Archiv für den Monat: Juli 2013

les chiffres de Reingretchen

Hochsommer 2013. Wer nicht grad zum extremsten aller Kühltricks in der Hitze greifen will & voll krass Weihnachtslieder hört (no kidding, am besten im Big Band-Sound!), ist mit orientalischen oder afrikanischen Klängen gut bedient -siehe ganz unten.

An Exotismus denke ich auch, wenn ich mir ab und an angucke, wie en detail ich genau die mittlerweile zweihundertundacht Cover unleserlich gemacht habe. Diese die bildliche Kreation abschließende Tätigkeit geht eigentlich immer halbautomatisch, nur auf die erstrebte Wirkung des Unleserlich-Machens konzentriert, ich gestehe: gar recht eilig = ohne Muße; oft erst kurz vor der Veröffentlichung zum Start des nahenden Monats. Aber heute, einer Revision unterzogen, birgt dieses Schrift-mit-einer-anderen-Schrift-übermalen an einigen wenigen Stellen ungeahnte Inspiration und läßt mich nach weiteren Ausschau halten:

Auslöser sind die Kombination/ das Layern von Kyrillischer Schrift, Siebziger Computerfuturo-Design, schlichtweg Fraktur und den in der Originalschrift verwendeten, eher üblichen Fonts der Postmoderne. Übereinander geschoben und durch die Verwendung derselben Farbe miteinander verschmolzen ergeben sie, wie beim Kochen mit unüblichen Zutatenzusammenstellungen, äußerst fremdartige Glyphen.

Und lassen das arme betrachtende Hirn angesichts solch kaltblütig durchgeführten Sinn-Entzugs an den Buchstabengliederpuppen hängenbleiben und hilflos an den dem Entzifferbaren verdächtigsten Stellen herumzappeln. Mir kommt es dabei jedes Mal so vor, als starte, sich solchen Zeichen gegenübersehend, augenblicklich ein unwillkürliches Durchrattern von Listen, die das Blick- und Sinnfeld nach irgendwie Bekanntem mit dem hauseigenen Wortschatz/Repertoire abgleicht.

Es wird noch ärger: irgendwann sucht man sogar nach Hilfen & Sinn-Hinweisen innerhalb des darunterliegenden Fotos (!), falls sich beim ergebnislosen Lesenwollen nichts außer Ratlosigkeit einstellt. Dabei frappierend die Erkenntnis, WIE SEHR man doch gelernt hat, Text durch Bild (oder umgekehrt) zu verstehen, zu einem Gesamtsinn(bild) vereint sehen zu wollen, das a) das Weltbild stützt, b) ein Heimatgefühl mit der Welt und somit quasi c) eine kulturelle Beruhigung auslöst.

Doch wehe/erstaunlich, ist das mal vorsätzlich abgestellt- man rudert kopfüber wie ein abgestöpselter Astronaut durchs All, jenseits von jeglichem Oben oder Unten..

Dazu kommt der “ent-ortendende” Effekt, den diese “Schrift” auf die Rezeption des dahinterliegenden Fotos hat- es erscheint genauso wie diese: fremd, unbekannt, paralleluniversal, macht gar aus dem Bild etwas nahezu Abstraktes. Will man sich die Tatsache vergegenwärtigen, daß diese Fotos alle in dem global gesehen winzigen Fleck namens Süddeutschland geschossen wurden, muß man sich geradezu bewußt darauf konzentrieren: sich das Design der Dinge, Signallampen, Geländer, Kachelfugen und -größen, Lenkradgestaltung vor Augen führen und eine zeitlich und räumliche Verortung versuchen.

Fazit: Bildunterschriften und Titel, das erkennt man auf negative Weise an diesem Phänomen der Verschleierung, sind nichts Banales im Reich der Kommunikation, sondern im Gegenteil etwas Essentielles. Beim Betrachten und unausbleiblich nachfolgenden kategorisierenden Einordnen(wollen) in den persönlichen Bilderkosmos.

Ebenso spannend finde ich den Effekt der katalysierenden Wirkung auf die Fantasie, die dieses Unleserlichmachen auf die (Vor)Ahnung einer hinter dem jeweiligen Buchdeckel sich möglicherweise entwickelnden Geschichte hat: man wird dadurch weiter in der möglichen Bandbreite der Story, die es ja (noch) nicht gibt. “Unendliche Weiten der Interpretation” gar bescheinigte mir ein krimi-schriftstellernder (!) alter Bekannter.

Diesen Effekt erreicht man umso sicherer, je weniger die ursprüngliche Schrift vom Darüberzuliegenkommenden zugenagelt ist. Das Gegenbeispiel wären diese Entwürfe hier unten:Hier übernimmt die Pseudo-Schrift eine neue, völlig andere Aufgabe, schleicht sich in  übermäßigen Anteil in die Bildfläche ein, wird so zum Bildgegenstand an sich. Das ist notwendig, wenn es sich bei dem Original-Titel um ein Kürzel, eine einfache Zahl oder ein kurzes und deshalb groß aufgezogenes Wort handelt wie links. Da mußte ich schon zum brachialen Überkleistern greifen, ironischerweise je weniger (Inhalt) zu überkleistern ist..

In allen anderen Fällen beginnt es mir zu gefallen, zugunsten der Inspirationsstärke immer mehr als Chiffrier-Hasardeur vorzugehen: weniger, dünnere Strichstärken und oftmals gar kleiner als die Originalschrift. Immer darauf achtend, daß trotzdem daraus  immer ein wenn auch fragiles Enigma entsteht, denn niemand außer mir kennt schließlich den oft aus mehreren Sprachen zusammengebauten Begriff, die weitaus ungriffigeren Autorennamen mal ganz außen vor gelassen..

Und last but not least verspüre ich einen deutlichen ästhetischen Genuß, der sich durch die Kombination von Schrift(ähnlichem) und Foto einstellt: beides wirkt sehr befruchtend aufeinander.

Schade eigentlich, daß so ein Cover Klarschrift benötigt! ;-)

Neues Outfit Reingretchen: Zum Erscheinen der neusten 16 Covers fand ich es reizvoll, das eigentlich frisch für gut befundene Design mit dem “Tatort”-Feeling schon wieder mal umzugestalten. An einer Änderung des Aussehens den Appeal der Ankunft von etwas Neuem festzumachen (das frisch durch Alliteration erfundene 4A2N-Phänomen ;-) ). Also hab ich darf man das sagen herumprobiert, um dem Ganzen ein neues Look-And-Feel zu verpassen, das jedoch auf Bekanntes aufbaut & die Elemente da beläßt, wo sie erprobtermaßen gefallen:

Erster und einzig notwendiger Schritt, der alles nach sich zog: das “nur” auf den verteilten Visitenkarten abgebildete Tütenherz wieder ins Spiel bringen und, oh, coole Überraschung: in der invertierten, leicht gedrehten Version gerinnt genau diese Tüte zum von oben rechts beleuchteten, versenkten Steinrelief-Lookalike des Herzens :

Der Grünton entstand automatisch beim Drehen des Tütenrots und war mir anschließend willkommener Anlaß, genau diesen Farbton dann universell zu verwenden. Schließlich ist Sommer und eine kühle Farbe paßt gut zu den/verstärkt erfreulich neutral die buntigen Bilder-Vorschauen am unteren Rand..

Voilá!

Ein Herz aus (=weg vom) Stein. Genauer: ein aus dem Stein herausgemeißelter Herzabdruck. Gefällt mir sehr, dieses Bild!

Das ist das sechzehnte Reingretchen Kapitel. Alle Kapitel, die KrimiCover und ein Interview auf reingretchen.de

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(orientalisch/exotisch/schwitzige) Musik beim Schreiben heute:

Ali Farka Touré: “Red/Green”, World Circuit, 2004 (eigentlich 1979 & 1988)

Sexteto Canyengue: “…Por el Tango”, Lucho, 1992

Shantel: “Greatdelay”, !K7 Records, 2001

Tiny Tribe: “milou”, JazzCuisine, 2006

Ausreißer in Richtung Chill:

various artists: “Room Service”, mole listening pearls, 2001

Anywhen: “The Opiates”, Clearspot, 2001

Godley & Creme: “Freeze Frame”, Polydor, 1979

Fund beim Simultansurfen: The Gizmo

In spira tio ..N-Rating

Nein, das ist weder ein automatischer Leer/Fülltext wie der Klassiker lorem ipsum, noch eine Verballe von in dulce jubilo. Ich wußte nur grad keinen anständigen Titel dafür, daß ich meine Inspirationsquellenliste, die große Überquellende, mal wieder durchklicke und ob der Masse mal ein paar Sterne vergeben mag. Je mehr auf drei zu, desto anregender finde ich die vorzufindenden Bilder. Die dazugehörigen Inhalte mag sich jeder selber mal zu Gemüte führen. Ich beurteile hier anhand der Kriterien Klischeeferne und Abwechslung.

Top Five Juli 2013:

fubiz.net (added am 6. September 2012) geh.org (Georg Eastman House) (added am 4.6.2012) lensculture.com (added am 13.6.2013) mobilephotographyblog.com (added am 6. April 2013) v-like-vintage.net (added am 12.12.2012) Und ein neues, wie immer einzelnes Titelbild fand ich/gelang am Vormittag: in leichter Polaroid-Anmutung mit ungleichen weißen Randstreifen füllt sich das Beinahe-Quadrat des Bildrahmens mit eigentlich sehr unterschiedlichen Dingen. Das Licht, seine Verteilung und sein Fehlen (Schatten) verbinden die Teile jedoch wieder. hier klicken zur ORiginalgrößendarstellungWieder mal ein Bild, das mir gut taugt, länger mal draufzugucken. Bin ich immer überrascht, daß man das auch bei selbstgemachten und nicht immer nur Fremd-Bildern entdecken kann: lange und delikate Farbübergänge, Schattenwiederholung und -brechung, Texturschwund durch Überbelichtung und Reflexion. Dazu der Neuste, wie immer spontan-is-best Zugang bei den Feedbacks zur neuen Postkarte : “Jetzt muß man schon nachdenken, wenn man (nur) Bilder gucken will!” Da mich Malerei und Zeichung/Grafik als Inspiration in immer stärkerem Maße interessieren, hier noch drei Zusatzeinträge: artodyssey1.blogspot.com /added am 28.4.2013) cheapandplastique.wordpress.com (added am 18. November 2012) rooschristoph.blogspot (added am 23. September 2012) _____________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Luis Di Mateo: “Un dia de mi vida”, Jaro, 1998

Fever Ray: “Fever Ray”, V2 Records, 2009

Thomas Fehlmann: “Gute Luft”, flow publishing/BMG, 2010