{"id":1744,"date":"2012-09-25T19:02:35","date_gmt":"2012-09-25T19:02:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.soodlepoodle.net\/blog\/?p=1744"},"modified":"2019-02-19T19:17:41","modified_gmt":"2019-02-19T19:17:41","slug":"man-liest-vom-ende-der-fotografie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.soodlepoodle.net\/blog\/index.php\/2012\/09\/25\/man-liest-vom-ende-der-fotografie\/","title":{"rendered":"Man liest vom Ende der Fotografie"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/soodlepoodle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/21870004mirrorc.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3704\" title=\"21870004mirrorc\" src=\"http:\/\/soodlepoodle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/21870004mirrorc.jpg\" alt=\"\" width=\"786\" height=\"499\" \/><\/a><strong>\u201cMan kann einer Fotografie nie mehr trauen. Sie gibt vor, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit entstanden zu sein \u2013 doch das kann auch eine reine Erfindung sein.\u201d <\/strong> Ein Zitat David Hockneys aus <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/interview-mit-david-hockney-die-fotografie-ist-am-ende-a-389005.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einem Interview mit dem Spiegel<\/a>. Das liegt 7 Jahre zur\u00fcck und ich beginne, mich n\u00e4her heranzugooglen an dieses Thema. Unl\u00e4ngst n\u00e4mlich lag das bereits 1979 erschienene, fotografie-kritische Buch <em>\u00dcber Fotografie <\/em>von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Susan_Sontag\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Susan Sontag<\/a> auf dem Tisch des Buchh\u00e4ndler meines Vertrauens. Bald darauf geh\u00f6rte es zu meiner Bettlekt\u00fcre. Die darin diskutierte Vorstellung vom <em>Ende der Fotografie<\/em> hat mich etwas befremdet: Bei diesen ganzen im Netz herumschwirrenden unvorstellbaren Mengen an Aufnahmen etwas komisch, dachte ich mir zuerst. Aber die Sichtweise zielt auf etwas, das mit dem urspr\u00fcnglichen Funktionswert der Fotografie zu tun hat: mit der einst allein der Malerei eigenen -und jetzt diese abl\u00f6senden- Autorit\u00e4t, die Wirklichkeit darzustellen. Diese schwindet tats\u00e4chlich in ein bodenloses Nichts, bedenkt man es etwas n\u00e4her: die M\u00f6glichkeiten, per Rechner und Bildbearbeitungs-Software in fast jedem erdenklichen Ma\u00dfe ins Bild selber einzugreifen ist schon in die Wohnungen der Normalos eingezogen. Und die dargestellte \u201cWirklichkeit\u201d kann von jedem im eigenen Sinne beeinflusst werden. Und das gar, ohne bei der Herstellung des Bildes per Kamera dabei gewesen sein zu m\u00fcssen. Postproduktion sag ich da blo\u00df- von der serienreifenden <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Plenoptische_Kamera\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lichfeldfotografie<\/a> erstmal gaaanz zu schweigen. Man liest ja auch von Werbekampagnen multinationaler Konzerne, die f\u00fcr neue Kampagnen aus den Portfolios von Postproduktions-studios ausw\u00e4hlen, w\u00e4hrend die Sichtweise des eventuell in Frage kommenden Fotografen zur Herstellung des \u201cAusgangsmaterials\u201d als sekund\u00e4r gesehen w\u00fcrde\u2026 Das Wort Hochglanz und Branchenlevel als Geisel der bildbearbeitenden Menschheit.. Welch \u00fcberraschend deutlichen Satz von Daniel Boschung zum Beispiel las ich neulich, sehr selbstkritisch -und ausgerechnet als Inhalt der (mittlerweile verschwundenen) Laudatio zum Jahrbuch-Award des <a href=\"http:\/\/www.bff.de\/der-bff\/awards\/bff-jahrbuch-award-2011\/mn_43064\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bff.de<\/a>: \u201c<strong>..man sehe sich nur den Triumph der K\u00fcnstlichkeit an, der in der Rubrik \u201eTransportation\u201c herrscht<\/strong>\u201c. Die fotografisch Kreativen sind sich offensichtlich in aller Deutlichkeit bewu\u00dft, wo sie sich gerade mit ihrer T\u00e4tigkeit bewegen.. <a href=\"http:\/\/www.soodlepoodle.net\/\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/titel89510004niederdruckschwaebisch.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.soodlepoodle.net\/\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/titel89510004niederdruckschwaebisch.jpg\" \/><\/a>Dazu noch einmal <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/David_Hockney\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">David Hockney<\/a>: <strong>\u201cJetzt ist diese Kontrolle der Welt durch die Sehweise der Linsen und der Kameras ihrerseits ans Ende gekommen \u2013 weil sie von der digitalen Bildbearbeitung ad absurdum gef\u00fchrt wurde und die Sehnsucht aufkommt nach einer neuen Wahrhaftigkeit in den Bildern.\u201d<\/strong> Es wird klar: die Fotografen sind sich dieses \u201cirrealen\u201d Aspekts ihrer Arbeit nicht nur wohl bewu\u00dft, ja, ich fand durch blo\u00dfes Herumsurfen andere K\u00fcnstler, wie <a href=\"http:\/\/www.keithcottingham.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Keith Cottingham<\/a>, der genau dieses Thema von der quasi gegen\u00fcberliegenden Seite angeht und so tut, als w\u00e4re die Fotografie reines Mittel zur totalen Erfindung: <strong>\u201c<\/strong><strong>These are documents of no place, of no time, and of no body\u201d<\/strong> hei\u00dft es sehr eindr\u00fccklich im Einf\u00fchrungstext zu seinem Werk \u201c1999 history re-purposed\u201d unter dem Tenor <strong>Can we ever know the truth of the past? Is there such a thing as scientific objectivity?<\/strong> Die Fotografen <a href=\"http:\/\/www.peterfunch.com\/index.php?\/ongoing\/babel-tales\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Peter Funch<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nicolasdhervillers.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nicolas Dhervillers<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.shotbyrobert.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Robert Overweg<\/a> k\u00fcmmern sich ebenfalls darum, jeder auf seine spezielle Weise- sie sind die ersten paar, die ich schon entdeckt habe. Und: es werden sicherlich nicht die letzten sein. Wann aber wird diese Einstellung zu fotografischen Bildern im allgemeinen Bewu\u00dftsein angekommen sein, frage ich mich angesichts dieser unaufhaltsamen Entwicklung, die Wahrnehmung, Kunst und technische Entwicklung da produzieren: <strong>da\u00df man Bilder nicht mehr als Abbilder der Realit\u00e4t sieht, sondern als..<\/strong> mh- keine Ahnung als was. Als bunte Variationen der Fantasie, als raffiniertes-Konstrukt-der-abbildbaren-Wirklichkeit-im-Baukastenprinzip, wie zum Beispiel die leuchtenden Bilder von <a href=\"http:\/\/www.ruudvanempel.nl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ruud Van Empel<\/a> ?? Und wie wird sich dann der Blick auf die Welt per se \u00e4ndern?? Die aktuelle Bilderschwemme ist noch zu nah dran an den Sehgewohnheiten- diese wiederum erzeugen weitere Str\u00f6me an Bildern, als da\u00df man jedes Foto gleich als reine Ausgeburt der K\u00fcnstlichkeit identifiz\u00f6re.. \u00a0 <a title=\"zu Soodlepoodles charakterschutz.de\" href=\"http:\/\/www.charakterschutz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.soodlepoodle.net\/\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/rohrwanderer-charakterschutz.jpg\" \/><\/a> \u00a0 Zur selben Zeit entdecke ich auch die verwirrenden Bilder der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pictorialismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pictorialisten<\/a>&#8211; Fotografen, die Fotografie als Kunst anerkannt sehen wollten und um die Wende zum 19. Jahrhundert hin <strong>Fotos zu Bildwerken<\/strong> stilisierten. Diese geschah mithilfe des Labors, in dem der der Fotografie als abhold gesehene \u201ck\u00fcnstlerische Touch\u201d, die Aura des Unikats\/Originals mithilfe von Entwicklungs- und Dunkelkammertechniken erreicht werden sollte. Zitat: \u00ab<em>F\u00fcr manche war das Negativ nur die Skizze, die erst im Ablauf von Entwicklung und Abzug zur Kunst wurde. \u00bb <\/em> Das kam man hervorragend an den Bildern von <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?num=10&amp;hl=de&amp;safe=off&amp;site=imghp&amp;tbm=isch&amp;source=hp&amp;biw=1173&amp;bih=798&amp;q=%22Hugo+Henneberg%22&amp;oq=%22Hugo+Henneberg%22&amp;gs_l=img.3...804.1974.0.2457.3.3.0.0.0.0.135.294.1j2.3.0...0.0...1ac.1j2.yF5fHBtzwWA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hugo Henneberg<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?num=10&amp;hl=de&amp;safe=off&amp;site=imghp&amp;tbm=isch&amp;source=hp&amp;biw=1173&amp;bih=798&amp;q=%22L%C3%A9onard+Misonne%22&amp;oq=%22L%C3%A9onard+Misonne%22&amp;gs_l=img.3...1862.2722.0.3175.3.2.0.1.0.0.127.151.1j1.2.0...0.0...1ac.1j2.ZfI6sg5Ng7o\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">L\u00e9onard Misonne<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?num=10&amp;hl=de&amp;safe=off&amp;site=imghp&amp;tbm=isch&amp;source=hp&amp;biw=1173&amp;bih=798&amp;q=%22Constant+Puyo%22&amp;oq=%22Constant+Puyo%22&amp;gs_l=img.3...1490.1490.0.1928.1.1.0.0.0.0.118.118.0j1.1.0...0.0...1ac.1j2.iZ_0a0xBXHQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Constant Puyo<\/a> nachvollziehen, bei deren ersten Anblick es r\u00e4tseln macht, was genau man denn da vor sich hat: die Werke wirken durchweg wie Gem\u00e4lde auf mich- v\u00f6llig durchkomponiert, wie man das auf Fotos heutzutage nur bei den Gro\u00dfen sieht. \u201cLustig,\u201d dachte ich dabei: \u201cda verschwindet jemand wieder durch die T\u00fcr, durch die er gekommen ist.\u201d So schlie\u00dft sich ein Kreis, in dem sich beim Ringen um Anerkennung Authentizit\u00e4t und K\u00fcnstlichkeit in den Schwanz bei\u00dfen.<\/p>\n<p>Am Schlu\u00df bleiben hie wie da die Bilder, die ansprechen im Ged\u00e4chtnis. Nur mit Wirklichkeit m\u00fcssen sie nichts mehr zu tun haben, das ist das Neue in der Geschichte der Wahrnehmung. <a href=\"http:\/\/www.soodlepoodle.net\/\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/71210030.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.soodlepoodle.net\/\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/71210030.jpg\" \/><\/a><\/p>\n<p>PS.: zwei Bilder hier auf dieser Seite sind <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> durch den Photoshop gedreht. ______________________________________________________________<\/p>\n<p>Musik beim Schreiben heute:<\/p>\n<p>Beady Belle: \u201cCloser\u201d, Jazzland, 2005<\/p>\n<p>David Byrne: \u201cMusic For The Knee Plays\u201d ECM, 1985<\/p>\n<p>Donald Fagen: \u201cMorph The Cat\u201d, Reprise 2006<\/p>\n<p>Groove Armada: \u201cLate Night Tales\u201d, Late Night Tales, 2008<\/p>\n<p>various artists: \u201cThe White Room\u201d, Sony Music 2004<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cMan kann einer Fotografie nie mehr trauen. Sie gibt vor, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit entstanden zu sein \u2013 doch das kann auch eine reine Erfindung sein.\u201d Ein Zitat David Hockneys aus einem Interview mit dem Spiegel. Das liegt 7 Jahre zur\u00fcck und ich beginne, mich n\u00e4her heranzugooglen an dieses Thema. 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