Archiv für den Monat: Juli 2012

Karten Pause und gespannte Erwartung

Na, liebe Leute- ist DAS eine neue Mannheim-Postkarte? Ihr werdet kaum staunen: genau diese Frage stelle ich mir beim Anblick auffällig gelungener Fotos auch. Und komme recht schnell zum Schluß: . Zu abstrakt (im Erkennungspotential), zu längsformatig (für DIN A6), zu unharmonisch (in der Verteilung der Proportionen). Die optische Erscheinung als solche finde ich -gerade auch im Ausschnitt-sehr anregend, aber etwas fehlt oder sitzt falsch, und das ist leider nicht (nur) die Schrift in der Bildmitte. Es bleibt also schwierig.

Fünf Jahre ist es nun her, daß ich begann, Mannheim “kartografisch” aufs Korn zu nehmen. Neununddreissig Motive sind nun geschafft, das heißt: fotografiert, druckfertig gemacht, finanziert, produziert, herangekarrt und finden sich nach einigem Gerenne in den Regalen & Aufstellern der Stadt. Das benachbarte Ludwigshafen kam erst mehr zufällig, dann immer deutlicher anvisiert dazu. Vergangenes Frühjahr gesellte sich gar noch das erste Schwarzwaldmotiv hinzu. Und nun halte ich inne. Seit fast sechs Monaten. Denn: ein solches Projekt bringt den Ausführenden zwar schon hinaus in die Umgebung. Die gezielte Suche nach Motiven zeitigt mit den entstehenden Bildern die frohe Erkenntnis, daß sich selbst innerhalb des überschaubaren Rahmens einer Stadt die Motive NICHT erschöpfen- immer reist man in der alles verändernden Zeit und im stetig sich wandelnden Licht hin zu neuen fotografischen Erscheinungen. Aber ebenso zahlreich sind die Funde, die darüber hinausweisen. Neue Anregungen und damit Ideen entstehen und lenken die Faszination um. Nicht weiter erstaunlich überdies: daß sich nach diesen Jahren etwas auftut, das ich mal die “individuell erarbeitete Postkarten-Klischeefalle” nennen will. Wie die aussieht? Nun: ich schaue mir die bestehenden Motive an, dann die neuen, infragekommenden. Und bin etwas ratlos. Durch meine ausgeprägte Alarm-Antennen für klischierte Darstellungen liegt, so will ich mal sagen, meine persönliche Schwierigkeit darin, als “mehrheitsfähig” identifizierbare Bilder aus den bestehenden Anwärtern, die immer experimenteller geraten wollen herauszusuchen. Das alles mit wachsender Freude und Faszination gemäß des wunderbaren bonmots: der Künstler ist die Quelle des Unbekannten. Oder, wie ich Ende Mai im betreffenden Wiki-Artikel sehr inspiriert zur Kenntnis nahm: “Nach Baselitz entstehen seine Bilder nicht durch Interpretation eines Gegenstandes. Jeder Künstler muss die vorhergehenden Bilder verwerfen. Baselitz beginnt seine Bilder mit Disharmonie (Chaos, Handicaps, Tabubruch, Radikalität). Überraschenderweise stellt sich dann dennoch Harmonie in seinen Werken ein. Das Bild muss enthalten, was bisher noch nicht gesehen wurde.” Solche Gedanken machen für mich die Faszination des kreativen, suchenden Umgangs mit einer Kamera aus. Doch bei der Zielsetzung “Postkartenproduktion” sind sie irgendwann immer schwerer zu erfüllen. Und führen mich unaufhaltsam in einen Zwischenbereich hinein, der weder Fisch noch Fleisch ist.

Denn: die deutliche Abarbeit am Thema läßt meine Bildersprache sich fortentwickeln, verschiebt die persönliche Auffassung von Fotografie. Meine Wahrnehmung der Region und ihren motivlichen Möglichkeiten (ver)schärft sich. Typusmerkmale der Gegend, Ländlichkeiten oder Urbanes nicht nur als Modell und Quelle für Ansichtskarten, sondern darüberhinaus als Erscheinungen persönlichen, kulturellen und biologischen Lebensraums per se in einem Kontext zu erkennen, der über die fotografische Ausformung als Ansichtskarte weit hinausgeht. Mit anderen Worten: es fallen nicht nur die offensichtlichen Zutaten der Zivilisation auf, deren fotografische Darstellung für den common tourist anwendbar scheint, sondern immer stärker einstig als Nebensächlichkeiten bei der Jagd übersehene Dinge und skurrile Kombinationen.

Die Stadt als Wundertüte gewissermassen, immer aufs beste geeignet, den eigenen Standpunkt zum Leben zu reflektieren. So finde ich bei meinen Touren immer neue Sichten auf dieselben Dinge. Die ich schon lange zu kennen glaubte oder als erkannt=abgehakt weiteren Untersuchungen entzog. Das heißt nun beileibe nicht, daß dies das Ende meiner Postkartenzeit bedeuten würde- ein gutes Dutzend Entscheidungen für künftige Karten sind in den letzten Jahren schon gefallen. Gar ihr Platz in der Kartografie ist schon bestimmt. Auch schon beschlossen: die “verflixte siebte” Serie soll die Motive der ersten aufnehmen und bei gleichbleibender ästhetischer Qualität je eine neue Version liefern. Ganz frisch greift nun eine weitere, eher zufällig “entdeckte” Strategie: das Prinzip Latenz: ich fotografiere auf unentwickelte Halde. Dadurch erlebe ich einen neuen Zugang zu den eigenen Bildern: sie sind gemacht, voller Faszination des mittels Kamera erfaßten Augenblicks, bleiben aber erstmal durch das Aufbewahren im lediglich belichteten Zustand nur Erinnerungsabdrücke in meinem Kopf. Das habe ich noch nie gemacht: zirka siebenhundert Bilder stapeln sich und ich erlebe: Vorfreude, Stolz, aber auch ein gewisses Gefühl der Bremsung beim Anblick neuer Motive. Ich verarbeite und repetiere diese nur ein Mal gesehene Bilder, wie die Ahnung eines deutlichen, aber verblassenden Traumes. Erlebtes bekommt dadurch einen völlig neuen Touch!

Das ist ein sehr interessantes, auch emotional faszinierendes Experiment, gerade auch im Hinblick auf mein Bestreben, ein Gefühl für den BilderOverkill der Gegenwart zu bekommen. Es führt zwar (erstmal) nicht zu neuen Postkarten, beunruhigt mich aber auch nicht wirklich, denn ich kann mir kein Geschäft vorstellen, das zum Beispiel sechzig oder mehr Karten nur von Soodlepoodle in ein -dann wohl wandfüllendes- Regal stellen mag… ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Estelle Montenegro “Waterfalls”, Elektrolux, 2001

Frank Sinatra “Come Fly With Me”, Capitol Records 1958

Indoor Projekt Achtlose Komposition (InPAK)

Die Kamera löste am Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Malerei darin ab, die “Wirklichkeit” darzustellen. Und “befreite” sie dabei. Das ist nun schon fast zweihundert Jahre her- endlich schien eine Möglichkeit der automatischen Abbildung der Realität gefunden. Die immer einfacher werdende Handhabung der Technik ab der Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch machte bald auf das Themenfeld Bildausschnitt und Motivwahl aufmerksam, die den Hersteller des Bildes immer mehr ins Blickfeld kritischer Betrachtung zog. Die Technik hat sich jedoch insofern immer weiter entwickelt, dass heute ein mit ihrer Hilfe erstelltes Foto keineswegs “die Realität abbilden” muß- die Möglichkeiten digitaler Bilderstellung und -veränderung und ein stetig mehr und mehr ins täglich Gewohnte wachsendes “Weiterentwickeln” und Postproduzieren fotografisch erzeugter Bilder rücken das einstige “mechanisierte Abbild der Wirklichkeit” eher in einen Bereich, auf den man sich in der Gegenwart mit einer Kamera at hand, schon richtig spezialisieren muß. Wie etwa in der Reportage, Strassenfotografie. Doch auch hier gibt es Risse im Putz: die einen kritisieren den qualitätsbedingten ästhetischen Einsatz der Fotografie als dem dargestellten Thema unangebracht. Andererseits kann man kein Bild mehr für bare Münze nehmen. Das aber hat sich schon lange angekündigt. Aufs Thema Realitätsdarstellung stieß ich mit meiner Kamera auf andere Weise: schon immer liebe ich Baustellen. Jedweder Art. Hausbau, Werkstatt, Küche oder Proberaum mit der jeweils spezifischen “Unordnung”. Werkzeuge, Materialien, Gerüste, kurz: Gegenstände jedweder Art sind im Umlauf und durch diesen vorübergehenden Zustand des baulichen Prozesses stetig einer Ortsänderung unterworfen, in faszinierenden Konstellationen beiläufig anzutreffen. Zum Fotografieren schön gewissermassen.

Ebenso flüchtige wie ungewöhnliche fotografische Bildkompositionen ergeben sich durch diese ästhetisch- achtlose Weise der “Arangements”.

Vor allem: sie ergeben sich auf anders nicht zu erzielende Weise.

Das ist der Punkt: etwas nicht absichtlich Nachzustellendes- oft versucht von allen erdenklichen exquisiten Requisiteuren beim Film… Denn anstatt stundenlang in seinem Atelier die Accessoires und Requisiten herumzuschieben, auf- und abzubauen, stundenlang die Beleuchtung in allen erdenklichen Konfigurationen einzurichten um ein zufällig=echt wirkendes Ensemble nachzustellen, gibts das auf ner Baustelle einfach so geliefert.

Ich finde sozusagen den Abdruck der Realität in der unvorhersagbaren Lage der Dinge. Noch mysteriöser wirds gar, wenn man selber daheim etwas macht, das mit Aufräumen oder Dekorieren nix zu tun hat: kochen, umräumen oder gar Heimwerking erzeugt auf automatische Weise Konstellationen von Gegenständen, die absichtlich nie so glücken würden.

So bin ich auf ein mir neues Projekt gestossen, das dieses Unwillkürliche= Ungestellte= Unintentionierte= Echte zum Thema hat. Das Ästhetische der Wirklichkeit auf den zweiten Blick, ja, gar: eine andere als die antrainierte Sichtweisen auf die Schönheit.

Schon immer ist es so, daß ich mir Ab&An plötzlich gewahr werde, daß ich direkt vor mir etwas Fotogenes habe und dann -so vorhanden- zur Kamera greife, um es zu dokumentieren. Ich sage dokumentieren deshalb, weil es immer entweder eine flüchtige Lichterscheinung ist- die Autofrontscheiben spiegeln die Sonne in meine Zimmer, eine vorübergehende Spurenlegung oder die Kombination sonst räumlich getrennter Gegenstände, die drohen würde, müllverwandte Eigenschaften anzunehmen. Oder einfach im Weg steht, wenn man irgendwann wieder mal durch die Zimmer will ;-) Dazu muß ich erwähnen, daß meine Art, mich einzurichten auf die Ansammlung anregender Gegenstände (Möbel dürfen gerne dazugehören) ausgelegt ist.

Meistens also sind es Spuren, die ich, bevor sie von mir oder der Sonne weggewischt/getilgt werden, schnell noch abfotografiere. Ein Seh- und Erkennungstraining direkt zu hause, das sich

  • das Gewohnte vornimmt- ein Gegenstand, für den man ja per definitionem blind ist.
  • Die Faszination und faszinierende Erkenntnis, daß Schönes unwillkürlich entstehen kann.
  • Auf Bildern durch diese “Übung” Echtes=Unarrangiertes erkennen zu lernen (!)
  • Und, gerade eben beim Schreiben und Bildbearbeiten die erstaunende Entdeckung, daß die Blog-Software in der Vorschau “besser” wirkende quadratische Ausschnitte der Bilder erzeugt, (die ursprüngliche von mir durchgeführte Bildform- und Schnittwahl werden durch Anklicken sichtbar) die mir jäh passender, ästhetischer erscheinen. (..)

Als weitere Anregung, wie man die eigene Wohnung als “Wahrnehmungswerkstatt” benutzen kann, hier ein Hinweis (danke, Claudiae!!) auf das famose Buch von Peter Jenny.

______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Claus Boesser-Ferrari “Wandertag” 2006, Acoustic Music GmbH Savvas

Ysatis: “select” 2004, Tresor

Donald Fagen: “The Nightfly” 1982, Warner Watch

TV And The Primetimes: “Discolexia”2006, Soul Seduction

various artists: “Soulfood” 2002, Good Looking Records

Stan Getz Meets Joao & Astrud Gilberto “Live 1964″, Giants Of Jazz

PS.: eine für meine Verhältnisse überlange Liste der schreibbegleitenden Tonträger, fürwahr! Aber sie deutet auf eine überlange Beschäftigung mit der Erstellung dieses Artikels hin. Ursprünglich als Introduktion für mein Faible mit Baustellen und den dabei “hingeworfenen” oder “achtlos abgelegten” Konstellationen angefangen, hat sich Text und Bildmaterial nun in eine nächstgrößere Dimension entwickelt..

Bloßfeldt mixed w/ Newton

Teil 1

Mit dem Start in die Juli-Bloggerei führe ich die neue Kategorie Entdeckung right heute ein: da kommen spontane Sachen, Fotografen, Themen und Bilder, die nirgends sonst so richtig passen, nichtsdestotrotz aber sehr inspirierend sind rein. Außerdem ein schneller Pick aus dem Pool der jüngst geschoss´nen Bilder:

Und nun, äh, zum Betreff: Robert Mapplethorpe, Helmut Newton und Karl Bloßfeldt kommen zurück in einem Mix done by Mark Arbeit, der Signifikantes der drei auf sehr angenehme Weise mischt. Und damit was Neues schafft. Plus dabei: mein Liebling im Foto: das Bokeh und, auch immer wieder gerne gesehen: die Überstrahlung. Aha- weitere Findung: der Herr Arbeit war gar lange Assistent beim Meister zusammen mit den twoboysfrompasadena.com. “Daher also die ästhetische Nähe” denke ich und mir fällt ein Zitat von Herr Lindbergh ein: “Nicht bei berühmten Fotografen assistieren. Es ist später schwer, sich von deren Einfluss zu befreien.” Finde ich aber in diesem Fall kaum störend, da noch weitere, ebenso starke Ingredienzen wohltuend wirken. Noch mehr Entdeckungen right heute:

__________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute: das Surren der Festplatte __________________________________________________________________________

Teil 2

Der nächste Tag. Ich bekuck meine Schreibe und die beigeklebten Bilder von gestern abend. Und bemerke den Bruch zwischen den Themen und den Bildern. Das paßt ja mal gar nicht zusammen! Ästhetische Faszination über die Weiterentwicklung der Klassiker Bloßfeldt, Mapplethorpe- Blumen, Aktfotografie- Newton durch Herr Arbeit. Die Bilder dazu: von allen Menschen verlassene Industrie; mit irgendwie merkwürdiger Ausstrahlung.

Ich überlege, warum ich beides nebeneinander immer noch gut finde und so stehen lasse. Der Grund: es geht um einen Übergang. Mark Arbeit mixt die Ideen und Ästhetik der Vorbilder zu etwas Neuem. Während ich zu der Gemeinde zähle, die sowohl Mapplethorpe als auch Newton als etwas zu überästhetisiert (das heißt kältlich) empfindet, bringt der von Herr Bloßfeldt erstmals als solcher institutionalisierte fotografische Zugang von scharfgestellten Blumen im Vordergrund einerseits und sich im Bokeh verlierende Aktsilhouetten und Formen eine für mich sehr reizvolle Kombination hervor, die beide Ingredienzen gleichzeitig sichtbar macht und den Geschmack des Neuen bringt. Gleichzeitig. Großartig!

Und irgendwie schmecke ich auch in meinen Bildern einen solchen Übergang/Zwischenakt: Ich war losgefahren, um, nur vordergründig vielleicht, neue Motive für die Postkarten zu finden. Die finden sich ja überall, aber die gewählten Gegenden boten eine neue Herausforderung, die, zusammen mit der “Kartenmission” im Hinterkopf, den Klischees der mitteleuropäischen Lust an der Dystopie vor Augen als unbewußtes Ergebnis Bilder mit ungewohnter Ausstrahlung besitzen: nicht pur industriell, nicht emotional negativ oder düster, bild-kompositorisch nicht überverwirklicht. Trotzdem sind das keine Postkartenmotive. (..)

Ebenso die folgenden Aufnahmen eines aktuellen innerstädtischen Verschwindens. Interessant: die kulturbewußte Stadtführung erlaubte eine Graffitisierung der zum Abbruch stehenden Schulgebäude, so daß sich auf meinen Aufnahmen nun der ätherische Mix aus knalligen Sprühfarben an abbrechenden Sichtbeton-Wänden und Gebäudehüllen inmitten ungepflegt-saftigsten Grüns finden. Wiederum weder Postkartenmotive noch Endzeitstimmungsklischees, sondern etwas Neues..

__________________________________________________________________________ Musik beim Teil-2-Schreiben heute:

Coralie Clément: “Salle des pas perdus” 101 (EMI), 2004

__________________________________________________________________________ Musik beim Nachschneiden am folgenden Donnerstag:

Steely Dan: “Two Against Nature” Giant Records, 2000