Blick in die künftige Werkstatt, ins künftige Leben


Dieses merkwürdige Bild hab ich gestern aus meinem Archiv gekramt und als neues Titelbild zurechtgezupft. Im “Original” ist es genau 24 x 36mm groß, denn es befindet sich auf einem Kontaktabzug des frisch angebrochnen Jahres 1995. Heute, am Tag danach (keinen Moment früher mal wieder), fällt mir die frappante Ähnlichkeit dieses “OutDoorBelags im Gegenlicht” mit einem Teigbatzen auf. Kein Wunder – ist ja auch stark erodierter GipfelBeton.. Durch das Hochscannen der “Briefmarke” mit 1200 dpi fügten sich noch diverse Scanfeheler wie Fusseln mit ins Bild, ein paar Flecken auf dem Bogen wurden dadurch auch ins Leben gerufen- ich mag dieses perfektionsferne Stummfilmknistern in den Bildern ;-)

Also mal wieder ein file_under: abseitiges Bild, das man im Zeitalter der Machbarkeit schnell nicht so recht glauben kann/mag, beziehungsweise schnell Vorbehalte aufkeimen können. Ein kulturelles Phänomen erster Güte das, dessen Nachwirkungen auf die Fotografie und ihre Rezeption man nicht überschätzen kann, finde ich. Ich frage mich, ob ich mich als Fotografierender ab nun für immer mit diesen Einwänden rumschlagen will..

“Die Malerei ist gegenüber der Fotografie im Vorteil”

- soweit bin ich mit meiner Erkenntnis, die eigentlich die David Hockneys ist, nun schon gediehen. Warum das denn? Nun,

“Fotografie (ist nicht) nicht der Anfang von einer neuen Sehweise (..), sondern das Ende einer alten. Die Fotografie war nichts anderes als das ultimative Renaissance-Bild. Es ist die mechanische Formulierung der Perspektive-Theorien der Renaissance.”

Wow, so hatte ich das noch nie betrachtet. Aber dann lese ich im besagten Interview von optischen Seh-und Darstellungshilfen, die es schon den Malern des sechzehnten (!) Jahrhunderts ermöglicht haben sollen, die Zentralperspektive mit eben diesen Mitteln zu verwirklichen..

Wim Wenders drückt eine “benachbarte” Erkenntnis der Obsolenz, nämlich die zum Verlust der Wahrhaftigkeit der Fotografie in einem Frankfurter Rundschau-Interview, das man noch auf seenby.com nachlesen kann, so aus:

“Nun leben wir in diese neue Zeit hinein, wo das Original nicht mehr da ist, die Herkunft nicht mehr überprüft werden kann und man damit machen kann, was man will. (..) Auch die Festplatte ist nicht sicher, alles verfliegt. Die Kontaktbögen meiner ersten Kamera, die ich als Sechsjähriger hatte, kann ich noch angucken. Da war ich 1951 im Zoo und habe die Giraffe fotografiert. Das ist nachprüfbar.”

Mit diesen Gedanken im (Hinter)kopf bin ich mehr als gespannt darauf, was dieser nahende Beginn meiner Malerei wohl für mich werden wird, durch welches Tor der Erkenntnis ich da wohl schreiten werde… Nicht nur stelle ich mir fasziniert vor, in welche stilistische Richtung mich die Bildgestaltung mit Pinsel, Spachtel, Leinwand oder Holzunterlage führen wird, auch alle angrenzenden Erfahrungsfelder locken mich da.

Als “Einstiegsgefühl” zeichnet sich jetzt schon ab, daß ich mehr als bei der Fotografie dem Experiment und vor allem der Bandbreite dieses Genres aufgeschlossen bin. Das hab ich beim Knipsen ja eher nach dem Treibholzprinzip betrieben: ausschließlich, was an Ideen/Equipment/Lokationen/Motiven angeschwemmt kommt, wird irgendwie, natürlich möglichst anregend, verwendet. Hier unten z.B. die Maße der in der Werkstatt vorhandenen Keilrahmenhölzer beim Einrahmer meines Vertrauens ;-)

Darüberhinaus bin ich gespannt auf: werden Figuren entstehen, Stilleben, Details oder Grobes, Abstraktes, Flächen, Farbübergänge, Kulissenhaftes, Narratives oder rein Emotionales=Farbkompositionen??

Wird der Malvorgang als solcher mein Hauptinteresse binden, der Prozeß der Gestaltung, des Farbauftragens im Wechsel mit Betrachtung als solcher spannender sein als das “Ergebnis”: die zurückgelassene Fläche in dem Moment, in dem ich beschließe, sie als completed zu taggen?

Ebenso gespannt bin ich auf die Auswirkung meiner fotografischen Erfahrung von über 30 Jahren- wie wird sich diese in die Bildbeurteilung, in die Auswahl der Motive, so es in dieser Reihenfolge vorangehen sollte, vonstatten gehen?

Eine kleine Auswahl  von einem Dutzend an selbstgemachten Fotos steht schon als Starthilfe bereit – Anregungsvitamine quasi. Bei ihrem Anblick verspüre ich einen konstanten Ruf der Herausforderung. Das hat auch mit einem weiteren Hockneyschen Statement in besagtem Interview zu tun:

Weil wir auf die Wirklichkeit nur noch mit Kamera, Digitalkamera und Handykamera schauen, fangen wir an, wie eine Kamera zu schauen. Wir sehen nur noch Bilder, die aussehen, wie die Bilder, die wir von diesen Fotografien kennen. Mit diesen Lichteffekten, diesen Schatten, diesen Eigentümlichkeiten. Ich glaube, wir müssen neu lernen zu schauen, zu sehen, wie die Wirklichkeit ist.

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Musik beim Schreiben heute:

The Quiet Boys: “Can´t Hold The Vibe”, ACID JAZZ, 1992

Frank Sinatra: “Come Fly With Me”, Capitol 1964

Triumvirat: “A la carte”,  EMI Electrola, 1978