Stehen auf den eigenen Schultern von gestern

Ein neuer Anlauf auf einem der letzten der 259 Blätter, die ich seit Juni bemale. “Neuer Anlauf”, das heißt Versuch, etwas Neues, mir Unbekanntes zu erzeugen und dazu das Erarbeitete als Sprungbrett dahin zu benutzen. Also immer auf die eigenen Schultern (von gestern) zu steigen und gleichzeitig wach sein, das Ungewagte zu erkennen, zu schaffen, oder vielleicht besser: es zu finden. Dazu, das hab ich mittlerweile kapiert, brauchts unabdinglich die Pause zwischen den Werken. Mindestens einmal drüber schlafen. Sonst wiederholt man ohne Fortkommen. Oft tauchen nächtens nämlich neue (Gestaltungs-) Möglichkeiten aus den in Ruhe gelassenen Hirngründen hoch.. Dann: frisch drauf gucken, mit aller akkumulierten Seh- und Gestalter-Erfahrung.

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Im Laufe des letzten halben “Malerjahres” fiel mir irgendwann auf, daß ich beim Stricheziehen, Schraffieren oder Verreiben der Farbe zu spontanen Formen, Umrissen und Wolken von Funken beständig, wenn auch unregelmäßig “Nachrichten” meines Gedächtnisses erhalte.

Heute, beim nuancierten Nachbehandeln der bunten Wolken aus Pastellkreide kamen mir Fraßgänge von Borkenkäfern, Nutzspuren beim Putzen in sowieso durch frequente Nutzung heruntergerittenen Räumlichkeiten oder naturRändelungen in den Sinn. Oder mal wieder Oszillographen, elektrische Entladungen von Oberflächen. Aber alles unmerklich integriert und nur bei näherem Besehen deutlich. Das liegt zum großen Teil daran, daß ich meine Übungen in unbemerkt-Malen nun als erfahrenere kleine, für den Gesamteindruck aber gewichtige Eingriffe (in sonst nur grob wirkendes) instrumentalisiert, durch Übung und Experiment verfeinert habe.

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..also mit dem Stift Spuren hinterlassen, die nicht wie gezeichnet aussehen, sondern wie.. nun: natürliche,  bewußtlose, unabsichtliche Spuren, die man auch in der alltäglichen Umgebung finden kann. Phänomene wie von Moosanfängen nachkolorierte Treppenstufenfugen, Wischspuren von Planen, dunklere oder lichtere oder längere Stellen in Tierfell, Wendespuren im Schnee, alles geplant erzeugt und übertragen ins ungreifbar Farbige.

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Und nach der digitalen Behandlung sieht alles nochmal unvorhergesehener aus, ergeben sich abermals völlig neue Assoziationen, vor allem durch den digital “umgedeuteten” Schatten/Lichteinfall.

So sehe ich mich mit dem Erreichen des Stapelendes nun an einer Pforte angekommen, die den Eintritt in eine neue, aber dennoch kontinuierlich ” erarbeitete” Welt bietet.

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PS.: hier noch ein “Ergebnis” der ebenfalls gerade fertiggestellten Umgestaltung der Pinxography-Startseite, geremixt sozusagen:start-ebk-scanp-151216-249f

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Musik beim Schreiben heute:

Matthias  Vogt: “under the radar ep”

various artists: “Lost In Space – Drum n Bass -Phase 00:02″, Lacerba, 1997

St. Germain: “Boulevard”, F-Communications, 2003

Pole: “1″, Matador, 1998.