“Ich wollte was, wo die Fotografie versagt” Teil 2

Wenn ich heute, fast vierzehn Monate nach der Erstellung des ersten Teils dieser “Geschichte” und fast neun nach dem Start in das pastellkreidne Abenteuer PinXoGraphie diese Überschrift wieder lese, stelle ich fest, daß das Wichtigste noch gar nicht erwähnt ist und   “Ein Foto ist flach und ein Gemälde, näher betrachtet, nicht” nur der erste Anstoß war, es mal abseits der Fotografie zu versuchen.

Denn eine Kamera kann man nur auf die Wirklichkeit, die physische Umgebung richten, denn sie ist ein Teil/Gegenstand dieser Wirklichkeit, die sie mit opto-mechanisch-elektronischen Mitteln gesetzgetreulich aufzeichnet.

Mit Farbe und Papier an der Hand jedoch schwingt eine andere, riesigere, rigorosere Tür der Bildgebung auf.

Man sitzt damit plötzlich am “Zentrum der gestalterischen Macht”, kann bar jeder historischen oder physikalischen Regel Licht und Schatten, Traum und Wirklichkeit aufrufen, Bekanntes mit Fantastischen gar ineinander mischen.

ntr-scanp-160119-262b-rec5v ntr-scanp-160221-286g-re5ve ntr-scanp-160119-262f-recol

Deshalb bin ich zur Malerei hinübergewechselt, denn die Fotografie hat begonnen, mich zu langweilen.ntr-scanp-160308-301b-rllvfDas Gegenteil kann ich von der Kombination Pastellkreiden – “après-Photoshop” sagen – man bedenke doch nur mal, wie lange ich nun schon an immer denselben morgendlichen Tisch zurückkehre und jedes Mal, mit jedem neuen weißen Blatt und meiner wachsenden Sammlung von Farbkreiden ein neues Abenteuer beginnt, meine Neugier neues Futter findet, das sie nährt, zu neuen Schritten ins Unbekannte entzündet und weitertreibt. Und ein Ende der experimentellen Begeisterung ist nicht abzusehen!

Was ich ebenfalls als überaus spannend empfinde ist die Erfahrung der handwerklich-technischen “Weiterspinnung” der Bilder. Aus anfänglichen “Getaste” innerhalb der zeichnerischen Möglichkeiten – hier links Studien aus den Anfängen – pinxography_ebk-scans-scree wurde ein stetig ansteigendes In-den-Griff-kriegen der Möglichkeiten, also ein Wiedereintritt ins Manuelle, eine Tätigkeit, die man beim Fotografieren ohne anschließend selbstdurchgeführte Laborarbeiten brach läßt. Weiterhin eine Abfolge von Entdeckungen der Postproduktion, einfach nur dadurch, daß ich die Blätter in den digitalen Bereich überzuführen begann, der nicht bloße weitere Nacharbeiten, sondern überraschenderweise drastische Fortentwicklungen erlaubt.

So bin ich nun, am dreihundertsten Blatt bei Bildwirkungen angekommen, von denen ich vor einem guten halben Jahr noch nicht zu träumen mich getraute:

ntr-scanp-160302-295-re4ver ntr-scanp-160304-298c-rec4v ntr-scanp-160307-300-recoll 89230009 ebk-scanp-151124-231c-d-rec ntr-scanp-160304-298f-rec3vntr-scanp-160306-299g-recvh ntr-scanp-160306-299e-rec4g ntr-scanp-160229-294e-norm

Aber es gibt da einen Backlash – fünfunddreißig Jahre Fotografieren sind nicht ohne Spuren vorübergegangen.

Schnell fiel mir ein gewohnheitsmäßiges Schnellfertigsein auf. Nicht Schnellfertigsein-Wollen, keine malerische Ungeduld, nein – es ergab sich von selbst, daß ich lieber zügig ein Bild fertigstellte und zum nächsten überging. Wenig Herumdoktern. Starke Gesten=Striche stehen lassen im Wissen der Wirkung. Ebenso die gewohnte Serienknipserei schlägt sich in den Bildern nieder, kommt “verkleidet” wieder in der zügigen Blattbemalung/Bekreidung. Um hinterher, nach der Digitalisierung der Blätter am Bildschirm auszuschneiden/auszuwählen. Keine grad typische Malerbeschäftigung würde ich sagen.

Ebenso das jahrzehntelange Aufsaugen von Bildern und -klischees hilft mir auch hier weiter: Innerhalb des malerischen Vorgangs kann ich nun an jeder Stelle des Bildes (!) bestimmen, ob hier eine Klischeefalle (also Langeweile) beim Betrachten droht und flugs ändern. Das ist eine völlig neue Erfahrung, die beim Fotografieren zwar auch Standard geworden ist durch die digital mögliche Einflußnahme, ironischerweise hier sofort in die moderne Werbebilderwelt führt, also noch weiter hinein ins Klischee. Klischee? Na, vergleicht mal mit den Bildern auf icp.org.

Und als “Nebenprodukt” entstehen seit Neustem gar Bilder, die im Ergebnis – nicht bei der Entstehung (!) – komplett ohne fotografische oder handgemalte Vorlage auskommen – also reine Mouséklickbilder:

vrlfscreen-160115-260b-rec7 vrlfscreen-160307-300g-recv vrlfscreen-160307-300h-verl

Und natürlich gibts ein superaktuelles davon mit besonders “organisch” gelungenem Guillochemuster als neues SoodlepoodleStartbild:

_______________________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

d´arcangelo: “broken toys´corner”, Rephlex Records, 2002

Soul Coughing: “Ruby Vroom”, Slash, 1994

Louise Farrenc:  “Symphonie Nr. 3 g-moll”

W.A.Mozart: “Symphonie Nr. 40″ g-moll KV 550 (Academy Of St. Martin In The Fields/Marriner)

Plastikman: “Consumed” Novamute, 1998

Johan Severin Svendsen: Symphonie Nr. 2 B-Dur, op. 15 (Philharmonisches Orchester Oslo: Mariss Jansons)