Archiv für den Monat: Oktober 2011

das StartseitenInterview

Wer in Abständen auf meiner Seite surft, wird schnell eine periodische Änderung des ersten Bildes bemerkt haben. Ganz im Gegensatz zum Inhalt, der sich immer nur partiell, undeutlicher=in Details und zudem noch unregelmäßiger ändert. Nicht immer halte ich den (dafür geplanten) Monat als Frequenz ein, nichtsdestotrotz ist dieses Startbild ein mir besonderes Anliegen.

Soodlepoodle Startbild 2010
Startbild Soodlepoodle Dezember 2009 Soodlepoodle Startbild 2009/6

Einer alten Schreibgewohnheit gemäß versuche ich hier mal einige Informationen über mein Verhältnis zu den wechselnden Bildern auf der Startseite des Soodlepoodle in Interviewform festzuhalten:

Wie bei einem regelmäßig erscheinenden Magazin legst Du anscheinend Wert auf ebenso wechselnde “Cover”bilder. Wenn man dann aber die Webseite betritt, spielen diese Bilder keine Rolle mehr, da sie weder thematisch noch in Variationen oder Geschichten dazu in Erscheinung treten. Dadurch gewinnt man einen etwas zerfahrenen Eindruck, ein reiner Wille, stetig etwas Neues zu präsentieren, klingt da durch. Ohne allerdings mehr dazu zu liefern. Wie kommts? Irgendwann am Start meiner frühen Zeit als Internetbespieler, es war so um den Jahrtausendwechsel, hab ich mal in einem Ratgeber über den Vorzug regelmäßig sich erneuernden Inhalts von Internetseiten gelesen: aktuell sollten sie sein, durch die stete Veränderung Besucher zum Wiederkommen anregen- einfach einen Lebenspuls ausstrahlen. Das leuchtete mir ein und ich habe versucht, dieses Prinzip zu übernehmen, ganz in einem journalistischen Sinne von Nachrichten. Das ist bis heute so geblieben- der Wert einer lebendigen Webseite ist mittlerweile Allgemeingut. Da ich aber auftragsmäßig über keinen regelmäßigen Zulauf neuen Materials verfüge, sondern ganz im Gegenteil meine Projekte fast durchweg frei und selbstbestimmt sind, entstand da auch so ein Reiz, neu Hinzugekommenes als “Opener” einzufügen. Meistens handelt es sich dabei um Einzelaufnahmen, deren ästhetische Qualität mich reizt, sie als einzeln stehendes “Werk” zu präsentieren. Und warum nicht gleich ganz vorne am Eingang?!

Du versammelst die einzelnen Bilder ja immer auch auf Übersichtsseiten, sobald das Jahr vorüber ist, in dem sie erschienen sind. Ein automatisches Archivierungsverfahren, um den Eindruck von Vollständigkeit zu erzeugen? Als Nebenprodukt. Hauptsächlich mache ich das, um gute Bilder nicht zu vergessen. Bilder, aus denen mehr spricht: Ideen für Serien, der Zündfunke für Projekte oder einfach eine Erinnerung, daß diese Fotografien ja auch noch da sind. So kams, daß ich zum Beispiel ein Motiv, das ich 2009 aufnahm und derart platzierte, mir zwei Jahre später (!!), 2011, als Postkartenmotiv auffiel und ich es dann als solches publizierte.

Also eher als so ne Art Inspirationshalde? Genau. Als ne Art, sein potentielles Best-Of Portfolio nicht aus den Augen zu verlieren. Und Bilder, die mir auffallen, bergen oft eine Idee, einen Geschmack oder einen Charme, der weiterführen kann. Außerdem sind sie die geöffneten Fenster, durch die frische Luft hereinweht, sollte ich mich mal allzusehr in ein laufendes Projekt verrannt haben. Eine nicht zu überschätzende Funktion, übrigens.

Spielt bei der Auswahl dieser Fotos auch eine Rolle, inwieweit sie mit Deinem Schriftzug zusammengehen? Immerhin verändert ja das Hinzufügen von Text/Buchstaben ein Foto ja massiv. Nicht immer, in jüngster Zeit aber stärker, wie man am heute aktuellen Bild sehen kann:

Da vermische ich das Musterhafte des Bildes mit einem aus den Buchstaben ebenfalls erzeugten Pattern- ein Spiel mit den beiden Ebenen, verstärkt durch eine Bild- und Textwiederholung in anderer Skalierung. Das entwickelte im Laufe der Zeit und der wachsenden Anzahl der “Titel” eine immer stärker werdende Anziehungskraft: Bild und Text zu kombinieren und etwas Neues daraus entstehen zu lassen.

Und die Folgenlosigkeit des Bildes, wie läßt die sich erklären? Du meinst das Fehlen einer thematischen Weiterführung auf den nachfolgenden Seiten? Das liegt daran, daß ich diese Bilder als Einzelstücke sehe, ja, sehen will und sie immer aus Bildern auswähle, die anderswo nicht vorkommen, weder als Postkartenmotiv, noch als Teil meines Showroom-Konzeptes des Bild-im-Bild-Fotografierens, als Teil einer Serie, die zu einem Making-Of gehört oder zu irgend etwas anderem Geplantem. Dieser exponierte Platz kann gerne auch als Aufmerksamkeitsfokus gesehen werden, auf dem ich für etwas für mich als NeuEntdecktes platziere. Um seine kreative Wichtigkeit zu betonen, es immer wieder erneut zu bertrachten und seine Möglichkeiten für die fotografische/kreative Zukunft zu erahnen.

Also als so ne Art Spielwiese, die durch ihre prominente Position im Netz auch gleich Möglichkeit bietet, Meinungen und Kommentare anzuziehen? Exakt. Durch diese Rückkopplungsmöglichkeit entsteht Raum für weitere Assoziationen, deren kreativer Wert und soziales Potential mir durch den Eigenvertrieb meiner Postkarten immer bewußter geworden ist.

Was meinst Du mit soziales Potential? Als soziales Potential würde ich die Tauglichkeit einer Idee, einer Tätigkeit oder eben eines Fotos bezeichnen, über sie in einen Austausch mit Menschen treten zu können. Das hängt natürlich sehr von den Soft Skills des Impulsgebers oder Schöpfers dieser Idee, der Art der “vermittelnden” Tätigkeit oder Fotos ab, zu einem mindestens ebenso wichtigen Maße aber auch von der öffentlichen Verfügbarkeit=Sichtbarkeit und natürlich der Personengruppe, die damit erreicht werden kann.

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Musik beim Schreiben heute:

Burnt Friedman & Jaki Liebezeit: “Secret Rhythms”, Non Place, 2002

Microstoria: “snd”, Mille Plateaux, 1996

Dirty Three: “Dirty Three”, Big Cat Records, 1995

Optische Zweifel & Modernes Leben

Daß sich langsam, aber sicher das Bewußtsein für die grenzenlose Mach- und Veränderbarkeit von Fotos in den Köpfen durchsetzt, erfahre ich als “Postkartenmann” zwar nur ab und zu. Dann aber klingt bei Fragen wie: “Und da haben Sie nichts dran verändert?” ein schleichender Zweifel durch darüber, ob das Erblickte auch irgendwie einem realen Vorbild entspricht, das zwar dafür Pate stand, aber vielleicht eben nur Pate.

Ein berechtigter und gleichzeitig diffuser Einwand, der sich zwar dessen bewußt ist, daß da “heutzutage immer” was “digital” verändert ist, sich der vielfältigen Möglichkeiten der Postproduktion aber keinesfalls en detail bewußt ist: man kuckt dauernd auf Bilder- sehr schöne, perfekte, ansprechende Bilder- und hat subkutan das permanente Gefühl, daß da ein weiter Weg war von der Szene der Aufnahme bis zu dem optischen Produkt da vor der Pupille. Ich denke dabei an so ins Hyperreale bewegte Bilder wie die von Andrzej Dragan , die cgi-Erstaunlichkeiten von staudinger&franke oder die beiden interessanten Meldungen, daß

a) heutzutage Automotive Bilder cgi-simuliert werden, indem in den mit spezieller Kamera aufgenommene Lichtverhältnisse die fotografisch gewünschten (Licht)Umgebung auf das virtuelle Datenmodell des gewünschten Wagens “reingerechnet” wird. Um nur eine Möglichkeit unter vielen zu nennen. Auch ein Anzeichen für dieses Phänomen finde ich, wenn es da

b) plötzlich in der Werbeindustrie rumpelt und darauf Kampagnen folgen, Bilder unbearbeitet zu lassen, um psychische Schäden der RezipientInnen zu vermeiden. Damit meine ich den via Bild permanent vorgeführten Schönheitszwang, der an keiner modernen Frau spurlos vorübergeht und dem natürlich auch schon kleine Mädchen hilflos ausgesetzt sind.

Also wieder einmal die ungebrochene Macht der Bilder, die in diesem Falle sogar Regierungsmitglieder und nicht “nur” (Frauen-)rechtlerInnen auf den Plan ruft. Nicht auszudenken, sollte sich die Gewißheit eines Tages fest in den Nachwachsenden etablieren:

kein einziger fotografischer Anblick muß frei von Einflußnahme sein. Das würde einige Grundfesten ins Wanken bringen. Der angestammte Authentizitätswert von fotografischen Abbildungen wäre verloren. Fotos können keine Beweise mehr sein, alles auf ihnen kann erfunden und “gebaut” sein.

Und so schleicht sich diese Erkenntnis jetzt schon in die allgemeinen Köpfe und in zehn Jahren dürfte die Vorstellung, ein Foto müsse per se die Wirklichkeit abbilden, historisch geworden sein. Ein weiterer, für mich sich ebenso negativ anfühlender Gedanke ist der, daß auch Bilder von real Existierendem, das ungewohnte Motive in ebensolchen Licht- und Blickverhältnissen vereinigt, ins Unglaubwürdige abzurutschen drohen.

Es wird dem Einzelnen überlassen bleiben, wo er/sie für sich persönlich die Plausibilitätsgrenze zieht. Kulturelle Grundannahmen werden dadurch auf unsicheren=lediglich individuell verankerten Boden gezogen. Ein sehr bedeutender Schritt in unserer globalen Kultur finde ich, dessen künftige soziologische und politische Auswirkungen noch nicht im Entferntesten ausgelotet sind. __________________________________________________________________________ Musik beim Schreiben heute:

Steely Dan: “Gaucho” MCA, 1980

Gioacchino Rossini: “Overtures”, Orpheus Chamber Orchestra, Deutsche Grammophon, 1985

Sergey Prokofiev: “Romeo and Juliet”, London Symphony Orchestra, André Previn, 1973

Serge Rachmaninoff: “Piano Concerto No. 2″, Hélène Grimaud, Royal Philharmonic Orchestra, Jesús Lopez-Cobos