Archiv für den Monat: März 2012

Im Sonntag zuhaus

Herrlichstes Frühlingswetter heute- für mich das Inspirierendste an solchen Tagen, wenn alle Welt unterwegs ist, um die freien Tage zu feiern: zuhause sein, das sich durch die Wohnung drehende Sonnenlicht zu genießen. Die Stille im und ums Haus aufnehmen, das Fehlen einer zu erledigenden Werktäglichkeit als befreiend empfinden, innen und außen ordnen. Langsam sein. Entdecken. Entdecken, was sich als mitunter schon vor längerer Zeit als Fragment einer Inspiration in die vier Wände eingeschlichen hat. Wenn also solches Wetter ist wie hier links, wirkt das auf mich, wenn ich zuhause bleibe als lichte Inspiration, die meinen Tatendrang, die Vision von Frühling, das Gefühl von Neustart und Belebung nach innen umleitet. Im wahrsten Sinne: komme ich an solchen Tagen doch wieder auf Ideen zu Angefangenem oder gar in irgendeiner Schublade zwischengelagerten Projekten zurück, entdecke nebenbei neue Fotografen – durch mußevolles Blättern in meinem Fotobuchstapel, zum Beispiel die mysteriösen Bilder von Graciela Iturbide, über Begleittexte im vorderen Buchteil deren Lehrer, den Mexikaner Manuel Alvarez Bravo, ich bewundere die appetitanregenden Fotos von Deirdre Rooney in einem meiner wenigen Kochbücher, das ich bemerkenswerterweise einzig aus fotografischer Faszination angeschafft habe, im Internet durch gleichzeitiges beiläufiges Surfen gibts heute neu für mich den dazu recht konträr tätigen Gregory Crewdson. Ganz zum Schluß, bevor ich mich dem Schreiben dieses Beitrages widme, entdecke ich noch den Meisterplünderer, Angeber und Urheberrecht-Ignorant Anthony L., dessen blog dummerweise auch noch bildend wirkt, allein schon die Neugier, die beim Brausen seiner geklauten Bildervorräte entsteht! Na, mal sehen, wie lange es dauert, bis da jemand den Hahn zudreht ob so dreister Verklappung fremden geistigen Eigentums… Dann gibt es eine langsame Annäherung an ein erstes kleines -ta-dah!- Filmprojekt, wo ich letzten September mit einer kleinen geliehenen digitalen Kamera eine viertelstündige Sequenz ohne Schnitt aufgenommen habe und diese gerne mit klassisch anmutender Musik vertont sähe. Um da Inspiration zu bekommen, hilft es sicher, so stelle ich mir vor, den Film mehrmals ablaufen zu lassen- sich damit in Stimmung zu versetzen, Möglichkeiten zu erahnen oder durch schnelleren oder verzögerten Ablauf das Wesentliche herauszukitzeln zu versuchen. Dabei lasse ich diverse CDs laufen, um die Wirkung der jeweiligen Kombination Bild-Musik zu testen. Nachdem das alles ohne Instant-Ergebnis verlaufen ist- entspannt zurück in die Schublade damit. So was mache ich gerne und öfters: einen inspirativen Grundgedanken sacht aus der Versenkung zu nehmen, langsam zwischen den Fingern zu drehen und wirken lassen. Ich habe es mit Genuß und vollster Vorsätzlichkeit nicht eilig dabei- kleine gute Ideen werden ja nicht schlecht, und angefangene unvollständige immer besser bei jedem neuen Mal der Betrachtung. Wie man hier sehen kann, hab ich hier ein Bild meiner neues Postkarten-Kartographie-Seite nominiert, zwei Mal historisch, denn weder Motiv (im Vergriffen-Sein begriffen) noch Lokation (geschlossen) gibt es noch. Aber das Motto der neuen Seite lautet ja: the best of Bild-im-Bild gewinnt.. Immer erstaunlicher, das heißt: genauer werden auch meine Vorahnungen eines neuen großen Fotoprojektes, dessen konzeptionelle Möglichkeiten bei jeder fortlaufenden Betrachtung immer größere künstlerische Reichweiten, Interpretationsmöglichkeiten und Gestaltungsformen annehmen. Ohne -mir selber noch nicht klare- Details verraten zu wollen/können, fand dieses Projekt seinen initialen Zündfunken im Verschicken meiner letzten -und dabei ersten Schwarzwald-Postkarte. Die sandte ich einem ehemaligen Schulkameraden, der neben seinem forstwirtschaftlichen Beruf auch noch der Belletristik nahesteht. Das prompte, hocherfreute Feedback legte den Grundstein für eine neue Sicht meiner ganzen bisherigen fotografischen Arbeit. Mehr dazu demnächst an dieser Stelle, wenn das Kind einen Namen und einen Anflug von ersten Ergebnissen hat. Danach surfe ich auf der per Stadtrundfahrt (!) frisch entdeckten Rüdiger Krenkel Webseite und bekomme nach langer Pause Lust auf eine neue Making-Of Serie- mit Eisen, Kränen gar, rostbraungrauer Werkstatt-Atmosphäre, Schweißerfunken und organisch-mathematisch anmutenden Eisenobjekten.. Frühling 2011 Erwachende, kreative Frühlingsgefühle eben. Für diese Stille, in der diese neuen Starts wachsen, liebe ich solche Sonn(en)tage wie heute. Und ich fasse ob des schwindenden Licht des Tages den Plan, gleich morgen früh, wenn wieder allerorten Berufsverkehr stiebt, den Frühling mal anders aufzunehmen als wie immer bisher: am Nachmittag, so wie hier rechts. Sondern: Blüten im ersten Licht des Tages, mitten in der Stadt. __________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

John Williams: “Minority Report” Original Score, Dreamworks (Universal), 2002

Paul Kalkbrenner: “Berlin Calling” Original Soundtrack, Bpitch Control (rough trade), 2008

Original Soundtrack: “Juno”, Rhino Entertainment 2007

Ron Goodwin and The Odense Symphony Orchestra: “The Miss Marple Films”, Label X Europe, 2000

Postkartografie 2012

Der Frühling kommt mit Macht, die Sonne hellt den frühen Morgen schon. All meine Winterschläfrigkeit sieht sich ernsthaft von Vogelgezwitscher und ahnungsvollen Düften bedroht ;-) So rolle ich früher als geahnt aus den Federn und habe Lust auf Neues, auf eine neue Sicht, einen neuen Start. Was liegt da näher als eine frühjahrsputzige Neuordnung meiner Postkartenseite?

Über die Zeit kommen nicht nur ständig Motive, sondern auch Läden und Ansichten hinzu. Der Bilderberg wächst unaufhaltsam und die Unübersichtlichkeit droht, das Ruder auf der Internetpräsenz zu übernehmen. Jetzt, mit annähernd vierzig Postkartenmotiven ist eine Neuordnung angesagt. Frühling! DIE Gelegenheit! Ich kann rauswerfen, was bislang nur brauchbar war. Schönes, aber Vergessenes wiederentdecken und für die leeren Stellen, die dann noch bleiben auf dem Weg zur kartografischen Vollständigkeit, spüre ich jetzt schon eine freudige Vorahnung, wie sie wohl mit neuen Werken der Abteilung “Bild-im-Bild” zu erfüllen sind.

Genau dieses Seitenthema gewinnt dadurch eine neue Gewichtung, wird mit diesem Frühjahrsputz in den Fokus der fotografischen Arbeit gerückt. Die Idee zur Postkartografie geriet einfach: von einigen Motiven gibts ein Lieblingsbild, wie es, gewinnend in der Umgebung arrangiert, vor Ort im Laden steht. Über die Zeit sind die Situationen verändert, die betreffenden Geschäfte haben zum Beispiel umgeräumt, sind umgezogen oder gar völlig von der Bildfläche verschwunden. Meine Lieblingsfotos aber bleiben. Eins davon gab gar den Ausschlag, auf diese kartografische Idee zu kommen, nämlich dieses: 2 Ameisen im Cafe Das kleine, helle Café mit dem weiß gekachelten Thekenblock in den Quadraten schloß irgendwann, als Erinnerung bleiben mir diese zwei “Ameisen auf dem Caféhaustisch”, wie ich dieses Bild für mich getauft habe. Die Assoziation mit den Ameisen wird desto deutlicher, je kleiner man das Bild macht. Daraufhin fielen mir etliche Bilder von Karten in den Läden ein, die ich für gut befinde, sie editiert und auf einem Platz versammelt in einer eigenen “Kartografie”-Abteilung der soodlepoodle.de/postkarten frühjahrsneu aufzubauen. Nach kurzem Überfliegen des Bild-im-Bild-Archivs sammelten sich schon einige fotografische Werke an und ich freue mich darauf, wie die wunderbare Inspiration mir und damit wohl weiter umgeht, welches Seiten-Design sich herausbilden wird und welche noch nicht berücksichtigten Kartenmotive darauf warten, in ebensolchem Rahmen mit diesen neuen Plänen in mind abgelichtet zu werden.. Wie man jetzt schon sehen kann, sind in Kombination mit der Umgebung ganz neue “Geschmacksnoten” der Postkarten(bilder) möglich, von einfach, schlicht, grafisch, farblich sehr zurückgenommen, gar geheimnisvoll bis technisch-bunt, gar romantisch-verspielt! Hier ein kleiner Vorgeschmack!

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Musik beim Schreiben heute:

Festival Strings Lucerne/ Rudolf Baumgartner: “Bach- Brandenburg Concertos 1-4” 1994, RCA Classics

Stacey Kent: “Raconte-moi…” 2010, Token Productions

(Eigene) Werkschau, nicht selbst erstellt

Das sonntägliche Im-Internet-Herumadrenalieren. Viele neue Fotografen seit meiner letzten Visite auf der altbewährten 500photographers.com, von denen mich spontan Vincent Fournier fasziniert. Dann wieder -jippie!- in irgendeiner mail an Kollegen der schon verschollen geglaubte Link zu Brigida Gonzalez. Dazwischen die drastischen Bilder von Eric Bouvet. Alles Leute, von denen man funkensprühende Inspiration beziehen kann. Dann lande ich bei bialobrzeski.de,

und beginne, mich beim Klicken in Unmut zu manövrieren:

Da ich ob der Masse und der ob einer gewissen Ungeduld oft als zwanghaft subsequent programmiert empfundenen Fotografenwebseiten selber ich es plötzlich (!) nervig finde, auf Anhieb keine Thumbnailübersichten des Gesamtwerks klickbar präsentiert zu bekommen, greife ich zu dem sehr wirksamen Google-Bildersuch-Befehl “site:”

Dieser offenbart mit einem Klick sämtliche gefundene Bilder der gesamten betreffenden Webseite. Ein für mich äußerst nützliches Werkzeug, um mir ultraschnell einen Überblick über Fotografen und die allgemeine Anmutung ihrer Werke zu verschaffen!

Zum Vergleich: dieser “Trick” angewendet bei Vincent Fournier, Eric Bouvet mit ordentlichen, realitätsnahen schnellen Ergebnissen. Bei Bridiga Gonzalez gibts  ein ganzes  Bild, das mit dem Impressumstext, obwohl auf ihrer Seite selber viel mehr zu finden sind – wieder was gelernt: Flashseiten mit eingebundenen Bildern liefern (bislang) eher dürftige Ergebnisse. Kann aber auch Absicht sein, wegen des erschwerten Herunterladens, der Copyright-Wahrung und so..

Ebenso wirksam ist das Suchen auf diese Weise nach Bildern von Fotografen, die, meistens aus historischen Gründen, keine eigene Webseite haben. Da reicht der site-Befehl, um zum Beispiel die Bilder eines gewissen Ikko Narahara auf einen Blick in denselben zu kriegen.

Dasselbe wende ich nun für meine eigene Seite an, gespannt, was sich da wohl ergeben mag. Und finde tatsächlich einige vergessene Bilder wieder, die zwar online, aber nicht mehr findbar=offiziell verlinkt sind. Da diese Bilder alle in irgendeiner Reihenfolge -ok: große zuerst, dann nächstkleinere, dann?- erscheinen, die ich nicht selber bestimmt habe, werde ich eines kunterbunten Durcheinanders ansichtig und erinnere mich dadurch an vergessene Fotos und Stationen meiner bisherigen Wege. Voilà & bitte schön: hier die nicht selbst erstellte, unsortierte Soodlepoodle Werkschau! ______________________________________________________________

Musik beim Schreiben heute:

Pat Metheny w/ Dave Holland & Roy Haynes: “Question And Answer” 1990, Geffen

Ein Wort macht mehr aus tausend Bildern

Als ein Jemand, der sich neben der Fotografie auch noch liebend gerne mit Sprache beschäftigt, mußte es ja so kommen: ich entdecke ein für mich völlig neues Land inmitten meiner eigenen Bilder. Aufnahmen, die als Foto an sich nichts, mit Text dagegen alles sind. Ich brauche nur über dieses bescheidene Winterbild hier die Abkürzungsform bekannter Zeitabschnitte zu legen, dazu eine vielsagende, daraus erschließbare Nummer, und schon ist dieses Bild verortet als gefühliges, Ich-schaue-aus-der-kuscheliggeheizten-Wohnung-auf-einen-super-Tagesanfang-bei-klirrender-Kälte-Kalenderbild Ende Februar.

Mit “nichtigen” Bildern meine ich solche, die unter ästhetischem Blickwinkel gesehen überflüssig, langweilig oder gar nervig datenmüllig anmuten. Das geht ja heutzutage schnell, ist man mehr als bewußt gewohnt, jedes Bild sofort in einem Kontext präsentiert zu bekommen, unter einem vorgegebenen Aspekt anzusehen. Denn -siehe da- für fast alle Bilder ist eine Erklärung durch ihr Drumherum nicht nur sichtbar, sondern unumgänglich, in der täglichen auf uns einstürmenden Bilderflut geradezu ein Muß.

Dieser Bilder-kon-Text erstreckt sich von offensichtlicher Werbefotografie oder den Bildern einer Tageszeitung, die Bericht erstatten und dazu den optischen Haken bilden bis zu den unkommentierten Bildern auf Fotoblogs, die durch ihre Lage in denselben ja auf ein Interessensgebiet des jeweilig sie postenden Bloggers hinweisen. Deshalb behaupte ich: alle Bilder sind in ihrer Wirkung flexibel.

Erstaunlicherweise trotz ihrer Unveränderlichkeit als Bildwerk. Und können, durch entsprechende Umtaggung in ihrer Bedeutung völlig umgestaltet werden, denn nicht das Auge, sondern das stets sinnsuchende Gehirn ißt ja mit beim Schauen..

Denn Text fügt eine neue Dimension dazu, die der Interpretation, des Kommentars, der Erklärung. Er hilft/verleitet dazu, das Bild unter einem gewissen Aspekt zu sehen. Guck ich mir dieses Foto einer verregneten Minigolfbahn an, finde ich vielleicht diese ungewohnt organisch wirkende Form der Bahnbegrenzungsrohre interessant im Kontrast zu den sie umgebenden Gegenständen und der komplementären Wiesenfarbe, darüberhinaus bemerke ich jedoch, wie mein Gehirn anfängt, “Und weiter?” zu fragen.

Ich blicke auf dem Bild herum, bemerke vielleicht noch den gekappten Baum, der nur auf den ersten Blick ganz wirkt, stelle mir das Wetter, die Feuchte und den Geruch der Szene vor, sehe am Pfützchen vor dem Golfloch und den in der Steilkurve verstreuten Astbröckchen den eingestellten Betrieb, frage mich nach der Jahreszeit des Aufnahmezeitpunktes. Aber das war es schon. Sollte ich dieses Bild überhaupt wahrnehmen und nicht sofort weiterschweifen. Ist aus diesem ursprünglich unbearbeiteten Foto jedoch durch Umgestaltung, Schnitt und Betitelung DIESES Bild entstanden, wird alles klar: aha, eine kriminelle Umschlaggestaltung.

Herwig Staller:

Da Bücher eine hochkantige Angelegenheit zu sein pflegen, das Motiv blöderweise aber querformatig liegt- gar auch in seinen Bildelementen selbst, wende ich eine Collagentechnik an, die passenderweise dem Inhaltlichen=Patzer entspricht, ihn mit der “Bahnunterbrechung” quasi bebildert. Die Bildwiederholung mit leicht verändertem Ausschnitt paßt zu dem mehrfachen Herumprobieren am Golfplatz- denn jedes verdammte Mal rollt dieser Ball wieder anders! Die beiden Bildhälften lenken ebenso die Aufmerksamkeit auf den zeitlichen Verlauf, den Bruch darin, der ja für Patzer und ihre Betrachtung, ebenso für Kriminalromane essentiell ist: was ist genau wann passiert, wie kam es so weit? Um dem (ebenso wie der Autor erfundenen) Verlag noch sein Layout und Geschmacksmusterclaim zukommen zu lassen, gabs halt noch nen roten Rand, der praktischerweise das Rohrmotiv aufnimmt, dazu.

Der rundet das Bild ab, vervollständigt die Komposition aus Bild, Fläche und Text. Erfüllt ergo für mich ideal die Aufgabe, die eine Umschlaggestaltung zu leisten hat: Diesen modernen, schweifend-gedankenverlorenen Blick darauf hängen lassen. Das Wesentliche des Buches wird auf eine ästhetische, mit dem Inhalt in Einklang stehende Weise zur Ansicht gebracht. Kurz: Interesse geweckt.

Wenn ich mir als Betrachter gar zu überlegen beginne, was es mit diesem Krimi auf sich haben mag, ist das Ziel erreicht. Und das Bild hat in seiner Wirkung enorm zugelegt. Sobald ich dieses Mechanismus, der in seiner Alltäglichkeit nahezu unsichtbar geworden ist, gewahr wurde, bemerkte ich, daß ich mein Bildarchiv plötzlich neu zu bewerten habe. Und wieder erfüllt sich der alte Menschheitstraum von der Kultur, daß alles neu werden kann, betrachtet man es nur unter einem anderen Gesichtspunkt…

Denkt man sich nun bei diesem weiteren Kalenderbild Text und Vierer weg, ist der Weg frei für eine forensische Neuinterpretation. Auch und gerade durch meinen Text davor!

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Musik beim Schreiben heute:

various artists hosted by Jerome: “Luxury House For A Passionate Beginning With Summer” 2005, daredo music

various artists: “Mojo Club Volume Six: Summer In The City” 1997, Motor Music

Quincy Jones: “The Quintessence” 1961, Impulse!

Norah Jones: “The Fall” 2009, Blue Note Records