Archiv für den Monat: Juni 2011

Mannheim Postkarten Go Movie

Wie kommt man dazu, seine Postkarten plötzlich in einem Kinofilm zu erblicken? Hier die Voraussetzungen:

1. Sie müssen genau da im Ständer stehen, wo Filmteams bzw. Ausstattungsteams, InnenrequisiteurInnen zu Mittag essen oder sich Material beschaffen. Da es ein “Charaktermerkmal” dieser Berufsgruppe ist, sich ÜBERALL GENAU umzugucken, kann auf eine plärrend prominente Platzierung verzichtet werden- im Gegensatz zu anderen Orten wie Geschenkboutiquen, Buchläden etc. Ergo: es kann/sollte an vielen Stellen sein. Der Zufall ist da fast wichtiger.

2. Dann sollte auf der Karte(nrückseite) was stehen, über das man Kontakt herstellen kann.

3. Da es, wie in meinem Fall SEHR kurzfristig zuging, sollte man täglich am e mail Eingang zugegen sein. Oder hat jemand Lust, gar seine Telefonnummer auf Karten zu drucken? Na also. Von da an ging es sehr schnell letztes Jahr im April; mußte schnell gehen, denn das “Motiv” hatte bis zum nächsten Morgen, an dem in aller Früh die Mannschaft mit der Einleuchtung begann, fertig gestellt zu sein: Kartenauswahl in real überreichen, die Nummern der ausgesuchten Motive per mail bekommen, die gar in groß in die Auswahl kamen. Daraufhin Fertigung per Internetbestellung, Abholung im Labor durch Boten, Danke.

Leider war es durch den straffen Zeitplan nicht möglich für mich, die fertig ausgestattete Filmwohnung mit den platzierten Karten noch fotografisch zu dokumentieren- vieles geschieht unter Zeitdruck, alle Rädchen müssen punktgenau ineinandergreifen. Da hat es keinen Raum für Extrawünsche von Unbeteiligten. Nun, über ein Jahr später die Zufallsentdeckung: der Film wird gar im Wettbewerb um den FILMKUNSTPREIS in Ludwigshafen gezeigt. Prima! Da geh ich dann “Belegexemplar-gucken”- schließlich weiß man ja nicht, was nach dem final cut alles noch zu sehen ist. Kann ja sein, daß so Kleinigkeiten gar nicht vorkommen. Aber ich wurde positv erfreut: drei Motive in einer Einstellung für in einem Film doch lange zehn Sekunden ungefähr.  Da ich noch die Kontaktdaten der Frau Location Scout hatte, versuchte ich mich mit einem Feedback als Laienkritiker , den ich ihr gleich nach Vorstellungsende letzten Sonntag noch zuschickte:

Überraschend spannend und klischeefern war er, “der Brandt” in der “Nachmittagsvorstellung” beim Festival des deutschen Films gestern: harter Stoff, trifft jeden und jede, der auf dieses tabuisierte Thema geworfen ist und zwingt zur (Selbst-)Reflektion. Durch die Vermeidung eines standardisierten Ablaufes nach der Tat allerdings- die Gerichtsbarkeit erweist sich für die Protagonistin als ungeeignet, sich Vergeltung oder auch nur Gerechtigkeit zu verschaffen, verlaufen die Dinge erfrischend und ungemein spannend anders, erinnern durch das autarke Agieren der Figuren in ihrer Freiheit an große Themen des Menschen, wie sie in griechischen Tragödien oder Dramen Shakespeare´scher Größenordnung behandelt werden. Insofern ein sehr interessanter, faszinierender Film mit tausenderlei Anknüpfungspunkte ans menschliche Leben, die condition humain, ans Thema des Menschseins mit nicht wieder gut zu machenden Traumata und Verletzungen. Diese “Umwandlung” von “kaputtgemachter” sexueller Energie in etwas derart Manisch-Destruktives, Malignes fand ich als Symbol für menschliche Aktivität und als Geschichtslieferant sehr faszinierend und ausbaufähig für Film. Durch die stetige Vermengung der Drehorte Mannheim, Ludwigshafen und Karlsruhe (da steht wahrscheinlich diese retro-durchgestylte Anwaltskanzlei) entsteht ein SEHR urbaner Eindruck. Meine Lieblingseinstellungen: -das Mittagessen hoch über den Dächern, lichtdurchflutet mit Blick auf Collini-Center, MVV Hochhaus und dynamisch sich drehenden Baukran- echtes Großstadtfeeling- wow! -das unscharfe Flimmern der Lichter auf der Konrad Adenauer Brücke im Hintergrund der nächtlichen Konfrontation/Begegnung am Ufer -das Verlassen Judiths (die Protagonistin) der Jungbuschwohnung mit dem Fahrrad, Blick die Beilstrasse entlang am Morgen. Auch sehr stilvoll: das Interieur der Anwaltskanzlei mit den Leistenwänden und den Doppeltüren.. Aufgefallen ist mir auch das fast durchgängige Verbleiben der Kamera in der Diele des Paares- ein Symbol für den Transitzustand der Beziehung. Ebenso der Glaubwürdigkeitsfaktor, den eine gelungene Innenrequisite aufbauen (oder zerstören) kann, sprang mir ins Auge: die Bild-an-den-Wänden-Auswahl in der Lehrer/Krankengymnastinnenwohnung, die Marken der Marmelade und die Qualitätsstufe der Einbauküche und Heizkörper.. Ebenso mit der fast nur aufs Repräsentative ausgelegten Arztwohnung mit den Klischeewaschbetonplatten hintenraus.. – well done, Frau Location Scout!

 

PS.: Und drei meiner Mannheim/Ludwigshafenbilder kommen ja auch tatsächlich vor – bemerkenswerterweise die fast abstraktesten, rätselhaftesten, die ich bislang habe: