Archiv für den Monat: Oktober 2016

Auf der Flucht vor selbstgemachten Klischees – reaching the insane 400

Ein zweischndeidiges Schwert, diese Stilbildung im kreativen Sektor: man arbeitet an einem klein umgrenzten Thema (ich mit den drei Zutaten and nothing else als Papier, Stifte, Scanner, Umfärben), schaut sich selbst beim Entwickeln von etwas erkennbar Stilhaften zu und bemerkt genau dabei und immer wieder: oops, langsam wiederhole ich mich. Beim Blättermalen in immer derselben Art (Duktus, Bildaufbau, Farbigkeitsverteilung,..), beim Wolkenreiben, beim Funkenregnenlassen, beim Verwischen der Spuren. Aber da ist ein kleiner Unterschied: der zu vorgestern, der zu letzter Woche.

ysp-scanp-160929-387d-recolMit steigender Anzahl der Werke geht irgendwann sicher wie die Morgensonne die Frage auf: Stilbildung und die gleichzeitige Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung – schließt sich das nicht aus!?

Zu oft ist das Thema von artist statements oder schlicht zahnfühlenden Interviews. Dahinter steht ganz klar die Frage, ob man das will: einen persönlichen Stil kreieren/erarbeiten. “Zu sich finden”. Oder sich stets vom Festland, das man am Vorabend selber angestampft hat, weiter abstoßen können ins Neue. Mit jedem neuen Blatt, jedem Impuls, nach einem bestimmten Stift, einer intuitiven Farbe oder Werkzeug zu greifen, jeder neuen Bearbeitung am Rechner. Als Bildner im Bild erkennbar werden – das ist einer der klassischen Grundsätze des Beruflichen – ich vermeide das “Professionellen” – und nach allgemeiner Auffassung schlicht Voraussetzung für die Verläßlichkeit beim Vermarkten. Wenn man sich als Produzent sieht. Da braucht man Rückkopplung, Marktrecherche und Marken- also Stilbildung, corporate design. Lakonie pur der unübertreffliche Spruch aus der Popmusikbranchenkritik (über Bands, die es geschafft haben): “Fans werden weder überrascht noch enttäuscht.” Tja – gut oder böse??

Da bin ich froh, daß ich keine Fans habe.

Das ist kein als Spaß maskierter bitterer Sarkasmus, sondern die genaue Ortung meiner dadurch glücklich insulären Motivationslage: wenn keiner reinquatscht oder schwieriger zu händeln: über allen Klee lobt, gar nicht mal Kommentare in Sicht oder zu Gehör kommen, die ernst gemeint sind, ist man schlicht.. frei. (meine Postkarten haben Fans – das ist doch ne prima Gewaltenteilung ;-) )ysp-scanp-161029-398b-r2v2n

Frei, immer weiter mit dem Medium und an sich selbst zu experimentieren:

  • wie weit vom brav Erlernten komme ich mit genau diesem?
  • Welch Ungesehenes wird durch die ständige Entwicklung/Wiederbearbeitung/Revision erst möglich?
  • Warum meldet sich beim Malen von Chaos mein Ordnungssinn? Und vice versa..
  • wie stehe ich zur Schönheit (sprichwörtlich) durchkreuzter Pläne?
  • kann ich das Nie-Gesehene  -für sich selbst gesehen- als pure Schönheit an sich erleben?

ysp-scanp-161029-398b-r2v2rIch jedenfalls staune nach wie vor, was sich da tut, obwohl ich mich mit der PinXoGraphie nur sanft (aber stetig) in Richtung Neues bewege/pusche: schließlich ist das Erkunden neuer Techniken, das Probieren mit neuen Werkzeugen und sie in aller Ausführlichkeit auszutesten Glück wie Weihnachtsgeschenke auspacken – da läßt man sich doch gerne Zeit `mit, oder?!ysp-scanp-161030-399-r2vnr

Und superspannend: wieviel liegt da noch drin? Und das nach 16 Monaten jetzt, wo ich gerade das tatsächlich vierhundertste Blatt einscanne und immer noch gespannt bin, wie sich oben genannte drei (Mal-)Zutaten noch weitermorphen lassen.. zu wildem Science-Fiction Stürmen in ebensolchen Bäumen, naiv anmutenden Wüstendorfszenen, gefährlich überbunten Wolken, die auch Felsmassen der psychedelischen Art sein könnten..
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Und immer weiter mit jedem Blatt, jedem Ausschnitt, jeder Farbvariante klingelt mein Bildgedächtnis – bei bestimmten Kurven, Farblandschaften, Gesten, Formen, Beleuchtungsanmutungen, Nachbarschaften..

Und genau DAS war ja auch die Ausgangs-Labor-Situation: mit Malen das Pareidolische, Ultimativ-Assoziations-Werfende anstreben. Immer im Halbabstrakten, in der Andeutung verharren: keine Bäume, Gesichter, Häuser oder Blumen malen, und trotzdem immer wieder den Eindruck bekommen, da wäre etwas Reales, Gewesenes, in der persönlichen Geschichte Verankertes, das man aus eigener (Seh)erfahrung wiederkennt, etwas, an das man beim Betrachten der Bilder erinnert an und das damit wieder lebendig, geistig greifbar wird.. (nun, da hat jeder seine eigenen “Klingeltöne”..)

Und mit Farbe als magische Komponente hat man gar.. Gefühlszustände im Spie(ge)l..

So, und hier sind sie, die ersten Bilder des 400sten Blattes:ysp-scanp-161030-400b-manysp-scanp-161030-400b-recolysp-scanp-161030-400c-manor

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Musik beim Schreiben heute:

Massive Attack: “Protection”, Circa Records, 1994

Pressure Drop: “Upset”, Marlboro Music/Sony, 1998

Carl Cox: “At The End Of The Cliché”, Worldwide Ultimatum Record, 1996

Musica Sequenza: “Baroque Sampling/ Handel”, SONY, 2016

Wollt ich immer schon mal: bunte Zerstreuung fürn November!

Die nun wieder anbrechende kalte Jahreszeit ist die natürliche Phase des Jahres/Lebens, in der man sich nach innen wendet – bildlich und im Wortsinn. Im  Bildsinn für mich als fast lebenslanger Brillenträger/Träger der Kurzsichtigkeit “natürliche” Gelegenheit, Euch ein bislang unsichtbares Lieblingsmotiv endlich auf Postkarte zu überreichen: Mannheimer Unschärfe- oder Zerstreuungskreise, auf englisch sehr poetisch, doch mir irgendwie untreffend/merkwürdig “circles of confusion” genannt. Da schreib ich doch viel lieber mal wieder: das geliebte Bokeh.

Diese wie nass glänzenden Lichter der Stadt – helle Kreise im Dämmerlicht, die sich überlagern, gegenseitig verstärken. Ein klassisch fotografisches Thema, das die allgegenwärtige Handyfotografiererei auch “bietet”, aber auf rechnerischen Umwegen wie den der “Depth Map”, bei der diverse Aufnahmen derselben Szene in Entfernungsdaten umgerechnet werden, um dann die gewählten Bildpunkte zu verunschärfen.. Bokeh-App? Jep! Aber die Zerstreuungskreise, wo bleiben die? … 67960012-cut01
Leider wirken diese wunderbaren, leuchtenden Kreise in groß und von hinten beleuchtet wie hier am Display am besten, ein Umstand, den die doch kompakte DIN A6 Dimension der klassisch offsetgedruckten Postkarte mit ihren 10 x 14 Zentimetern, äh, etwas bremst. Na dann wenigstens hier in anregend idealer, Bildschirm illuminierender Version.

Weiter ist diese neue Karte, die fünfte meiner unscharfen dritten Serie, ein nun endlich wahr werdendes “Wunschkind” für meine unscharfe Collection von 25 Motiven- wobei ich sehr froh über das Überschreiten der klassischen Zehnerserie bin – denn da steckt noch sehr viel Entwicklungsmöglichkeit drin!
67960012-cut06Wunschkind deshalb, weil dieses neue Motiv für mich ein idealtypisches Mannheim- Feeling-Motiv ist: am dunkelnden Winternachmittag/abend an der Feuerwache vorbei/aus ihr raus über die Kurpfalzbrücke in die Quadrate rüber gehen: im Blick dieser typisch winterblasse, vor dem Erlöschen noch kurz mal rosé aufflackernde Himmel, Rauchschwaden über allzu vertrauter Stadtsilhouette, dezent vornehm spiegelndes stilles Wasser, Geheimnis raunende Dunkelheit.67960012-cut04

Da krieg ich Lust auf weitere Experimente, denn nun, mit diesem 52. Motiv fühle ich mich wie nach Erledigung der grundlegenden Aufgaben als “Kartograf” soweit:  kann ich jetzt nochn Tackn gelöster ausprobieren, mich wacker weiter vom klassischen Postkartenmotiv entfernen, auf dem a) immer schön Wetter, b) bildbestimmende Scharfzeichnung von vorne bis hinten und c) klare Kontraste und Umrisse die Vorgabe sind.

Mit anderen Worten:

Das impressionistische Potential der Ansichtskarte ist schlicht Brachland, das man genau deshalb nicht aus dem Sucher verlieren sollte.

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Und diese pralle Mischung der Farben aus Natur- und “Techno”tönen begeistern mich ebenfalls! Aufnahmezeit/Datum: vor fast genau fünf Jahren, 2011 Ende November, kurz vor sieben Uhr – ein paar Aufnahmen früher erscheint die Uhr vor der Feuerwache mit dieser Zeigerstellung -  ist dies alles aufgenommen. Und wie so oft ist dieses Foto die genau einzige unscharf gestellte Aufnahme – ich mache ja meistens mehrere von einer glücklich gefundenen Szenerie. Der Rest ist routinierte Beute des Autofokus´. Seht selbst diese zwei direkt nacheinander aufgenommenen:67960008-09-flyerl“In scharf” zwar klassisch dämmrig – “stimmungsvoll”, dafür um Längen banaler, ungeheimnisvoller, langweilig so bokehlos – vielleicht für nen 70er-Jahre flairigen Stadtwerkekalender (man könnte das Foto noch etwas mehr verbleichen, gar nen Schuß Sepia reingeben) oder nen DIN A5er Winterprogrammflyer fürs Museumsschiff interessant, aber null für meine Postkarten..

Und alles wird magisch durch nen winzigen Dreh am Objektiv!

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Musik für Winterdämmerungen:

Musica Sequenza: “Sampling Baroque”, DHM, 2016

42 Shots On Blumme Peter

42_shots_on_blummepeterDas hab ich lange nicht gehabt: dieses drängende Gefühl, etwas Flüchtiges entdeckt zu haben, das ich unbedingt mit der Kamera festhalten muß, so wie gestern beim Überqueren der Mannheimer Kapuzinerplanken. Da nämlich standen die leergeräumten Zelthüllen des gerade zuende gegangenen Herbstmarktes und umringten das schnöd auf jegliche Rückseite verbannte Stand-Sitzbild/ des historisch belegten Mannheimer Originals genannt Blumenpeter (1875-1940).

Eine seltene Gelegenheit, dieses Mannheimer Postkarten-Must in idealer Kulisse abzulichten, dachte ich. Wie eigentlich immer, wenn ich ihn während der zahlreichen Märkte oder des jährlichen Weihnachtstrubels dort platziert sah, fand ich nämlich das Tragische dieser Gestalt inmitten dieser Zeltrückwandtristesse optimal in Szene..

Wie Ihr schon an der Überschrift und dem Bildmosaik seht, wurden dann flugs fast vier Dutzend Bilder draus, in weniger als zehn Minuten aufgenommen, die ich nun erstmal im Archiv habe und zu irgendeinem Zeitpunkt mal in mein typisches DIN A6 Postkartenviereck reinbugsieren werde. Um mal zu sehen, ob mir das so gefällt. Oder ob die Idee für ein Postkartenmotiv doch zu strange ist.

Eine erste Verwendung – überraschenderweise – hab ich schon gleich heute, am Tag danach gefunden, als ich in meiner frischest dazugekommenen Verkaufsstelle, dem ebenso frisch eröffneten COHRS in der Langen Rötterstrasse eine Postkartenfänin traf und ihr mangels passender Visitenkarte eine meiner Reingretchen-das-ist-doch-nur-eine-Tüte-im-Regen-Karte überreichte. Und erklärte, was es mit diesem Fotos-zu-KrimiCover-Ideen Projekt auf sich hat.

Da – das fiel mir in letzter Zeit immer wieder unangenehm auf – tat nämlich eine Veränderung der zu lange als Deckblatt online herumdümpelnden “patinierten Kartoffel im Nietenmantel” Not und ich ersetzte sie flugs durch dieses Foto (oben im Pulk umkringelt):Kommt ganz gut aus dieser Blickrichtung, so von schräg hinten, noch mehr verdunkelt hinter den Buchstaben, mit dieser zusammengezogenen Haltung und der Schiebermütze, oder?

Das Reingretchen-Projekt (2012-2015) ist zwar abgeschlossen, sein Wesen jedoch ist die beliebig recyclebare Idee, betagte Fotos in einen bislang unbedachten literarischen Kreislauf einzubringen. Also kann ich jederzeit Neuzugänge – wie eben das heutige, neue oben – hinzufügen. Und mal wieder über die versammelten Covers drübersehen..

Passend ergibt sich durch diesen fotografischen “Anfall” noch die zusätzliche Gelegenheit, mal auch so etwas wie ein Kontaktbogen hier zu zeigen, denn Kontaktbögen haben ein sehr spannendes Thema: kann man an ihnen sehr gut erkennen, wie sich ein Fotograf einem Motiv/Thema nähert, (und wieviele peinliche Fehlschüsse da mit dabei sind).. Da gibts ein sehr erhellendesflag-en Buch der Magnum Fotografen zu!

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Musik beim Schreiben heute:

Sushi Club: “Neo Sashimi”, Elektrolux, 2000

Malerei Upgrade? Gibts das?

Müßt natürlich Ihr entscheiden, was ich mit diesen zwei Begriffen so plakativ hinwerfe: daß sich tatsächlich (Quanten)Sprünge einstellen, wenn man als intuitiver, mild-manisch-besessener Bildgestalter straight an einem Thema bleibt und immer weiter an etwas herumprobiert, das mit doch recht überschaubar wenigen Grundregeln und Zutaten startet und was durch eben dieses Dranbleiben alles möglich wird.

Ich jedenfalls hatte gestern abend das Blatt #394 auf dem Schirm, frisch gescannt und im ersten Stadium mit (noch) schwarzen Grund, gerade mal probeweise die verschiedenen Farbvariationen durchspielend. Da stoppte ich schon bei der zweiten und blickte jäh auf das da: ..und ein komplett unbekanntes Feeling überkam mich: da erschien etwas Neues, faszinierend Unbekanntes vor meinen Augen. Etwas, dessen Entwicklungsgeschichte mit mir täglich gewachsen ist (& das auf diesem Blog nachlesbar ist), mich aber vielleicht gerade deshalb in Erstaunen versetzte. Hier ein paar “Stationen” Juni `15 – Juli `16:

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Und ich beschloß, das sollte mein nächstes Startbild Design dieser Seite werden.

Die gesamte dunkle Hälfte links des “dle” fügte ich hinzu. Nicht nur um dem Schriftzug Raum zu schaffen, sondern vor allem auch, um den Effekt zu verstärken, den diese dadurch noch leuchtendere Erscheinung auf mich hatte:

ein geheimnisgetränkter Blick in ein neues Leben, ein ahnungsvolles Arrangement faszinierend emotionaler Gegensätze: ein simultan erlebbarer Kontrast wie der zwischen Metallscheiben, die glashaft durchscheinen & Wolkengebilden, die wie Fell und Fischschwärme gleichzeitig lebendig und wohlig weich/statisch wirken. Ein eisblau-kristallen gefrorener Sturzbach wie eine herausgestreckte Zunge, der man die spontanen Malstriche ansieht, mir perfekt in Form-des-Kühnen-Strichs™ gelungen, ein glutrotes Charlestonkleidfragment, irgendwie schaukelnd zwischen, über und inmitten, ein niedergetretener Funkenregen im Halbkreis und ein total abgerissen-zerkratzter Wandausschnitt.

Alles Dinge, die nie so nebeneinander zu sehen, zu erleben, zu spüren sind.

Aber: Malerei kann so etwas hervorbringen… Upgrade also? Für mich klare Sache – Ja!

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Musik beim Staunen heute:

Earth Nation: “Amnesie”, Rough Trade, 1998

 

Wo kann ich mich bewerben??

Schön, wenn man sich nicht an Namen erinnern kann: ich suche im Netz vergeblich dieses letztens gesehene eine, schwarzgrüne, gegenlichte, traumartig verschwommene, grandiose Ölgemälde der Häuserschluchten von NYC und entdecke dafür

Jeremy Mann (Painter, * 1979)

So müßte die Bundesagentur für Arbeit die Berufsberatung verbildern!! ;-)

Eine-Viertelstunde-suchen-daNach-trag: heureka: Ben Aronson (*1958): “Over Madison”- jetzt kann ich auch auf meinem Rechner nach “Aronson” & dem Datum des Fundes suchen: aha: 27. Mai 2015 – wohl der Beweis für ein pretty eindrucksvolles Bild, oder?