VerBannung!

Irgendwo hab ich mal den Spruch gelesen “Das Hirn ist ein Organ zur Abwehr von Informationen“. Der fällt mir immer ein, wenn mir irgendwo in der Stadt ein Übervorkommen an Schilder- und Werbebannerwald begegnet. Und ebenso kommt mir prompt wieder jener Nachmittag ins Gedächtnis, an dem ich es schnell aufgegeben habe, ein Großereignis am zentralen Platz in Mannheim zu fotografieren.

Angesichts der Vereinigten Banner™ wäre kein einziges, auch nur halbtotales Foto ohne Werbung, Firmen- und Sponsorenschriftzügen möglich gewesen, so fleissig ward die stark frequentierte Welt mit Aufmerksamkeitsködern übersät. Das fiel mir wieder ein, als ich  heute ich durch Bilder aus dem Jahr 2009 brause. Und mein Blick an diesem Baustellenbild der atmosphärischen Art hängenbleibt:

dieses geliebte diesige (Nachmittags)licht im Spätherbst! Diese Rohheit einer Baustelle, dieses Alles-ist-noch-Möglich, diese harmonisierenden monochromen Farben! Und, wie starke gehorsame Tiere die zur Wochenendruhe eingepferrchten Bagger, die duldsam warten, bis sie Montag früh wieder zum Leben erweckt werden.

Einzig mal wieder die auf diesem einen Bild ins Dutzend gehende Banner stören mich am Schwelgen. Schlimmer noch: eigentlich cerhindern sie fast immer, daß ich ein solches Bild überhaupt aufnehme. Doch, und daran kann ich mich noch erinnern, überwog das Sehvergnügen vor Ort und ich drückte ab.

Und ich stell mir plötzlich vor, wie es wäre, könnte man dieses arme, stets überlastete Denk- und Fühlorgan mit einer schlichteren Version der modernen Welt entlasten. Zu diesem Versuchs-Zweck nehme ich mir heute, beim Wiedersehen, die Zeit und Freiheit, die “Textstellen” im Bild mal mit weißen Flächen abzudecken. Dann -aus Laune- noch ein bißchen Überstrahlung à la Reflektorband reingerechnet, um ihre Lage, Größe und negative Wirkung zu betonen. Und sie als nur leere, im großen Bildrahmen platzierte Flächen ohne Message zu betonen. So übertüncht & neu gesehen, nehmen sie einen doch überraschend geringen Flächenanteil in Beschlag. “Könnte man noch mehr neutralisieren” denke ich und färbe sie mit der Hauptfarbe, einem angenehmen Betonkakaogemisch:

Es gefällt! Die kleinen verabschieden sich fast ganz aus unserer Aufmerksamkeit, und man kann sich- oh jähes Wunder- auf das Bild als solches konzentrieren. Die übrigen größeren vier stören nur noch erträglich, ohne allerdings ganz zu verschwinden. So kommt mir die Idee, auf künftigen Bildern die Werbung einfach zu überpinseln. Und die enstehenden Flächen in diesen Fotos als ein neues Muster zu ästhetisieren/ thematisieren. Erstaunliche Entdeckung nach dem Abdecken: wie plötzlich fremdartig wirkt unsere vertraute Umgebung ohne Aufschriften, Header, Sticker, Plakate oder Transparente.

Ja, geradezu alienhaft: in eine solche Umgebung versetzt, glaubte ich mich auf einem Filmset wieder, das heißt: ich sähe eine solcherart abgespeckte, reine Sach-Umgebung als etwas Künstliches an. Daran wiederum bemerke ich, wie wichtig für mich als persönliche Verortung dieser Werbe- und Info-Overkill ist: ich bin daheim im Informationstaifun. Und, das ist das Verblüffende, denn man klagt ja immer gern über diesen WerbeOverkill: ohne ihn käme ich mir plötzlich sehr irritiert vor. Also experimentiere ich mit der Art der Banner und füge ein taiwanesisches Schriftenparfait ein:

Und, wie gehts Euch damit? Urlaubsgefühle? Fernweh? Oder: Befremdung? (..) Da ersteht mir angesichts der überklebten Z(w)eltwänden, Baustellenzäunen und Fensterlosen i.e. Häusergiebelfronten eine neue experimentelle Aufgabe: zu erkennen & dann fotografieren, was ich durch die Banner hindurch sehen lerne. Sehen lernen will. Und später (har har) werde ich sie übermalen und dadurch meine Vision für alle sichtbar werden lassen ;-) ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

CeeLo Green: “The Lady Killer”, Elektra, 2010

Adam Green: “Minor Love”, Rough trade, 2010

Gramm: “personal_rock”, Source Records, 1999

Nightmares On Wax “Smokers Delight”, WARP Records, 1995

Donald Fagen: “Morph The Cat”, Reprise 2006