Archiv für den Monat: April 2013

Fussel Gen

Eingewöhnungsschmerzen. So würde ich die negative Komponente beim Einarbeiten in die neusten Versionen meiner digitalen/medialen Werkstatt bezeichnen.

Denn ich schlag´ mich nun seit zwei Wochen – alles schön in Etappen, ich will mir ja den Spaß am Neuen nicht knicken – mit neuem PC-Equipment herum. Nicht nur, daß dieser längst fällige Sprung über vier bis acht (!) Versionen Software jeglicher Provenienz einem Kulturschock gleichkommt- alles fühlt sich anders an, ist woanders positioniert, Teller und Töpfe sind nicht mehr in Schränken, sondern in Projekt-Ordnern untergebracht.

Darüberhinaus kommt noch die berüchtigte Datenmigration dazu, die ich-ebenfalls old school- zu Fuß per Berge gebrannter Backup-CD-ROMs zu erledigen im Begriff stehe. Warum fällt mir dazu bloß immer das Bild eines Heizers im Eisenbahnbetrieb ein, der mit ner winzigen Schippe Kohlen auf Kohlen in den Kessel leiert?? Aber dieses – ich gebs zu: argwöhnische – Tasten ins Neuland hat auch unbestreitbar Gutes: das Gefühl, neu und so modern as can be zu sein.

Dann geschah es gar, daß ich als eigentlich “Technikferner” in so ne Art Abenteuerlaune geriet, mich an alte Werkzeuge erinnerte und dann meinen alten, schon vergilbten (!) Agfa Scanner, den ich softwaremäßig schon verloren glaubte, aus einer verschütteten Schicht aus irgendeinem Schrank hervorgrub. Nicht nur dessen Produktion, so erfuhr ich anschließend im Netz, gar der Support ist schon seit Jahren eingestellt!

Aber muß das denn immer gleich heißen: zum Müll damit? Nach dem Motto: “nutzlos ohne Treiber“? Muß es nicht, fand ich doch da ne Software, die, ich zitiere: “Hunderte von Kamera- & Scannertypen, äh, “unterstützt” Wow- die Wutz in Dosen! Doch Moment mal: “früher” mußte man von jedem Hersteller den Treiber a) kaufen und b) dann schön pflegen. Und nun soll das ALLES mit einer Software gehen?? Da kommt man sich im Rückblick doch leicht verkarscht vor..

Aber Schwamm drauf | wie auch immer | sei´s drum: man ist unerwartet und dadurch beglückt im Scanbetrieb & die Freude am neuen/alten Werk/Spielzeug gewinnt flugs die Oberhand. Und prompt öffneten sich lang zugeschobene Schubladen im Nebenzimmer. Papierbilder en masse und alte Digitalisierungen auf CD-ROM. Mit Scans von weiteren Fossilien: gebrauchtes Kohlepapier zum Beispiel:

Und damit natürlich eine unüberschaubare Masse Bilder aus der Zeit, bevor ich immer gleich hab digitalisieren lassen nach dem Duschen (i.e.: entwickeln) treten ans Tageslicht again. Das ist noch gar nicht so lange her: ich schätze bis vor zehn Jahren hab ich regelmäßig nur Papier und keine frisch beschriebenen CD-ROMs nach Hause getragen. Und: Ein schneller quick-and-dirty Scan bringt ja ganz andere ästhetische Sensationen fertig als das Abfotografieren, wie man hier unten sehen kann: das fühlt sich mächtig anders an als die Norm, irgendwie, als liege da eine Schicht Zeit auf/über dem Bild. Also direkt zwischen dem Foto und uns, den Betrachtern.

Man ist ja dieses Überscharfe, Reine schon so gewöhnt, daß also mich beim Anblick der ersten Versuche gar mannigfaltige “Anreize”, die frisch gescannten Dateien zu “verbessern”, heimsuchten. Nicht nur wie üblich Farbumfang oder Kontrast in den Schwitzkasten zu nehmen, sondern diese lang überwunden geglaubten unglaubliche Flecken, Streifen und Fusseln und Staubkörner, die großzügig beigesteuert werden von den Üblichen Verdächtigen Elektrostatik, Glasabschabung oder Finger- oder gar Kleberesteabdrücken: das Analoge im Digitalen Kanal. Guckt nur mal auf das “Lametta” überm Bach: echter, digitaler …Dreck!

Das alles erinnert mich in aller Jähigkeit an … APPs für iPhones! Hipstamatic! (..) Nachdem der mythische Kampf zur Erringung makelloser Fotos in aller Schärfe und Farbdeutlichkeit nun auch für den Amateur serienmäßig gewonnen ist, wird ja werkseitig nun wieder alles getan, “Leben” in Knipsbilder zu bringen: Sepia-, Störungsfilter, künstlich hineingerechnete Vignettierung und lokale Ausbleichung, Crossfärbungsalgorithmen….

Doch zurück zum Neuen: Ich mache mich mit dem intelligenten “Reparaturpinsel” vertraut. Intelligent ist dieser Pinsel insofern, als er “erkennt”, welche Flecken man aus seinem Bild gerne weghaben mag und welche Hemdstreifen oder Astgeflechte bleiben sollen. Erstaunliches geschieht, wenn man ein wenig herumgepinselt hat mit größeren oder kleinen Werkzeugspitzen und größeren oder weniger großen überstrichenen Flächen, bevor man den Maustaster wieder los und den Rechner loslegen läßt:

Die pinselige Intelligenz erzeugt, je nach Duktus und Größe sehr merkwürdige “Reparaturen”, der Pinsel gerät durch experimentellen Gebrauch in Verwirrung und mischt zusammen, was nicht zusammensoll- Nudelmutationen die zwischen künstlerischer Skulpturhaftigkeit und geschmolzenem Metallformen mäandern- ein neues Spielfeld!!

Das zu programmieren war bestimmt nicht einfach, aber wir stehen ja auch damit auf den Schultern von Riesen, schreiben ja auch schon das Jahr 50 nach der Erfindung der Mustererkennung. Überhaupt erstaunlich, wie diese technisch-mathematische Errungenschaft unser tägliches Leben bestimmt: nicht nur Gesichter- oder Sinn- und Worterkennen (“Meinten Sie..?”), das geht ja auch schon längst im 3-D Bereich weiter, wo Fabrikroboter erkennen gelernt haben, auf welcher Seite die Kegel liegen, die da auf dem Laufband heranfahren…

Außerdem, das ist mir auch neu, sind wir nun soweit: die Adobe-Software liefert nun genau das nach hause, was man immer den großen Datenkraken anheimstellt: das ungebetene Personenerkennen.

Nur diesmal im gesamten heimischen=internen Festplattenspeicheruniversum. Da werden (im Ordnermodus) plötzlich Gesichtsumrahmungsfenster sichtbar, wo vorher nichts als Bildnis war. Die fragen auch noch nach der Identität der/des Abgebildeten und öffnen dann Fenster, in denen man die Namen antaggen kann. Was eine Eingabearbeit!! Wohl dem also, der dann gleich seine gesamte virtuelle Arbeitsleistung in einer Schlagwortwolke betrachten kann wie der Gärtner nach getaner Beete-Anlage…

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Musik beim Schreiben heute: to rococo rot: “veiculo”, City Slang, 1997

Tito Puente/Perez Prado: “A Selection Of Mambo & Cha Cha”, TELMA, 1995various artists /Groove Armada: “Late Night Tales”, Coolport, 2008

Mick Hucknall: “Tribute To Bobby”, Simplyred, 2008

Jamiroquai: “Rock Dust Light Star”, Mercury, 2010

Chaka Khan: “I Feel For You”, Warner, 1984

Mein neuer Bildschirmschoner: Krimi im Liveticker

Spannender als jedes teure Aquarium, cooler als jede Kaminfeuer-DVD zur Meditation über diese Zeiten: der “Live-Ticker” der Deutschen Telekom zu Cyberangriffen:sicherheitstacho_03

Wer Spannung andersfarbig lieber hat, kann es mit einem etwas anderem Design direkt auf map.honeycloud.net (siehe unten) kriegen und mit Klick aufs Fragezeichen links oben eine Antwort auf die Frage What is going on in Aachen?! finden..honeynet-project-001

wir notieren: Honeypot, Electric Sheep, Cyberkrieg, malware, Teergrube, Timeout & sicherheitstacho.eu und lesen mehr zum Thema auf http://www.honeynet.org/about

Satz des Tages: “Top 5 der Angriffsarten des Vormonats“, dicht gefolgt von “the ultimate goal is gaining a copy of the malware

Nachtrag am Tag danach: mit dem Begriff Bildschirmschoner, der per se ja schon obsolet ist- keine Röhre muß damit vor dem Durch- oder Einbrennen mehr geschont werden- meine ich Mittel für den inneren Bildschirm. Also so ne Art Hirnumschalter, der den Blick umrichtet.

Auf zum klassischen Beispiel (man erwähnte es): Fische. Was bedeutet: echtes Offline-Leben, hier direkt vor unseren rotgeränderten Augen. Unaufgeregte Gemächlichkeit, sanftes Geblubber der Pumpe, leicht schummriges Licht imGlas, Ereignisarmut und intellektuelle Sorgenfreiheit auf ein paar Dutzend Kubikdezimetern (Aquarium).

Oder: züngelnde Flammen, digital hin- und hergewandelt, die in ihrer unendlichen Formenvielheit sehr gut dazu taugen, die oberste Gedankenschicht der täglichen Herumstreunereien abzutragen und sich von ihnen befreit konzentrieren (oder entspannen) zu helfen- das ist kein Widerspruch!

Oder, Fall drei: angewandte Mathematik, die sich in unendlichen sichtbar gemachten Mustern bewegt, man erwähnte es ebenfalls, dient demselben Ziel der inneren Sammlung, nur mit vergrößerten Farb- und Formenreichtum. Und nun dieser besagte, artikeltitelgebende, modern-kriminelle Bildschirm, an dem hunderte Schadprogramme, mehrere Dutzend Sensoren weltweit, Kabelverbindungen in unvorstellbarem Ausmaß und eine akkumulierende brennpunkt-ähnliche Stelle von AntiMalware Kriegern mitwirken und unseren Blick hinauskatapultieren.

Raus aus dem Alltag. Hin zu einem Blick von außen gewissermaßen, der auf diesen Ameisenhaufen Menschheit herunterschaut. Sich die Gegenden vorstellt oder hinzoomt, von denen aus “angegriffen” wird. Das Leben und seine Bedingungen dort, Fauna, Flora, Atmosphäre in einem umfassenden Sinn, und sich à la carte Geschichten dazu vorstellen mag. Ein Screen wie eine Anregungsmaschine. Bringt mich auf aus den tiefen aufsteigende obskure Ideen und eine sinnende Wolke in philosophiefarben. Großartigst!

__________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

various artists: “The Airbag Compilation” Out To Lunch, 2000

Estrelle Montenegro: “Waterfalls”, ELEKTROLUX 2001

pubDate>Thu, 04 Apr 2013 13:24:15 +0000</pubDate

April is the cruellest month..

So beginnt T. S. Eliots berühmtestes, 434 Zeilen langes Gedicht “The Waste Land“. Und in der Tat finde ich den Start in diesen Frühlingsmonat heuer ebenso: cruellest. An Mützem, Handschuh & Schal zu a) dieser Jahreszeit und b) hier am Rhein, bei seinem Kilometer 424, kann ich mich jedenfalls nicht erinnern.

Fühlt sich umso schlimmer an, als ja im Februar ganz kurz die Milde, das Ersehnte, hervorlugte. So muß es wohl nun das Rückgängige sein, dieser Jahreszeitenstorno, was am meisten schmerzt. Dieses Aushaltenmüssen, wenn man nicht damit gerechnet hat. Man kann das aber auch anders sehen, sich anders zurechtlegen: der Ostermontag bot, ich schreibe provozierend deshalb die Gelegenheit, das hinausgezögerte Explodieren des Frühlings nochmal in aller bärbeißigen Muße auf Film festzuhalten. Die Sonne war ja da. Und die UnderTemperatur mit genannten Kleidungsstücken und Zwiebellook erträglich.

Außerdem: man kann ja nicht beide Feiertage nur zuhause rumschlumpfen.. Warum ich das brr-rende Ostwindwetter jetzt auch noch gut finden will? Nun: ich bin mir ziemlich sicher, daß es nicht mehr allzu lang so fröstelig weitergehen kann: die Farben werden sich verändern. Die Anmutung des still in aller Kälte Verharrenden wird schwinden und dem sehnsüchtig erwarteten Milden, der Fülle, dem schwirrenden, prallen Leben und dann der Hitze Platz machen. Der Frühling kam noch jedesmal.

Warum sich also nicht nur ins Unvermeidliche schicken, sondern genau hinsehen, die Zeit würdig(end) durchleben: also nicht den Winter noch schnell beim langen Abschiedwinken aufnehmen? Schnee ist zwar schon weit, aber die Farben der Wartenden sind noch winterbleich, Bäume nur Geäst, das Licht aber scharf auf all den Pflanzen, die wie wir unaufhaltsam schieben. Die noch “vom Ostwind verwehte” dräuende Wärme und Kraft der Sonne läßt ahnen, daß dies nur ein letztes Fahles ist. Das Neue schon hinter der dünnen Tür, die Knospe heißt.

Einmal draußen angekommen, begann nach kurzer Zeit die mich immer wieder beglückende Faszination mit den optischen Erscheinungen, die man so bequem mit einer Kamera festhalten kann. Vor allem das Entfärbte, überlang dem Warten Ausgesetzte der Natur fand meine Beachtung- so gut eignen sich solche Bilder für Deutungsmöglichkeiten, nicht nur fürs Reingretchen! (..) Wir erinnern uns an die milden Stunden im Februar und mit ihr, der Erinnerung, kommen nun ein paar versöhnliche Aufnahmen ins Reingretchen-Universum:

Für mich neue Fotografen, heute entdeckt: Harry Callahan (1912-1999) und Alisa Resnik (* 1976)

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Musik beim Schreiben heute:

Pantha du Prince: “Black Noise”, Rough Trade, 2010

Vanessa Paradis: “Vanessa Paradis”, Remark Records, 1992

Original Soundtrack: “Cinq fois deux”, BMG Ricordi S.p. A., 2004

Les Ritas Mitsouko: “Rita Mitsouko”, Virgin France, 1984