Archiv für den Monat: August 2012

Gretchen gerät in etwas rein

Jetzt, im Nachhinein macht alles Sinn, fügen sich im Rückblick die Puzzlesteine, die vorher gar keine waren, perfekt zusammen. Ja, es wird immer dichter, je mehr Inspiration sich um eine Idee sammelt, die sich, verschiedene Stränge verfolgend über die Jahre, zu etwas Neuen, Aufregenden verdichtet. Read the English version of this introduction to Reingretchen Ganz am Anfang stehen natürlich meine fotografischen Bewegungen. Die Touren, auf denen Tausende von Bildern entstehen. Ohne Auftraggeber, nur persönlichen fotografischen Interesse & Inspiration vor Ort folgend. Diese vielen Fotos. Immer im selben, geografisch beschränkten Umkreis aufgenommen. Daraus fliegt mir irgendwann, recht spät übrigens, die Idee der Postkarten zu.

Lange habe ich mich überdies im illustren Kreis der Tonträgereinzelhandelei betätigt. Wie es einem guten musikalischen Werk ansteht, das lernt man in den Jahren des simplen Vergleichens, gehört dazu ein nicht nur passendes “Artwork”- eine Umschlaggestaltung, nein, weitaus mehr: diese Umschlaggestaltung muß nach meiner Meinung das Gesamtkunstwerk Schallplatte oder CD, Album erst zu einem vollständigen Werk machen. Äußere Form und Inhalt müssen korrespondieren, schlüssig sein. Ein künstlerisches Ganzes, ein übergreifender Willen muß erkennbar sein. Dann meine Schwäche für Sprache und Geschichte(n) in allen Ausformungen. Ob als reiner Text in Buchstabenform, als short version: Namenskreationen, zum Beispiel im PopMusikBereich oder als gesprochenes Kauderwelsch zwischen Dialekt und Fremdsprache, Falschbetonungen und Silbenverschluckereien.

Daraufhin folgte vor zwei Jahren der Hinweis auf einen Krimiautor aus nächster persönlicher ehemaliger Nähe- über dreissig Jahre zurück in der gemeinsamen Schulzeit liegend. Die alles Weitere auslösende Antwort auf die Übersendung meiner ersten Schwarzwald-Postkarte: “exakt die Gegend, in der mein übernächster Krimi spielt.” Mh, denke ich, da hätte ich noch mehr davon: Fotos als Krimicover. Seine Werke plötzlich als solche zu sehen, erfordert eine dem bisherigen Usus gänzlich entgegenstehende Herangehensweise:

  • Thematisch nah an einer ganzen (!) Geschichte dran sein, sie oder ihren Beginn/Thrill praktisch als Bild darstellen, vorwegnehmen, das Geheimnisvolle, Spannende versinnbildlichen.
  • Ebenso was Neues, Einschränkendes: das Hochkantformat steht bei Buchtiteln ganz groß in Kurs, also: stets die Kamera kippen..
  • Das der Werbeästhetik Verwandte ist die Symbiose mit hinzugefügtem Text: Autorenname und Buchtitel liegen beim zeitgenössischen Belletristik-Produkt quer überm Bild. Wenn man das schon beim Fotografieren berücksichtigen kann- wunderbar!
  • Das Plakative am Buchcover ist für mich ein etwas zwiespältiges Thema, insbesondere bei Krimis: Gute Grafik- ja, natürlich. Ebenso: auffallende Fotos. ABER: bei Durchsicht von Buchtiteln der Gegenwart ist mir die Assoziationskette Cover- Inhalt zu weit gestrickt.

Das kann man natürlich erst bei Kenntnis des Inhaltes beurteilen, aber die letzten Leseerfahrungen haben mich vom Gegenteil überzeugt: Da mußte ich meine Fantasie, das Cover mit der innenliegenden Geschichte in Verbindung zu bringen doch recht strapazieren. Fast immer ohne befriedigendes Ergebnis. Eher im Gegenteil: die Buchgestaltung war zu sehr dem Haken-Effekt verpflichtet.

Diese Erkenntnis hat meinen Drang jedoch nur noch beflügelt: Nach Durchsicht von schon drei belichteten Filmrollen des persönlichen Archivs wurde ich erstaunlich fündig und schlage einige ähnliche, mit Schrift versehene und geLayoutete als Coverfoto vor. Und bringe damit bei mir Einiges ins Rollen. (..) Erstmal kam die Rückmeldung zum allgemeinen Verlagsgehabe in Deutschland: man bedient sich ökonomisch aus dem unendlichen Fundus von Online-Datenbanken wie fotolia, photocase et al. Und kommt so an Bilder ran, für die man dann dort die Veröffentlichungsrechte erwirbt- für 30 Äpfel und 40 Eier. Höchstens.

“So weit, so schlecht” der passende Kommentar aus gut unterrichteten Kreisen. Mm-schade, denke ich. Trotzdem ist meine Inspiration nicht zu bremsen und ich entdecke Erstaunliches in Bildern wie diesen: da ist ja Mystery drin! Durch den Umstand, autodidaktisch und fremdauftragslos mit der Kamera unterwegs zu sein, wuchs über die Jahre ein der üblichen (Werbe, Gebrauchs, Waren)-Ästhetik ferner Stil, der sich durch die analoge Technik und Anmutung auf einem Terrain bewegt (kompositorisch und thematisch), das sich plötzlich als ideal für die Bebilderung von Kriminalromanen entpuppt:

Da war sie: die Faszination, die eigenen Fotos aus einem völlig neuen Blickwinkel zu sehen und ich stürzte mich inspiriert ans Werk. Viele der “gefundenen” Fotos waren so suggestiv, daß mir nach nur kurzer Betrachtungszeit ein passender “Buchtitel” einfiel. Noch schnell einen fiktiven Autoren erfunden- und nun kann ich gleich die ersten sechzehn “Titel” ins Programm nehmen: Wie man gut nicht sieht: ich habe die Buchstaben nur angedeutet. So kann jeder schauen, ob ihm/ihr auch was einfällt zu diesen Bildern. Und das darf er nun sein: mein erster Krimi-Newsletter mit neuen Büchern, die es nicht gibt. Aber spannend finde ich jetzt schon: diese Geschichte und diejenigen, die sich hinter den Bildern verbergen könnten ;-)

Das ist das erste “Kapitel” zu der Geschichte des Reingretchen-Krimi-Cover-Projektes. Alle weiteren Kapitel und die entstehenden Covers gibts auf www.reingretchen.de

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Musik beim Schreiben heute:

MRI: “All That Glitters”, forcetracks 2002

Daniel Stelter: “Krikel Krakel” 2012, Herzog Records (hier ein Video)

Daniel Stelter: “Homebrew Songs” 2009, Herzog Records

Raab/Angerer/Deixler: Bleu “Strong Relation” 2010 JAZZ ‘n’ ARTS

Dirk Blümlein Terzett: “Freizeitvergnügen” 2007 JAZZ ‘n’ ARTS

Anjali: “Sheer Witchery” 1999, Wiiija  ]]>

Video Triptychon #1

Ein wundersam ergiebiger Sonntag neigt sich seinem Ende zu. Ich war fotografisch unterwegs von Industriekran zu Schreberblumentopf. Das Licht war sensationell sommerlich, der Himmel mit Künstlerwolken ;-) belebt, gegen späten Nachmittag erzeugte ein leichter Wolkenschleier einen Lichteffekt wie auf Edward Hopper-Bildern und, wieder at home, hab ich auch noch diese drei faszinierenden (englisch gesprochenen) Videos/Plattformen/Fotografen entdeckt: I.: Ein etwas durchgeknallt wirkender Typ, der schon eine längere Geschichte hinter sich hat: Dean Chamberlain- ich hab ihn gleich auf meine “Lehrer”-Seite angebaut:

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II.: “Mit Licht malen” auf sehr einprägsame Weise demonstriert hier das Interview-Video mit dem ebenfalls heute entdeckten:

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und der guten Dinge sind III.: ein Lanze per Video brechen für die Spiele der Gegenwart, genannt Video Games:

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Auf unentwickelte Halde fotografieren und die Folgen

Ich kann mich sehr gut an die Antwort erinnern, die mir mein Freund Markus einst lächelnd gab, als ich, bei ihm zu seltenen Besuch in Amsterdam irgendwann mal zähneknirschend meinte, mein Filmmaterial ginge aus (die Läden hatten zu bzw. waren zu weit entfernt, um schnell Nachschub zu kaufen):

“Na, DANN mußt Du halt die Bilder im Kopf behalten!”

Fotografieren nimmt einem diese “Erinnerungsarbeit” komplett ab- das wurde mir durch dieses kleine Zwischenwort sehr klar. Sie kann zwar die anderen sinnlichen Eindrücke nicht speichern oder gar ersetzen, doch ein stimmiges Foto kann das Gehirn sehr gut anschieben, sich auch die Stimmung, gar die Konsistenz der Luft, die lokalen Gerüche, Gespräche oder anderes, weitaus Ätherischeres wieder zu vergegenwärtigen.

Mir geht es nach all den Jahren so, daß ich nur zu Gelegenheiten, bei denen keine Kamera vorhanden ist/zum Einsatz kommt, auf dieses wie ich finde sehr wichtige Potential geistiger menschlicher Leistung zurückkomme, ansonsten aber “gelernt” habe, all die “Erinnerungsspeicherung” diesem chemisch-mechanischen Vorgang zu überlassen. Ja, es ist noch krasser: wenn ich mich an ein fotografiertes Erlebnis zurückerinnere, fallen mir nur diese fotografierten Bilder ein -ich muß dazu KEINEN Blick darauf werfen, um mich auch en detail an die Bilder = das Geknipste zu erinnern. Ansonsten ist da nichts Visuelles, an das ich mich erinnere. Manchmal darüberhinaus gar gar nichts mehr an sonstigen “Vorkommnissen dieses Tages” in meinem Kopf.

Diese äh, Kulturtechnik ist zwar modern- wer überantwortet zum Beispiel heute die Memorierung von Telefonnummern auch nur der engsten Freunde noch seinem Hirn- hinterläßt bei mir aber ein komisches Gefühl von Rückbau der eigenen Fähigkeiten. Man konnte das Leben auch schon anders.

Nun bin ich- mehr durch Zufall aufs Prinzip “Auf unentwickelte Halde fotografieren” gekommen: der Fotografierlust zwar keinen unsinnigen Riegel vorschieben, die belichteten Bilder aber erstmal dem Blick vorzuenthalten, indem ich sie -erstmal- nicht zum Entwickeln gebe. Sprich: lagern statt wiedersehen.

Mich an diese Dinge erinnern statt sie, wie bislang üblich, zeitnah begutachten, durchsehen, bewerten, bearbeiten, veröffentlichen, ablegen, archivieren, sortieren. All diese verarbeitenden Tätigkeiten, die sich im Laufe der Jahre eingefleischt haben. Das geht natürlich nur ohne Schmerzen, wenn man nicht digital fotografiert und nach jedem Schuß gleich das Ergebniss kontrollieren kann, sondern wie ich krampfhaft am Überkommenen festhält ;-) Und plötzlich geschieht es- wie heute eben wieder, daß ich mich irgendwo in der Gegend an einer Stelle wiederfinde, wo ich vor Monaten Bilder gemacht habe und mich an den Tag, das Licht, Wetterlage und die Motive erinnere.

Ein Plus an Wiederkehrendem also!

Dabei ist noch weiteres Erstaunliches festzustellen: nicht nur die Tatsache hier gemachte Aufnahmen kommen ins Gedächtnis, auch die Auswahl der Blickrichtungen (ich fotografiere fast immer Serien) und Motivansichten und, am Frappierendsten: ich fange an, mir zu überlegen, ob ich nichts vergessen habe, und: ob noch andere Ansichten möglich wären. Also eine Revision rein mental. Dazu gehört auch die Erkenntnis, daß dieses Motiv ja schon abgehakt ist und ich nicht wiederkommen muß. So was wie ein fotografischer Einkaufszettel etabliert sich also mit dieser “Latenztechnik” im Hirn.

Ob das nun gut ist oder nicht, muß sich noch herausstellen. Ich für meinen Teil finde diese Art, mit der persönlichen mentalen Fotografiertechnik zu experimentieren, sehr anregend, weil sie auf den Prozeß im Ganzen Hinweise gibt. Man lernt über sich dazu: vordergründig und am faszinierndsten, wie man die persönliche Haltung zum Fotografieren erlebt, wie man dazu emotional steht: will man Ergebnisse, die “gestalterische Leistung” sehen, persönliche Sichtweisen weitergeben oder auch/”nur” zeigen können. Das alles gesehen im sozial-psychologischen Licht: wie gelingt mir mithilfe meiner Fotos die Verbindung zu anderen Menschen? Brauche ich Fotos eigentlich für diesen Zweck, weil ich anderweitig Schwierigkeiten habe und sie durch die Macht des Visuellen, Realen hilft, easy eine kommunikativ-emotionaleVerbindung zu schaffen? (..) Oder geht es mehr um intrinsische Phänomene: um Wachsein in der Welt, In-der-Gegenwart-leben-mithilfe-des-mitgebrachten-Fotoauges, vitalisierende Gestaltungsübungen mit dem fotografischen Rahmen (Sucher), die Übung, (zum Beispiel Schönheit) zu sehen und -das Entdeckte erkennend- fotografisch festzuhalten.

Für sich selbst oder für die Außenwelt oder beides gleichzeitig in einer individuellen Gewichtung- all das kann man mit dieser etwas merkwürdig klingenden Methode mal ausprobieren. Und sich wieder ein Stück erkennen. ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Mattafix: “Signs Of A Struggle”, BeeGood Records (Virgin), 2005

Bitty McLean: “Natural High”, The Brilliant Recording Company, 1995