Archiv für den Monat: September 2012

Man liest vom Ende der Fotografie

“Man kann einer Fotografie nie mehr trauen. Sie gibt vor, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit entstanden zu sein – doch das kann auch eine reine Erfindung sein.” Ein Zitat David Hockneys aus einem Interview mit dem Spiegel. Das liegt 7 Jahre zurück und ich beginne, mich näher heranzugooglen an dieses Thema. Unlängst nämlich lag das bereits 1979 erschienene, fotografie-kritische Buch Über Fotografie von Susan Sontag auf dem Tisch des Buchhändler meines Vertrauens. Bald darauf gehörte es zu meiner Bettlektüre. Die darin diskutierte Vorstellung vom Ende der Fotografie hat mich etwas befremdet: Bei diesen ganzen im Netz herumschwirrenden unvorstellbaren Mengen an Aufnahmen etwas komisch, dachte ich mir zuerst. Aber die Sichtweise zielt auf etwas, das mit dem ursprünglichen Funktionswert der Fotografie zu tun hat: mit der einst allein der Malerei eigenen -und jetzt diese ablösenden- Autorität, die Wirklichkeit darzustellen. Diese schwindet tatsächlich in ein bodenloses Nichts, bedenkt man es etwas näher: die Möglichkeiten, per Rechner und Bildbearbeitungs-Software in fast jedem erdenklichen Maße ins Bild selber einzugreifen ist schon in die Wohnungen der Normalos eingezogen. Und die dargestellte “Wirklichkeit” kann von jedem im eigenen Sinne beeinflusst werden. Und das gar, ohne bei der Herstellung des Bildes per Kamera dabei gewesen sein zu müssen. Postproduktion sag ich da bloß- von der serienreifenden Lichfeldfotografie erstmal gaaanz zu schweigen. Man liest ja auch von Werbekampagnen multinationaler Konzerne, die für neue Kampagnen aus den Portfolios von Postproduktions-studios auswählen, während die Sichtweise des eventuell in Frage kommenden Fotografen zur Herstellung des “Ausgangsmaterials” als sekundär gesehen würde… Das Wort Hochglanz und Branchenlevel als Geisel der bildbearbeitenden Menschheit.. Welch überraschend deutlichen Satz von Daniel Boschung zum Beispiel las ich neulich, sehr selbstkritisch -und ausgerechnet als Inhalt der Laudatio zum Jahrbuch-Award des bff.de: “..man sehe sich nur den Triumph der Künstlichkeit an, der in der Rubrik „Transportation“ herrscht“. Die fotografisch Kreativen sind sich offensichtlich in aller Deutlichkeit bewußt, wo sie sich gerade mit ihrer Tätigkeit bewegen.. Dazu noch einmal David Hockney: “Jetzt ist diese Kontrolle der Welt durch die Sehweise der Linsen und der Kameras ihrerseits ans Ende gekommen – weil sie von der digitalen Bildbearbeitung ad absurdum geführt wurde und die Sehnsucht aufkommt nach einer neuen Wahrhaftigkeit in den Bildern.” Es wird klar: die Fotografen sind sich dieses “irrealen” Aspekts ihrer Arbeit nicht nur wohl bewußt, ja, ich fand durch bloßes Herumsurfen andere Künstler, wie Keith Cottingham, der genau dieses Thema von der quasi gegenüberliegenden Seite angeht und so tut, als wäre die Fotografie reines Mittel zur totalen Erfindung: These are documents of no place, of no time, and of no body” heißt es sehr eindrücklich im Einführungstext zu seinem Werk “1999 history re-purposed” unter dem Tenor Can we ever know the truth of the past? Is there such a thing as scientific objectivity? Die Fotografen Peter Funch, Nicolas Dhervillers, Robert Overweg kümmern sich ebenfalls darum, jeder auf seine spezielle Weise- sie sind die ersten paar, die ich schon entdeckt habe. Und: es werden sicherlich nicht die letzten sein. Wann aber wird diese Einstellung zu fotografischen Bildern im allgemeinen Bewußtsein angekommen sein, frage ich mich angesichts dieser unaufhaltsamen Entwicklung, die Wahrnehmung, Kunst und technische Entwicklung da produzieren: daß man Bilder nicht mehr als Abbilder der Realität sieht, sondern als.. mh- keine Ahnung als was. Als bunte Variationen der Fantasie, als raffiniertes-Konstrukt-der-abbildbaren-Wirklichkeit-im-Baukastenprinzip, wie zum Beispiel die leuchtenden Bilder von Ruud Van Empel ?? Und wie wird sich dann der Blick auf die Welt per se ändern?? Die aktuelle Bilderschwemme ist noch zu nah dran an den Sehgewohnheiten- diese wiederum erzeugen weitere Ströme an Bildern, als daß man jedes Foto gleich als reine Ausgeburt der Künstlichkeit identifizöre..   Zur selben Zeit entdecke ich auch die verwirrenden Bilder der Pictorialisten- Fotografen, die Fotografie als Kunst anerkannt sehen wollten und um die Wende zum 19. Jahrhundert hin Fotos zu Bildwerken stilisierten. Diese geschah mithilfe des Labors, in dem der der Fotografie als abhold gesehene “künstlerische Touch”, die Aura des Unikats/Originals mithilfe von Entwicklungs- und Dunkelkammertechniken erreicht werden sollte. Zitat: Für manche war das Negativ nur die Skizze, die erst im Ablauf von Entwicklung und Abzug zur Kunst wurde. Das kam man hervorragend an den Bildern von Hugo Henneberg, Léonard Misonne oder Constant Puyo nachvollziehen, bei deren ersten Anblick es rätseln macht, was genau man denn da vor sich hat: die Werke wirken durchweg wie Gemälde auf mich- völlig durchkomponiert, wie man das auf Fotos heutzutage nur bei den Großen sieht. “Lustig,” dachte ich dabei: “da verschwindet jemand wieder durch die Tür, durch die er gekommen ist.” So schließt sich ein Kreis, in dem sich beim Ringen um Anerkennung Authentizität und Künstlichkeit in den Schwanz beißen. (..) Am Schluß bleiben hie wie da die Bilder, die ansprechen im Gedächtnis. Nur mit Wirklichkeit müssen sie nichts mehr zu tun haben, das ist das Neue in der Geschichte der Wahrnehmung. PS.: zwei Bilder hier auf dieser Seite sind nicht “durch den Photoshop gedreht” ;-) ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Beady Belle: “Closer”, Jazzland, 2005

David Byrne: “Music For The Knee Plays” ECM, 1985

Donald Fagen: “Morph The Cat”, Reprise 2006

Groove Armada: “Late Night Tales”, Late Night Tales, 2008

various artists: “The White Room”, Sony Music 2004

Das eigene Werk in Gedächtnisminuten

Das Spiel heute bedarf keiner Ausrüstung, nur das Hirn muß eingeschaltet sein. Dieses wird sachte auf die Fährte- Na, was haben wir denn im letzten halben Jahr alles zusammenfotografiert? gesetzt und darf, etwas ungelenk am Anfang, zwischen Kurz- und Langzeitabteilung entlangschnüffeln. Ob da was (her)vorkommt. Denn: da war gewaltig was: mittlerweile zweieinhalbmaltausend Klicks mit der guten alten Nikon F65. Aber: alle Klicks sind Dosen auf Regal- also nix zu sehen yet ;-) Ah- das erste Bild taucht schattengleich im Gedächtnis auf: Manchmal bürstet der Wind so die Bäume hoch, daß diese ihre hellen Blattunterseiten sehen lassen. An einem solch winddicken Tag war ich auf der Kurpfalzbrücke unterwegs, und fand, daß dieses seltene Schauspiel ein sehr gutes Bild ergibt- vor allem, wenn es am Blankblauen darüber noch scharf hingeworfene Wolkenfedern gibt, die hinter den drei Hochhäusern über die Szenerie gepustet werden. Dazu die Sonne in dramatischster Manier dick von schräg oben- Blendenflecke inklusive- welch Energie!! Ob das ein Foto bändigen kann??

  Gartenkolonie Süd heißt das Gebiet östlich der Reiß-Insel und westlich des Stollen. Genau da hab ich diesen schlauchverlassenen, wetter- und zeitgegerbten stumpffarbenen Ständer gefunden. Inmitten dieses saftigst wuchernden Grüns, der aufprallenden errötenden Tomaten stand er da, steckengerade senkrecht trotz aller Heruntergegerbtheit. Und erstaunt bemerkt ich, daß er zweifarbig ist: bläulich plastich oben und zart rötlich metallich unten. Irgendwie was fürs “Krimiprojekt” dachte ich unwillkürlich beim Anblick.

Eigentlich hab ich nix Besonderes vermutet an dieser Stelle der Stadt called Hafen 14- und doch ein außergewöhnliches Motiv gefunden. Das passiert je öfter, je mehr man unterwegs ist. Das läßt sich nur auf diese Weise nach oben regeln, sorry.. Immer noch ist die Kurt Schumacher Brücke auf meiner Postkartenagenda- gehört in aller Wuchtigkeit und glänzender Aufragung zum Stadtbild-Must, ist ja auch schon mal auf ner Karte gelandet, allerdings nur als Beilage hinten links- mit ihr tu ich mir noch schwerer als mit dem Viktoriaturm. Direkt auf ihr radeln und sie dabei fotografieren brachte bislang nix Überdolles, “also in größeren Umkreisungen vorgehen”, dachte ich etwas resigniert, das Thema Motivvollständigkeit meldet sich ab und an. Und plötzlich war sie da: diese gelb-bauchige, in zirka zwei Metern Höhe aufgehängte Boje, die dann doch einen reizvollen Umriß zu den Stahlseildreiecken im hohen Hintergrund und den von Künstlerhand hingeworfenen Wolken beisteuerte. Ich kann mich noch erinnern, daß ich die Komposition als solche etwas schief fand- die Einzelteile wollten sich nicht harmonisch in den Sucher bugsieren lassen- und auch durch diverse Stellungswechsel schaffte ich es nicht wirklich auf den Zweig namens Zufriedenheit. Naja: dann hat eventuell das Layout beim Sichten und Schneiden noch eine ihm zuwachsende Chance.

“Morgen ist hier Schluß!” sagt der Mann, der hinter meinem Fotografenrücken entlang vorbeigeht. Ich schaue auf, er erklärt, daß ab morgen der Kleinfeldsteg- wir stehen auf der südlichen Rampe- zwecks Umbau /Teilabriß geschlossen wird. “Na, da hab ich ja mal Schwein gehabt.” fährt es mir ins Hirn und ich verknipse die letzten paar Bilder, mit Ellenbogen und 300er Tele am Geländer aufgestützt, bei ner 90stel Sekunde Verschlußzeiteinstellung den eigenen Atem im Auge nach Westen, wo die glutorangfarbene Sonne sich direkt hinter den transparenten Treppenhausrändern des Viktoriaturms sichtbar quer -und erstaunlich schnell- verzieht. Und ihr Licht dabei rapide schwindet. Dabei zappe ich immer wieder aufs Gesamtpanorama, denn die Wolken in blau darüber sind auch nicht zu verachten..

Ich kann mich genau dran erinnern, wie mir plötzlich, mitten auf diesem schmalsten aller Stege übers Bahngelände, den ich kenne, ganz am Ende dieses denkwürdige Ensemble ins Auge fiel, aus allem zusammengesetzt, was die Ungegend zwischen Industriegebiet, Zubringer und Bahndamm so ausmacht: Ende von Zäunen, Zipfel von wild wuchernden Hecken, Bahnoberleitungen. Dahinter Dachzipfel, unentschlossene unförmige Wolken. Und dann dieser sachtböige Wind, der jäh und unberechenbar eine einsame Deutschlandflagge vom Balkon herüberwinken ließ. Und dieses Motiv zu einem großen machte. “Das muß in Öl” dachte ich fasziniert.

Leerstellen mitten in der Stadt- das fällt mir immer sofort ins Auge: keine miteinander um Aufmerksamkeit rangelnde Werbezeichen, konkurrierende schrillfarbene Banner, die Fotogenik verunmöglichende “Bild”unterbrechungen irgendeiner städtebaulichen Art- einfach nur große, eintönige Flächen. Wow. Das ist eine flüchtige Seltenheit, in einer Fußgägngerzone umso frappierender. Da komme ich gerne extra nochmal wieder am folgenden Tag, wenn von zuhause aus das Licht für geeignet befunden wird. In diesem Fall: 1x diffus bitte! Die Augenweide: drei Flächen einfach so gegeneinander: blanke breite Bauzaunbretter auf Stoß, das zart orange Fassadenmodul der Kommerzbank darüber/dahinter, vor allem in stiller Hartnäckigkeit: der Gedächtnis-Glas-Würfel, der zwar voller Namen steht, diese aber auf die Entfernung zum reinen Quermuster verschmelzen.

Zum guten Schluß nach dieser imaginären Stadtführung ;-) noch ein Bild, das ich (ich weiß, hört sich weird an) daheim auf der Waschmaschine gemacht hab. Es gab da nämlich einen Einkauf, von dem ich so ne Art Bio-UFO nach hause brachte: eine nicht mal kleine, strahlend klarsichtige Plastikdreieckbox, in der, wie die Figur am Flugtag, sechs identische Tomaten stramm in Formation standen. Exakt passend in Dicke, Breite und Höhe für diese Schachtel. Im Regal mußte ich anfangs zweimal hingucken. Als ich den Aufkleber, der exakt oben mittig angebracht war, vorsichtig entfernte, erinnerte nichts mehr an diesem Objekt an Nahrungsmittel. Auf dem Weiß der Waschmaschine, noch dazu in scharfkantigen, schattendurchsetzen Sonnenlicht eine “Erscheinung”, die ich unbedingt festhalten wollte!! Ach ja: das folgende Geschmackserlebnis wurde eindeutig vom “Serviervorschlag” überschattet..

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Musik beim Schreiben heute:

The Brand New Heavies: “Heavy Rhyme Experience: vol.1”, Delicious Vinyl, 1992

Paul Anka “Rock Swings”, Smd Centau (Sony BMG), 2005

various artists: Stickman “Musica”, STUD!O K7, 1996

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Postskriptum: Ok, zumindest ein Bild ohne Imaginations-Anstrengung solls heute geben ;-) Wobei ich die Frage an die werte Leserschaft weitergeben möchte, was denn zum T. die Federn bei den Pinseln zu suchen haben- reine Deko kann das Gefieder nicht sein, dazu sieht es all zu zerzaust aus…