Der Gemüsemodus der Malerei oder: die Grünkohlfälschung

Ist es nicht immer so? Eine Idee landet in der Realität. Und wirkt da ganz anders. Das planmässige Verwirklichte erschüttert immer wieder unsere Vorstellung davon, wie unglatt Ideen ins praktischtägliche Leben überführt werden können – das Idealbild verschwindet, dafür taucht etwas anderes auf: Faszination. Und der “Kampf mit der Materie”.. Ich jedenfalls habe diese Woche mein erstes aufwendigeres Gemälde fertiggestellt:

pinxography_1597Und bin entzückt über den Effekt. Und gleichzeitig gebeutelt bei Ansicht der Materialität. Eigentlich verwunderlich, denn genau deswegen habe ich das “Malen nach selbstgemachten Zahlen” ja begonnen. Und nun erschrecke ich ob der physischen Präsenz dieses Bildes. Ob der Spuren des Manuellen. Denn eigentlich startete es ja “harmlos” als Entwurf, rein digital erzeugt:6kapelle-pinxography_two2sg
Und nun, nach rund vier Stunden konzentrierter Arbeit am Objekt (und einiges an längerer ideeller/konzeptioneller Vorbereitung) kann ich das Fertigstellungdatum auf die obere Kante schreiben, es mit Ösen zum Hängen versehen und an seinem künftigen Lebensraum Wand betrachten. Und darüber meditieren, welch Welten dazwischenliegen, was das Phänomen Gegenstände vs. Idee im allgemeinen bedeutet..

Denn: natürlich erreicht man per Pinsel nicht diese Rechnerperfektion und genau das ist ja das Coole an der Malerei: es kommt da noch das manuelle Wagnis hinzu, das daraus nicht nur ein Einzelstück und Gegenstand macht, es quasi aus dem Virtuellen erlöst. Sondern auf diese große Frage im Leben aufmerksam macht:

Wie beinflussen fleischgewordene Ideen die Welt?

(..)

Da will man gleich weiter: diese serendipisch = ohne Suchen gefundene Technik der Formenproduktion hat mich natürlich gepackt. Und ich “werfe” die Quelle erneut an:

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Was für mich stets ein Rätsel bleibt (und vermutlich bleiben wird), ist diese vernunftsferne, impulsive, halb unbewußte (Auswahl-, Entschluß-)Tätigkeit im sogenannten “GemüseModus”, die mich in diesem Fall dazu bewog, dieses Foto unten ins Spiel zu bringen – es war Anfang des Monats am Mannheimer Strandbad entstanden:

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Irgendwie fand ich wohl diese fedrige Struktur, nun wieder zuhause am PC, so attraktiv, daß ich daraus unbekümmert ein unrapportierend-wuscheliges Stempel-Muster machte. Das sich nach einigem Laborieren mit Folienverpackungsfilter (siehe Version rechts) und Umfärbung ins Grünkohlige faszinierendly weiterentwickelte: als erstaunlich organische Zutat  für dieses neue “Plakat”:

Und wie wirkt das nun? Na, sag ich mal nonchalant: wie Besuch von einem anderen Stern ;-)

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Musik beim Schreiben heute:

Walter Becker: “Eleven Tracks Of Whack”, GIANT RECoRDS, 1994

various artists: “Rootdown 99″ compiled by Rainer Trüby, NUPHORIC 1999