Kategorie-Archiv: WikiPoodle

Fällt kaum ins optische Gewicht! Oder doch?

36860027Bei einem Umzug vor nun genau zwanzig Jahren hab ich ihn entdeckt. Er stand einfach zurückgelassen auf dem der angemieteten Wohnung zugehörigen Speicherraum unterm spinnwebbezogenen Dachgebälk. »So ein stabiler, praktischer Tisch! Wie kann man den nur wegen der paar Flecken einfach abstoßen!?« dachte ich mir und integrierte ihn wie einen willkommnen fehlenden Gast in mein Inventar.

Und nun sind diese Art Flecken en vogue und ich habe somit einen wunderbar trendigen Hintergrund für schnell selbstfotografierte Stilleben. Und Versuchsanordnungen mit gemeinsamen Motiven wie diesen beiden. Oben: hat sich so ergeben mit absentem (Ordnungs)Hirn beim simultanen Wäscheaufhängen und Schablonenmalen. Unten: ausgedünnt und angeordnet, das Thema des Tages:

das optische Gewicht.

Ganz einfach zu erklären, wenn man nicht nur Worte, sondern auch Bilder benutzen darf. Also schaut mal:36860034Und – wie ist Eure Befindlichkeit beim Anblick dieser drei Gegenstände, in ihrem von mir als Fotografen bestimmten Rahmenviereck? Schief? ok. Anregend durch diese Klarheit beim Wiedersehen mit den geometrischen Grundformen und ihrer Farbfreiheit? ok. Durch den Gegensatz von Flecken/Holz und den Flächen des Tellers und der Kladde? ok.

Was man als erstes nicht glaubt: der rechteste Tellerrand liegt genau am Bildmittelpunkt. Sowohl horizontal wie auch vertikel gesehen. Überrascht? Ich schon. Ich hätte gedacht, der wäre Einiges weiter rechts.  Und unten. Und das isses schon: die Hellig- und Dunkelheit der dargestellten Kandidaten und deren Flächenausdehnung sprich Größe bestimmt auch unseren Eindruck von der Ausgewogenheit und Schwere, der “Gewichtung” der Bildelemente.

Voilá optisches Gewicht.

Mein persönlicher Eindruck angesichts dieses Fotos ist der der anregenden Un/Ausgewogenheit, also der eines Bildes, das man genau deshalb gerne länger anguckt. Und sich vielleicht überlegt, ob es daran liegt, das man sich von der schiefen Aufgeräumtheit eher gestört oder zerebral gekitzelt fühlen soll. Bei mir Fall b)!

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Musik beim Schreiben heute:
Shudder to Think: “Pony Express Record“, Big Cat, 1994

Wikipoodle, der Allererste

Obwohl das Wissensportal Wikipedia oft in der Kritik steht – hauptsächlich bewegt sich diese als Kraftfeld zwischen dem Vorwurf des  Wirkens von verdecktem Lobbyismus einerseits und der Bezichtigung als Halbwahrheitspool andererseits – häng ich beim Schreiben mit mindestens einem geöffneten Tab immer drauf rum, um schnell Grundlegendes zu reahsschen, äh: erhaschen.

Irgendwann fiel mir beim Lesen englischer Artikel auf, daß diese erstaunlicherweise keine deutschsprachigen Wiki-Artikel zugeordnet hatten. Und wurde so auf dieses Phänomen aufmerksam. Da seit Gründung der Wikipedia am 15. Januar 2001 und dem heutigen Datum wahrlich genug Zeit vergangen ist, um diesen Wissenspool wahrhaft gesättigt zu wähnen, alle möglichen und unmöglichen Themen als erschöpfend abgedeckt zu sehen und der Vervollkommnung nahe zu vermuten, kommt man aufgrund dieser Entdeckungen schnell zu dem Schluß, den Grund dazu unterschiedlichen Kulturen und deren Wissenspräferenzen geschuldet zu sehen.

Interessanterweise klaffen also bei manchen Auffassungen von der Welt  kulturell bedingte blinde Flecken (im Vorhandensein, nicht nur in der Übersetzung oder Illustration) auf, die ich für spannende Lücken halte. Als erstes frappantes Beispiel stieß ich auf den doch sehr kontrastierenden “content” der deutschen und englischsprachigen Version des Artikels zum Thema Rourkela. Nach dem Begriff “Kreditanstalt für Wiederaufbau” zum Beispiel sucht man in der englischen Version doch recht vergebens..

Auch die sich in Sprichworten ausdrückenden Weltsichten unterschiedlicher Kulturen sind mir von ähnlichem Interesse. Oder das Ausbleiben sinngemäßer Sprüche aufgrund.. unterschiedlicher Kulturen! Ein Beispiel: das Fehlen des zimmereigenen Elefanten im deutschen Sprachraum ;-)

Ebenso ist die Art der “Wiki-Fotografie”, die ja auffällig und zielsicher zwischen den Klischees Amateur- und Schnappschußästhetik verharrt und durch diese “fotografische Suggestion” jeglichen Verdacht des Wirkens von werblichen Fotoprofis – und analog: Artikel-Verfassern – zu vermeiden sucht für die eine oder andere künftige Bildbetrachtung spannend.

Warum zum Beispiel  – und zur Übung – schiede untiges Bild aus??

ÄtscheAntwort: unmöglich zu sagen. Man müßte wissen, worum sich der Artikel dreht, an den das angeheftet wäre. Schotterflug? Bokeh? Steingarten? Urban Gardening? Merksprüche der Eisenbahnerzunft? Ursprünge des GeoCaching? Meteoriten in Wohngebieten? Mm.. Also ich könnte mir da schon einige passende Stellen vorstellen, an denen dieses Foto mit entsprechender Unterschrift ausschließlich humorfrei illustrierenden Charakter hätte, also keinerlei Beimengungen von Ironie, Sarkasmus oder gar Subversion “beinhalten” würde.

Mein Lieblings-Paradebeispiel Fotos-plus-erklärende-Wiki-Ernsthaftigkeit: die mittlerweile entfernte  :-( Rubrik/Galerie-Überschrift: Laugengebäck im Bild.

Wenn ich da allerdings anfinge, zu fantasieren, kämen ganz schön schräge Themen und Kombinationen bei raus. Das ist aber nicht der Sinn eines Online-Lexikons.

Ausscheiden würde das Bild, so für sich allein stehend, eher  wegen der… Symmetrie. Die gilt ja schon als Gestaltung. Das wäre verdächtig..

Darum eröffne ich im Halbspaß heute & hier eine neue Kategorie, den WikiPoodle, in der ich diese gefundenen und künftig auffällig werdende Lücken zusammentrage und dieses Fehlen zum SchreibAnlaß nehme, dazu Essays,  Gedankenfetzen und Überlegungen anzustellen zu verüben.

Materialsammlung, die ebenfalls allererste:

Vor knapp einem Jahr gabs meinen ersten Fall der vergeblichen Wikipedia-Suche, nämlich die nach dem optischen Gewicht.

Ebenso, eine Weile später: das augenscheinliche Fehlen von nützlichen Idioten in Deutschland wunderte mich als zweites, kommt eigentlich doch keine höher entwickelte Gesellschaft ohne sie aus ;-)

Auch eine bestimmte hochinteressante Zeitgeisterscheinung, ein Phänomen der Ideenverklappung, das social media und überschüssige freie Kreativität (wirklich?) um ihrer selbst willen vereint, vermisse ich dieser Tage: den Freitagstexter.

Und gar ein Neues, gerade entdeckt: 81.800 Einträge heute chez Google, aber nicht mal EINE Erwähnung oder Sinnspruchlisteneintrag auf Wikipedia für Nicht zur Strafe, nur zur Übung.

(..)

Funde heute. Beim Schreiben und Links-verfolgen:

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Die heute nur als Kontrastmittel mit dem Text zusammenhängende Bilderstrecke (leider kein Wikitaugliches dabei ;-(  Warum bloß – dazu später mehr) gibts heute mal erst hier unten, aufgenommen: kürzlich, nämlich Ende Mai 2014.

Rheinlustfelsen “1837″. Mannheim, ehem. Schloßgarten

 

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Musik beim Schreiben heute:

Quincy Jones: “Pure Delight – The Essential Of”, Polygram, comp. 1995

The Talking Heads: “Remain In Light”, SIRE , 1980

The Ting Tings: “We Startet Nothing”,  SONY, 2008

Fonosandwich: “Fonosandwich”, Rather Interesting, 1997

various artists: “The Best Of Acid Jazz Volume 2″, ACID JAZZ, 1993