Düsterer, rätselhafter und experimenteller wirds im Juli beim reingretchen - es wird wohl nicht am jüngsten Hochwasser oder am Großbrand vor der Haustür incl. 9/11-Feeling vor ner Woche liegen, denkt man sich da?? Nur auf den ersten Blick- ist ja (noch) keines der bei diesen "Events" geschossenen Bilder dabei- da gäre ich noch mit.

Es liegt eher daran, daß ich nun schon ein Jahr mit dem Krimi-Cover-Ding gedankliche Spaziergänge mache. Und, man kann es an den neusten Covers sehen, ich das Gefühl habe, das nächste Level zu betreten: das LayOut und die Bilder werden unplakativer, wagemutiger, wenden sich vom (eigentlich zum Verkauf/Promo notwendigen) zeitgenössischen Regal-Appeal ab. Mitschuld der Umstand, daß die Türen meiner fotografischen Vergangenheit offenstehen: ich grabe in meinem Archiv. Die Schaufel: ein Scanner. Die Erinnerung wie die Bilder: verwaschen. Wie die Farben vergangener Sommer, die Farbe von Schnee am Morgen, Regen, Spuren von Licht und Bewegung. Der Verlust des genauen Ortes, von dem diese Bilder stammen.

Der Hauptgrund für diese "Fortführung" der Ästhetik liegt an einer von ihr Befreiung suchenden Konzentration aufs Ideenfinden. Das ist schließlich Sinn und Zweck des Reingretchens: Fotos erzeugen (Vor)Ahnungen für Geschichten. Irgendwelche Fotos. Also konsequent weiter in Richtung faszinierende-Geschichten-müssen-nicht-(immer)-mit-plakativer-Cover-Promo-zusammenhängen. Auch im Unfotogenen kann durch das Anheften/Ertasten einer dahinterliegenden großen Story ein Schatz versteckt sein. Für eine Geschichte symbolhafte Bilder müssen nicht zwingend Plakate zu deren Verkäuflichkeitssteigerung ergeben.

Fazit: dieser Kurswechsel ist mein (Umkehr)schluß der Warenästhetik. Ebensowenig kann man ja auch vom bloßen Anblick schöner/häßlicher/uninteressant wirkender Menschen auf deren Inneres, ihr Wesen und ihre Persönlichkeit schließen. Also betrete ich diese fürs Werbe-ästhetische gefährliche neue, windungsreiche Treppe in der Fotografie: Mission: Thrillseeking. Die "kratzige" Bildqualität mit ihren belassenen Flecken, Scanfehlern, verschobenem Tonwertumfang und ausgewaschenen Farben tut das Ihre, mir allerlei und massenhaft Inspirationen zuzuschaufeln. Enter Film-appeal.
Ausschnitt Reingretchen Entwurf # 256
Undurchdringliches Dickicht, veralgtes Wasser auf obskuren Eingangsdeckeln. Spalte, die sich lichtdampfend öffnen. Oder schließen? Dann: Kakteenähnliches in schmuddligen Glashauslicht. Draußen die drückende, durchs Fenster blau gedämpfte Hitze. Lauernd, unerträglich. Gegen die Scheiben drängend. Nächstes: zweigeteilte Bilder mit Waldvenen und fleckigen, patinierten, eingefaßten Elefantenfüßen, die aber auch nicht wie Stämme aufeinanderstehen. Was ist das? Der Blick aufs erlösende Ganze ist verstellt, die doppelte Bildfolge gibt Rätsel auf, sauggeriert Zusammenhänge, die in die Irre führen können.



Grelle Schmierer im Gegenlicht, klirrendes Kälteblau, Elektrizität über dem Land, Geschwindigkeitsrausch ohne Anhaltspunkt und Details. Der Mond als zitternde, ausrauchende Leuchtkugelspur. Der detektivische Foto-Blick in einen Konvexspiegel- Grünliche, wie in Videogames kontanimiert gefärbte, verlassene Behausungen unter bleiernem Himmel wie eine Falloutglocke über den Dächern.

Ausschnitt Reingretchen Entwurf # 256

(..) Seht hier die neuen Sechzehn als fertige Covers auf dem üblichen Tableau zum Größerklicken:



PS.: zur Warenästhetik und der damit zusammenhängenden "Modellierung der Sinnlichkeit" eine hochinteressante Betrachtung des Philosophen Wolfgang Fritz Hauk (*1936) auf http://www.offene-uni.de/archiv/textz/textz_phil/warenaesthetik.pdf:

Darüber hinaus verwende ich den Begriff (des Ästhetischen) so zweideutig, wie die Sache es verlangt: teils mehr nach der Seite der subjektiven Sinnlichkeit, teils mehr nach der Seite des sinnlichen Objekts. Im Ausdruck Warenästhetik kommt eine doppelte Verengung hinzu: einerseits auf »Schönheit«, d. h. auf eine sinnliche Erscheinung, die auf die Sinne ansprechend wirkt; andrerseits auf solche Schönheit, wie sie im Dienste der Tauschwertrealisierung entwickelt und den Waren aufgeprägt worden ist, um beim Betrachter den Besitzwunsch zu erregen und ihn so zum Kauf zu veranlassen.

PPS.: Und die klaustrophobische "Spirale nach unten" darf ich hiermit als optische Täuschung enttarnen: jedes runde Treppenhaus sieht so aus, wenn man runter oder raufguckt. Von sackgassiger Spirale in Wirklichkeit keine Spur. Ein neuer, gedrehter Weg hoch oder runter. Wobei an einem Ende immer der Ausgang zur Welt wartet ,-)

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Musik beim Schreiben heute:

The Matthew Herbert Big Band: "Goodbye Swingtime", Accidental, 2003

Pole: "Pole", PIAS, 1998

Beanfield: "Human Patterns", Compost Records, 1999

Sushi Club: “Sushidelic”, Elektrolux, 1999

Schwefel: "Luna Messalina", Vielklang, 1990

Salaryman: “Salaryman”, City Slang, 1997