Archiv für den Monat: Mai 2012

Ein Maienabend, kurz vor Gewitter

Schnell hingeworfen, das neue Outfit des Soodlepoodle- so liebe ich das: Bilder durchblättern, irgendwann an einem hängenbleiben, das ich bislang keines zweiten Blickes gewürdigt habe. Eins, irgendwo in einer Serie mit lauter ähnlichen Aufnahmen versteckt. Dann: digitale Ärmel hochkrempeln, etwas herumprobieren mit Kontrast und Färbung und schwupp- eine neue Idee, die zur Stimmung gerade paßt:

Für das endgültige Startbild hab ich eine halbtransparente Lösung dieser Aufnahme angerichtet, die hinter der Schrift zwar farblich ziemlich schwächelt, dafür aber mehr Geheimnisvolles hat. Und la Knalligkeit nach dem Klicken kommt umso dicker ;-) __________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

John & Mary: “Victory Gardens”, Rykodisc, 1991

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Dafen dedicated to mass producing replicas of old masterpieces. Place your order now and impress you friends.” Diesen Satz fand ich als Einleitung auf dem frisch gefundenen  totallycoolpix.com. Dafen: eine KünstlerArbeiterSiedlung in der nördlichen Nähe zu Hongkong. Nun blicke ich auf diese Fotos, die Kolonnen von Ölgemälden, Werkstattchaos, allerkärgste Lebensumstände und gesichtslose chinesische Hochhausblocks im Dunst zu einem Artikel vereinen. Und weiß nicht, ob ich staunen oder zürnen soll. Das moderne Leben hat mal wieder zugeschlagen und wie manchmal an Tagen solcher Entdeckungen wird wieder ein bislang geschätzter Teil des Lebens entwertet. So zumindest fühlt es sich an.

Beim genaueren Hinsehen ertappe ich mich mal wieder beim zynischgrüngrau eingefärbten Gedanken “Na klar: was geht, wird gemacht.” Dabei gehts gar nicht um “die Chinesen mal wieder”, eher um die Findigkeiten des kapitalistischen Gewinnprinzips, das die Globalisierung flugs zur Absatzpotenzierung in bislang ungedachten Blickwinkeln zu nutzen weiß. Wobei hier der Kunstmarkt ad absurdum gleichzeitig überparodiert und untergraben wird, denke ich.

Außerdem: unsere kompletten Klamotten kommen gedankenlos aus China, wieso dann Halt machen vor Alten Meistern aus Dafen? Musik ist ja auch vom Kulturgut zur allzeit verfügbaren Klangtapete geworden, das Schicksal ihre Produzenten kümmert außer ihnen selbst nur wenige. Also alles nur konsequent postmodern. Kein Grund zur Erregung. Wir warten einfach ab, wie sich dieses neue Leben lebt, wohin es sich entwickeln wird. Sollte man somit nicht eher zu dem Schluß kommen, daß diese hehren alten Meister durch eben diesen infamen Ausverkauf wieder in Umlauf kommen und sich plötzlich Preis-Leistungs-Junkies für solche “Produkte” zu interessieren beginnen, die vor der Entwicklung des Dafen-Prinzips – schon knapp ein halbes Jahr nach Veröffentlichung dieses Artikels ist die nächste virtuelle “Einkaufsmeile auf chinaoilpaintinggallery.org gesichtet- noch nicht mal von der bloßen Existenz dieser Meister gewußt haben?

Ein ähnliches Gefühl der Postmoderne, das mit Entwertung allerdings nicht unbedingt, eher mit Nivellierung was zu tun hat, stellte sich ein, als ich auf das Buch socialnetworkphotography aufmerksam wurde. Hier werden Bilder versammelt, die ebenfalls massenhaft von Interesse sind, nur halt auf der gegenüberliegenden Seite des Bilderkult-Universums. (..) oder, wie Kommentatorin Rosaline am Ende besagten Artikels schreibt: “well, what does this do to art?” im Gegenlicht dazu ein anderer kommentierender “Gast”: “Of course they could produce their own works if they desired, but people buy portraits of Van Gogh, not self portraits of Chinese artists.”

Und als Fazit ein Satz aus der geschätzten Photonews, in der ich das Wort Dafen zum ersten Mal gelesen habe: “Boris von Brauchitsch mutmaßt in seinem englischsprachigen Essay, die Ära des Originals neide sich dem Ende zu. Andererseits scheint jede Replik auch den Wert des Originals zu bestätigen, das sie untergräbt.”