berichts über den Beruf des Film-Cutters angeregt, in dem konstatiert wurde, die Ästhetik eines Filmes, insbesondere die seines Schnittes, wäre durch die digitale Revolution "wagemutiger" geworden, da jeglicher Cut spurlos rückgängig gemacht werden kann- es handelt sich ja um reine Dateien. In analogen Zeiten wäre das anders gewesen: da mußte Rücksicht auf das nicht ewig zu schneidenundzuklebende Filmmaterial Rücksicht genommen werden.

Ebenso sehe ich das Material, das ich fürs reingretchen bearbeite: unendlich oft umgestaltbar, da

Ganz wunderbar finde ich die Möglichkeit, jederzeit alle Phasen der Gestaltfindung wieder hervorrufen zu können- jeder kleine Zipfel an Inspirationspotential bleibt erhalten. Diese unscharfen "Vertipper" bekommen nun, nachdem ich systematisch die bisherigen Monatsblätter, vom überraschenden Ergebnis angelockt, ebenso veropakisiere, eine wundersame Ausstrahlung: Durch die Unschärfe verschwimmen nicht nur die dargestellten Gegenstände, einzelne Bilder scheinen oft auch zu kippen: der Hintergrund scheint zum eigentlichen Motiv, die Gegenstände zum Hintergrund zu werden.

Was vielen bei der kreativen (Auswahl)arbeit eher bedrohlich gestaltlos, wie eine uferlos-beklemmende Kreativitäts-Falle, wo alles möglich ist oder, modern: jederzeit ein neu auftauchender Gedanke (gerne auch übers Internet angeflogen) alles Entstandene zu entwerten vermag, ist mir im Gegenteil recht willkommen: ich habe -zu meinem persönlichen Glück- wenig Schwierigkeiten damit, etwas Unfertiges stehen zu lassen.

Man sollte spätestens dann aufhören, an etwas "herumzukreieren", wenn man das Gefühl der Ratlosigkeit, des Ideenmangels oder das Ausbleiben der Inspiration spürt. Einfach stoppen. Und: Zeit verstreichen lassen- es gibt ja noch so viel anderes zu tun! Vielleicht stellt sich nach einer Nacht Ruhenlassen - oder ein Jahr später gar- DIE Idee ein, die zur vollsten Zufriedenheit führt.

Auf diesem Feld steht es um meine Sicht auf das Unantastbare der allgegenwärtig angestrebten Perfektion und den zugehörigen Anspruch eher schlecht..mir ist das Lebendige, im Begriffen-Seiende lieber - ich liebe das Potential einer Werkstatt viel zu sehr. Genau das ist übrigens auch der Grund, warum ich nicht vollberuflich schöpferisch tätig bin- Deadlines kill ist da mein Motto. Andererseits: natürlich sollte ein Werk, Buchtitel oder Bildausschnitt irgendwann den Status "fertig" bekommen.

Ein bestimmter Zustand muß als Endzustand festgelegt, zur nächsten Arbeit weitergeschritten werden. Damit zu einer Weiterentwicklung, vor allem der Persönlichkeit fortgeschritten werden kann: nur fertige Ideen bringen mich weiter, gewinnen eine Strahlkraft für andere Menschen, regen zu einer Reaktion, zu Kritik, gar zu einem Austausch an. Das schafft endloses Herumdoktern an einem streng geheimbleibenden Cover, Postkartenausschnitt, Farbgestaltung oder fotografischen Blickwinkel nicht. Man muß nach draußen mit seinen Werken, damit die Welt einem wiederum zeigen kann, wo man eigentlich steht. Denn: Titel, Autorenname und Bild verschmelzen NACH ihrer Fertigstellung zu einer neuen Vorstellung des Werkes, in meinem Fall zur Ahnung einer Geschichte. Vor allem für ein teilnehmendes Publikum. Bekommen erst so eine Persönlichkeit, einen individuellen Geschmack.

Frappant: auch die oben abgebildeten Bild-Hieroglyphen-Collagen mit den sinnentleerten Buchstabenkontrukten kreieren bereits einen Geschmack. Nicht unbedingt einer Krimibuchcover-Anmutung, mir geht das eher in Richtung experimentelle Kunst. (..) Alle unvollendeten Übrigen dürfen bis zu einer als zündend spürbaren Idee genauso stehenbleiben:

Unperfekt, angefangen, das heißt: voller Geheimnis.

Postskriptum/Nachtrag:

und hier das Ganze in original-scharf und in große.

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Musik beim Schreiben heute:

Bajo Fondo Tango Club: dito, Vibra, 2002

Hamel: "Nobody´s Tune" , Decca, 2010

Roisin Murphy: “Ruby Blue”, Ecco, 2005