Also, wenn DAS jetzt Hochglanz wäre…

Das ist keine Publikumsmeldung zu einem meiner Bilder, das ist eine “Automeldung” angesichts dieses Bildes, das meine pinxographische Bildschirmschonerschau mir vor vier Wochen präsentierte und damit zum Schreibanlaß für diesen Artikel gereichte.ntr-scanp-160520-344h-rvr2 Mit Hochglanz meine ich übertragen die zugehörige Perfektion in allen industriellen Design-Bereichen: Linien und Farbflächen geglättet, Reinheit der Farbübergänge und Eleganz der Kurvenführung nochmals weiter  idealisiert. Also grad so, wie man eine “rohe” Aufnahme für ein Hochglanz-Modemagazin hernehmen und dann die Muskeln der Postproduktion spielen lassen würde. “Mach mir ne Limousine draus” quasi.

Nein,  Kunst aufräumen meine ich damit heute nicht!

Mit diesen Gedanken befinde ich mich als eigentlich Erzeuger der Bilder mental beim Betrachten-nach-Fertigstellung schon im kulturvagen/kunstkritischen Übergangsbereich  zwischen einerseits zweckfreier impulsiver erster Bild-Idee, kindlich-faszinierten Staunen über die erlebte  Gestaltungseuphorie und andererseits anschließenden, bewußt verstandgetriebenen  Abgleiten/Weiterführen strategischer Überlegungen in Richtung Produkt(ion), Design und gar Serienreife. Ihr könnt da gerne auch (geflüstert) Verkäuflichkeit denken, mich fasziniert aber zuvörderst diese menschliche Neigung, an jedem Ersten weiter herumzudenken und – zu machen. Darum ja auch diese Überschrift..

Gleiches beim untigen Bild von gestern vormittag:ntr-scanp-160713-368j-r4vr2
Man bemerkt eine ähnlich kaleidoskopische Farbpalette wie obendrüber (Zufall. Unten noch eins in eher rot), für mich also (mal wieder) auf der angestrebten emotionalen Grenze zwischen Chaos und Harmonie. Ein Eindruck, der von den unterschiedlichen Strichtechniken und Farbwolken “vervollkommnet” wird. Ich hab es Euch in ungewohnter Größe zum Anschauen en detail hochgeladen, damit Ihr auch mal denselben lupenunreinen ;-) Seheindruck auf Einzelheiten habt wie ich beim Machen.

Da werden einzelne Striche in ihrer unvollkommenen, ideenertastenden Beschaffenheit sichtbar. So dermaßen sichtbar, daß man steilvorlagengleich die Chance wittert, diese “Mängel” gedanklich zu “verbessern”, sich das ungelenke Rohe raffinierter vorzustellen, das Bild also zu optimieren. Und sich dieses Verbesserte und vor allem die – ta-dah!neue Wirkung dann mental vor sich hin- und herzudrehen.

Denn Erstaunliches macht sich da bemerkbar:

Geh ich da ran in Gedanken, fällt mir auf, daß ich mit einem Aufräumen (leider) auch eine Klarstellung  riskierte. Das giftgrüngelbe Gebilde oben würde zu einem, sagen wir scharfsauer vergoldeten Rinderschädel, der lustige Sprayer unten zu einer Duschlaube, darüber in schlängelnd plötzlich Zirkuspeitsche zur (rechts drunter mit Schleifchen) Dompteurslivree, passend dazu der fellige Sprung durchs.. Gatter? Also, nö, das wäre jetzt durchs Perfektionieren ein Ablöschen in ein konkret Langweiliges/langweilig Konkretes, was anfänglich eher anziehend-geheimnisvoll wirkte. Es sei denn, man nutzt dieses “Aufräumen” dazu, Ideen für die Staffage eines Films oder Romans zu erlangen.. Will ich aber nicht, denn ich strebe hier nach

  • Inspirationsausstoß durch Uneindeutigkeit,
  • nicht nach
  • Ehrfurchtsübertragung durch Perfektion.

Aber.. woher das wohl kommt – diese Sehnsucht nach Glätte, nach schneller Erfaßbarkeit?ntr-scanp-160711-367d-r180v

Bestimmt zum LöwenTeil aus der Warenwelt, die uns ja per Werbung mit stets ultra glatten Bilderwelten überschwemmt, nimmermüde uns dahin erzieht, das Perfekte ebenso schnell (!) wie auch als optimales Produkt und Erstrebenswertes zu “erkennen”. Und um uns angesichts dieses Idealen nen lütten Besitzwunsch wachsen zu lassen.

Wenn ich ebenso glatte Kunst”produktionen” sehe, die durch ihre prahlerische Perfektion in der Ausführung und gleichzeitiger visuellen Nähe zu gehobenen Industriedesign sichtbar eine Verwischung der Bereiche anstreben, bin ich da eher abgeturnt von all dieser Slickness. Lieber Parke/Harrison als van Empel in der Fotografie, lieber Ganz als Koons in der Skulpturerei..

Interessanterweise gibt es Ausnahmen wie zum neueren Beispiel die designer toys von coarse – da kann ich diese Faszination nachvollziehen. Liegt am geglückten Transit von der reinen Fantasie zugehörigen Comiczeichungen hinüber zu Faßbarem, ins-Regal-Stellbarem. An der Formensprache einer (ebenfalls) Übergangswelt. Und an der für Wirres bekannten menschlichen Psyche, die hinter den Geschichten dieser Figurinen steckt!

Sonst aber lieber Rohes ;-) Zum Glück darf und soll Handgemaltes das ja!

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Musik beim Schreiben heute:

various: “The Airbag Craftwork Compilation”, Out To Lunch, 1999

Plastikman: “Consumed”,

Vaughan Williams: “5. Sinfonie D-Dur” (HR-Sinfonieorchester, Andrew Davis)

Falla: Nächte in spanischen Gärten (HR-Sinfonieorchester, Javier Perianes, Klavier / Andrés Orozco-Estrada)